30% Frauen in Afghanistan opiumabhängig


Vor dem Gebäude des englischen Seminars der Universität Bonn haben fortschrittliche Studentengruppen – pardon, Studierendengruppen – ihrem Protest gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan mit der Sprühpistole Ausdruck verliehen:

NATO in Afghanistan: 30% d. Frauen opiumabhängig!

Die tapferen Widerstandskämpfer (und -innen), die tagsüber freiwillig in den Hörsäälen und Gebäuden der Uni auf der Suche nach Diskriminierung, Ausgrenzung und davon Betroffenen Streife laufen, hatten ihre Information über die Drogenabhängigkeit afghanischer Frauen aus dem Afghanistan-Factsheet der Informationsstelle Militarisierung (IMI), die ihre „Untersuchungen“ im Verbund mit der „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK) vertreibt [1]. Dort steht nämlich unter der Überschrift Krieg für Frauenrechte?:

Zu den wenigen einigermaßen verlässlichen Indikatoren über den Stand der Frauenrechte zählt die Tatsache, dass die Zahl der Selbstmorde in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist.
20-30 Prozent der Frauen sind opiumabhängig, die Prostitution nimmt zu. Im Juli 2009 warnte ein UN-Bericht vor der „wachsenden Gewalt“ gegen Frauen, insbesondere Vergewaltigungen würden sprunghaft zunehmen.

(Foto: Youtube) 20 – 30%: sicherheitshalber nimmt man da die obere Grenze des Intervalls, das macht sich besser, wenn man es darauf anlegt zu zeigen, daß der Einsatz westlicher Truppen dem Land sowieso nur Unglück gebracht hat. „Unzuverlässige Indikatoren“ sind dagegen alle positiven Meldungen über die Entwicklung Afghanistans seit dem Beginn der Besetzung durch US- und NATO-Truppen. So versteigt sich das Fact-Sheet z.B. zu der Behauptung, Afghanistan würden „im Rahmen der Besatzung neoliberale Wirtschaftsreformen verordnet.“ Die KriegsdienstgegnerInnen beklagen „die umfassende Privatisierung von Staatsbetrieben“, die angeblich zu Massenentlassungen und einer hohen Arbeitslosenquote beitragen würden. Das alles sei die „Hauptursache für den andauernden bewaffneten Konflikt“ in ihrem Land, so glauben es 70% der Afghanen „laut einer Oxfam-Umfrage vom November 2009“. Die Verfasser des Fact-Sheets verraten uns allerdings nicht, wie man in diesem von Chaos, Warlords und korrupten Militärs regierten Land eine repräsentative Umfrage macht. Darüber sieht man großzügig hinweg, kommt es doch darauf an, den Leser in seiner vorgefaßten Meinung zu bestärken, daß nämlich letztlich Kapitalisten, Finanzheuschrecken und die mit ihnen verbündeten westlichen Militärs und Geheimdienste die Ursache für alles Übel sind, nicht nur in Afghanistan.

Doch wie ist das nun mit den Frauen in Afghanistan? Sind 20% von ihnen „opiumabhängig“? Oder 30%? Hat die Vergewaltigungsrate zugenommen, und seit wann? Vielleicht gehen wir erst mal ein paar Jahre zurück in die Zeit, als die Taliban das Land beherrschten. Merkwürdigerweise ist von denen im Fact-Sheet überhaupt nie die Rede. Dabei wäre es doch mal interessant zu erfahren, wie hoch die Vergewaltigungsrate zu Zeiten der Taliban war. Nur um einen Vergleich zu haben. Aber da haben wir ein Problem: im Talibanstaat wurden keine Statistiken über Vergewaltigungen geführt. Warum nicht? Weil es dort den Tatbestand der Vergewaltigung gar nicht gab. Frauen standen Männern zur freien sexuellen Verfügung, eine Weigerung bewirkte bei guter Laune des Ehemanns den Griff zur Peitsche, bei schlechter den zum Messer (siehe Ge- und Verbote der Taliban für Frauen). Es ist also kein Wunder, daß die Vergewaltigungsrate zugenommen hat, zumal dieses Verbrechen inzwischen zur Anzeige gebracht werden kann, ohne daß die betroffene Frau sofort gesteinigt wird. Und das wiederum hat seinen Grund darin, daß [3]

  • 28% der Abgeordneten des afghanischen Parlaments Frauen sind, das sind
    neun Prozentpunkte mehr als im weltweiten Durchschnitt,
  • 64 Sitze des Unterhauses für Frauen reserviert sind; derzeit gibt es 69 weibliche Parlamentsabgeordnete,
  • Mädchen heute rund ein Drittel der insgesamt 8 Mio. Schüler stellen,
  • es 2005 nur 180 Frauen in der afghanischen Polizei gab, 2009 waren es insgesamt 550, Ende 2011 dienten dort bereits 1.300 Frauen.
  • Afghanistan über eine gesetzliche Grundlage zur Beseitigung der Diskriminierung gegen Frauen verfügt. Diese ist zum einen in der Verfassung von 2004 verankert, außerdem seit 2010 ausdrücklich in einem Gesetz zur Eliminierung von Gewalt gegen Frauen (EVAW),
  • und schließlich: noch nie hatte die afghanische Bevölkerung, insbesondere die Frauen, vergleichbaren Zugang zu öffentlichen Leistungen, darunter Bildung und Gesundheit.

Das berichten nicht nur die Bundesregierung in ihrem „Fortschrittsbericht Afghanistan zur Unterrichtung des Deutschen Bundestags“ [3], sondern auch die notorisch antiamerikanische Süddeutsche Zeitung [5] und zahlreiche Hilfsorganisationen aus dem Land [4].

Es scheint, als wären die „KriegsdienstgegnerInnen“ nicht gerade glücklich darüber, daß es den Frauen in Afghanistan eindeutig besser geht als zu Zeiten der Taliban. Ihnen wäre es wohl lieber, wenn NATO- und US-Truppen das Land sofort verlassen würden. Dann könnte man ja mit den „moderaten Taliban“ verhandeln, und außerdem sollten wir diesen Menschen unsere westliche Kultur und Lebensweise nicht aufzwingen. Jazz im Radio hören, Drachen steigen lassen und Mottorrad fahren müssen die afghanischen Frauen ja nicht unbedingt, es gibt viel wichtigere Dinge im Leben.


Anmerkungen und Links

Einige Ge- und Verbote der Taliban für Frauen [6]:

1- Vollständiges Verbot für Frauen, außerhalb ihres Hauses zu arbeiten, welches auch auf Lehrerinnen, Ingenieurinnen und die meisten weiblichen Professionellen angewendet wird. Nur sehr wenigen Medizinerinnen und Krankenschwestern ist es erlaubt, in einigen Kabuler Krankenhäusern zu arbeiten.

2- Vollständiges Verbot für Frauen, irgendeine Aktivität außerhalb ihres Hauses ohne Begleitung eines Mahram (naher männlicher Verwandter wie Vater, Bruder oder Ehemann) durchzuführen.

3- Verbot für Frauen, mit männlichem Verkaufspersonal zu verhandeln.

4- Verbot für Frauen, sich von männlichen Ärzten behandeln zu lassen.

5- Verbot für Frauen, an Schulen, Universitäten und anderen Bildungsinstituten zu studieren (die Taliban haben Mädchenschulen in religiöse Seminare umgewandelt).

6- Forderung an die Frauen, einen langen Schleier (Burka) zu tragen, der sie vom Kopf bis zu den Zehen einhüllt.

7- Auspeitschen, Schlagen und verbale Misshandlung von Frauen, die nicht in Einklang mit der talibanischen Kleiderordnung gekleidet sind oder nicht von einem Mahram begleitet werden.

8- Öffentliches Auspeitschen von Frauen, wenn ihre Fussgelenke nicht bedeckt sind.

9- Öffentliches Steinigen von Frauen, die angeklagt sind, außerehelichen Sex gehabt zu haben. (Eine Anzahl von Liebhabern sind unter dieser Norm zu Tode gesteinigt worden).

10- Verbot, Kosmetik zu benutzen. (Vielen Frauen wurden die Finger mit lackierten Nägeln abgeschnitten).

11- Verbot für Frauen, mit Männern, die nicht Mahram sind, zu sprechen oder ihnen die Hand zu geben.

12- Verbot für Frauen, laut zu lachen. (Kein Fremder soll die Stimme der Frau hören).

13- Verbot für Frauen, Absatzschuhe zu tragen, welche Beim Gehen Geräusche produzieren könnten. (Ein Mann darf die Schritte einer Frau nicht hören.)

14- Verbot für Frauen, ohne einen Mahram ein Taxi zu benutzen.

15- Verbot des Auftritts von Frauen in Radio, Fernsehen und jeder Art von Kommunikationsmedien.

16- Verbot für Frauen, Sport zu treiben oder einen Sportclub zu betreten.

17- Verbot für Frauen, sogar in Begleitung ihres Mahrams, Fahrrad oder Motorrad zu fahren.

18- Verbot für Frauen, farbenfrohe Kleidung zu tragen. Nach der Taliban-Terminologie handelt es sich hierbei um „sexuell anziehende Farben“.

19- Verbot für Frauen, sich zu festlichen Anlässen oder für Erholungszwecke zusammen zu finden.

20- Verbot für Frauen, an Flüssen oder an öffentlichen Plätzen Wäsche zu waschen.

21- Umbenennung von Plätzen, die das Wort „Frauen“ im Namen haben. Der „Frauengarten“ wurde beispielsweise in „Frühlingsgarten“ umbenannt.

22- Verbot für Frauen, sich auf den Balkonen ihrer Wohnungen oder Häuser aufzuhalten.

23- Zwanghaftes Bemalen aller Fenster, damit die Frauen von draußen nicht zu sehen sind.

24- Verbot für männliche Schneider, bei Frauen Maß zu nehmen oder Frauenkleider zu nähen.

25- Verbot von öffentlichen Bädern für Frauen.

26- Verbot für Männer und Frauen, im selben Bus zu reisen. Öffentliche Busse müssen nun mit der Aufschrift „Nur für Männer/Nur für Frauen“ gekennzeichnet sein.

27- Verbot, weite Hosen zu tragen, sogar unter der Burka.

28- Verbot, Frauen zu fotografieren oder zu filmen.

29- Verbot, Bilder von Frauen in Zeitungen und Büchern abzudrucken, oder sie in Häusern oder Läden aufzuhängen.


[1] Factsheet über Afghanistan
[2] Mädchen lernen und haben Angst
[3] Fortschrittsbericht Afghanistan Dezember 2011
[4] Der SPIEGEL: Junge Frauen verlassen Afghanistan, Angst vor den Taliban
[5] SZ: Frauen in Afghanistan „Ich habe jetzt viel mehr Mut“
[6] Frauen unter den Taliban
[7] D-Radio: Mühsame Fortschritte am Hindukusch

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