Grünen-Parteichef Özdemir: Islam gehört zu Deutschland

(Bildquelle: Youtube) Der Deutschlandfunk schreibt heute auf seiner Webseite in der Rubrik
AKTUELL VOM 01.06.2012:
Der Parteichef der Grünen, Cem Özdemir, reagierte mit Unverständnis auf die Äußerungen des Bundespräsidenten. „Wenn der Bundespräsident erklärt, dass Muslime, die hier leben, zu Deutschland gehören, dann gehört natürlich auch ihr Islam zu Deutschland“, widersprach Özdemir.

Muslime seien seit den 60er Jahren nach Deutschland eingewandert. Neben ihren Sprachen und ihrer Kultur hätten sie auch ihre Religion mitgebracht. Bereits der heutige Bundesfinanzminister und damalige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe daher 2006 mit gutem Grund festgestellt, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei, sagte Özdemir. „Es kann keinen Zweifel daran geben, dass der Islam, der Teil unseres Landes ist, unter dem Dach unseres Grundgesetzes gelebt werden muss.“ Das gelte für jede Religion, ob eingewandert oder nicht.
( http://www.dradio.de/aktuell/1771429/ )

Paul Nellen, freier Autor, Politik-Journalist und Parteimitglied bei den GRÜNEN in Hamburg, ist da völlig anderer Meinung und widerspricht Özdemir in einem Brief vehement:

Lieber Cem,

nicht alles, was jemand nach Deutschland bringt, „gehört“ deswegen auch „zu Deutschland“ – oder sollen wir die Mafia, die mit der italienischen Einwanderung ebenfalls nach Deutschland kam, nun in gleicher Weise als zu unserem Land gehörig betrachten? Man kann das tun – als Benennung einer Tatsache. Aber dies allein bedeutet doch nicht, dass das Faktum als Inklusion zu werten oder gar zu begrüßen ist! Natürlich hinkt der Vergleich, weil Islam und Mafia nicht vergleichbar sind. Aber dennoch gibt es menschenverachtende, ja kriminelle Auffassungen und Ausprägungen von Islam, die nicht zu Deutschland gehören und auch nicht von der Mehrheit der hier lebenden Muslime praktiziert werden. Wer hier etwa unter Berufung auf den Islam Zustände herstellen wollte, die ein Reda Seyam („wer den Islam bekämpft, muss getötet werden!“) und seine Salafisten sich wünschen, oder ein Abou Nagie, die Taliban oder die Killer von Boko Haram, der gehört nicht zum Deutschland des Grundgesetzes und der Beachtung von Freiheits- und Menschenrechten, und sein Islam ebenso wenig. Es gibt neben dem grundgesetzkonformen Islam eine Vielzahl von Übergängen zu radikalen Varianten, die wir als unvereinbar mit den Werten des Grundgesetzes erachten. Sie alle machen letztlich „den Islam“ in Deutschland aus – auch dir selbst scheint offensichtlich unwohl bei dem Gedanken zu sein, dass diese mitgemeint sein könnten, wenn vom Islam in Deutschland die Rede ist; anders wäre deine Präzisierung vom gelebten Islam „unter dem Dach des Grundgesetzes“ jedenfalls nicht zu verstehen.

Die Einschränkung ist in der Tat wichtig – und darum geht es dem Bundespräsidenten! Mich erstaunt, dass du seinerzeit, als Gaucks Vorgänger pauschal, fahrlässig und damit angreifbar behauptete, „der Islam“ gehöre zu Deutschland, nicht sogleich die Maßgabe „unter dem Dach des Grundgesetzes“ eingefordert hast, die du jetzt zurecht machst. Auch damals waren schon grundgesetzferne und gesetzeswidrige Formen von Islam in unserem Land virulent, die sich von Christian Wulff, da von ihm nicht expressis verbis ausgeschlossen, durchaus mitgemeint und gewissermaßen anerkannt fühlen durften. Mit dem Wulffschen Diktum im Ohr war es jedenfalls eine zeitlang nur mit Skrupeln möglich, „den Islam“ genauer zu betrachten und seine Facetten, Strömungen und einzelne religiöse Gebote nach ihrer Stellung zu den in Europa obwaltenden leitkulturellen Werten zu beurteilen, geschweige denn abzulehnen. Es bedurfte erst einiger gewalttätiger Auftritte von Salafisten, um uns daran zu erinnern, dass es auch einen Islam gibt, den wir in diesem Land nicht haben wollen – jenen Islam, der eben in weltlichen und politischen Dingen nicht das Grundgesetz als oberste Richtschnur anerkennt, sondern allein die religiösen Vorschriften, sprich die Scharia. Dieser Islam ist nicht auf die wenigen Salafisten beschränkt, er reicht, oft nicht so deutlich erkennbar wie bei den Salafisten, bis weit in die Ausprägungen des normalen, friedlichen „Dialog-Islam“ hinein.

(Bildquelle: Youtube) „Dieser Islam aber gehört nicht zu Deutschland“ (Monika Maron) – das hat der Bundespräsident offensichtlich gemeint. Er hat damit auch den vielen Muslimen in Deutschland, die das Leben unter dem Grundgesetz einem Leben unter der strikten Befolgung aller Gesetze der Scharia vorziehen, einen Dienst erwiesen. „Wer den Koran wörtlich nimmt, wie es der Islam bis heute vorschreibt, wird nicht konfliktfrei durch den deutschen Alltag kommen“, schreibt Monika Maron (http://www.tagesspiegel.de/kultur/glaube/zur-rede-des-bundespraesidenten-der-islam-gehoert-nicht-zu-deutschland/1949762.html). „Muslime, die hier leben“, gehören zwar, wie Joachim Gauck sagt, „zu Deutschland“ – ob es „ihr Islam“ ebenfalls tut, wie du meinst, ist leider viel zu oft nicht ausgemacht.

Ich bin dem Bundespräsidenten dankbar für seine Differenzierung im Begriff Islam. Ich hätte mir gewünscht, dass du ihn in seinem Bemühen dabei deutlich unterstützt und ihm nicht in den Rücken fällst.

Mit grünen Grüßen:

paulnellen
kv hh mitte

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2 Antworten zu Grünen-Parteichef Özdemir: Islam gehört zu Deutschland

  1. Carcinòl schreibt:

    Kein liberaler Islam in Sicht

    Statt auf dem weltweiten Durchsetzen universeller Menschenrechte zu beharren und, damit, Schariagehorsam und Schariagesetze zurückzuweisen, entwirft man die soundsovielte angebliche Islamreform. 2016 wird der Islam reformiert vom Abteilungsleiter für Islamische Theologie / Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg als dem Initiator der Freiburger Deklaration Abdel-Hakim Ourghi (Deutschland) sowie von Dr. Amer Albayati (Österreich), Saïda Keller-Messahli (Schweiz), Dr. Elham Manea (Schweiz) und Ali Ertan Toprak (Deutschland).

    Zu den muslimischen Erstunterzeichnern gehört Lale Akgün (Aufstand der Kopftuchmädchen; vgl. Sägefisch 343. Lale Akgün und der Liberale Islam), einst Politikerin (SPD) und nun Leiterin einer in der NRW-Staatskanzlei angesiedelten Kompetenzstelle. Schon im Mai 2013 hatte sich Akgün im Rahmen der Kritischen Islamkonferenz 2013 für die Gründung eines Verbandes liberaler Muslime eingesetzt. Warum das auch 2016 nichts wird mit der Islamreform und die am Thema Islam vorbeiredende Freiburger Deklaration keine Unterstützung verdient, erzählt Jacques Auvergne.

    https://eifelginster.wordpress.com/2016/09/28/455/

  2. libertus schreibt:

    Paul Nellen ist umfassend beizupflichten: „der Islam gehört nicht zu Deutschland“ muss es heißen, und dann: „es steht jedem Muslim frei, in unserem demokratisch organisierten Deutschland, in dem wir uns (ganz allgemein) christlichen, vielleicht besser: der europäischen Werte-Entwicklung der letzten 3000 Jahre, verpflichtet fühlen, sich frei zu bewegen nach den Grundsätzen seiner Religion, solange er eben dieses Grundgesetz als Richtschnur für persönliches, gesellschaftliches und säkular-gemeinschaftliches Handeln achtet und schätzt.

    Zudem: „den Islam“ gibt es nicht – es gibt einen Koran (wozu alles gesagt ist), den jede Gruppe islamischer Religionsausübung nach eigenem Gutdünken und Vorstellungen interpretiert. Nicht unerheblich sind solche Interpretationen, wenn andere, in anderen Kontinenten gelebte Kulturen und Traditionen mit den Vorschriften des Koran zusammentreffen.

    Und: auch das Christentum, dessen Grundwerte in ganz vielen Bereichen mit den Anforderungen des Grundgesetzes übereinstimmen, ist nicht „an sich“ deutsch, europäisch oder „nahöstlich“, sondern hier gewachsen – gegen und auch mit alle machtpolitischen Taktiken der römischen Kurie und des Papstums; ja, es hat in vielem die tradierten Inhalte der „Amts-Kirche“ überholt. Denn es gibt sehr unterschiedlich gelebte Formen des Christentums, wenn man an seine weltweite Verbreitung unter vielen verschiedenen Kulturen denkt.
    Dennoch ist es, anders als der Islam, für das Werte- und Lebensgefühl der überwiegend „europäisch“ geprägten Menschen in Deutschland Richtschnur. Der Islam ist es „als solcher“ schon gar nicht (siehe oben); das Lebensgefühl und die kulturelle Tradition der muslimischen Bewohner in Deutschland bleiben ihrer persönlichen und strukturell-organisatorischen Integrität zum islamischen Glauben zugestanden – immer, wenn das Grundgesetz und unsere Werteordnung die Richtschnur sind.

    Den Vergleich zwischen „Mafia“ und „Islam“ finde ich etwas unglücklich; obwohl er durchaus eingängig erscheint: etwas nicht schon deshalb als zu Deutschland gehörenden Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens bei uns „zu begrüßen“, obwohl es nicht zu unserer geschichtlichen Tradition gehört. Ein Hinweis, damit es nicht nebulös erscheint: die Entwicklung der europäischen Kultur hat verschiedene Schismen (zwischen den damals beherrschenden Kräften der Religion), verschiedene „Befreiungen“ und kulturelle, wie politische Umbrüche (Aufklärung/ Revolutionen) durchlaufen – mit zwei fürchterlichen (Welt)Kriegen als Höhepunkt eines ungeheuren Machtstrebens unter europäischen Mächten. Aber es hat auch zu einer erstmaligen und bislang einzigartigen Friedensperiode in Europa geführt. Eine solche tiefgreifende Entwicklung fehlt „im Islam“. Er kann bis heute die Rolle, die das Christentum für die kulturellen Erschütterungen in Europa hatte, in seinen Verbreitungsgebieten nicht vorweisen.

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