„Free Gaza“ in Bonn

2014-07-15_18-33-46Immer wenn auf dem Münsterplatz in Bonn für Palästinenser, Gaza oder die „völkerrechtswidrig besetzten Gebiete im Westjordan-Land “ demonstriert wird, sehen wir vorwiegend Menschen wie die hier abgebildeten. Es ist schon fast rührend: 80-jährige, die „Schluss mit der Besatzung“ fordern, stehen neben jungen Kopftuchfrauen, die Schilder mit „Free Gaza“ hochhalten. Ergänzt wird diese bunte Zusammenstellung „friedensbewegter“ Menschen durch eine Reihe älterer Damen, die bei fast allen Bonner Veranstaltungen zum Thema Palästina anwesend sind. Unter diesen befinden sich regelmäßig auch engagierte „Christinnen“ wie z.B. Frau Dr. Sträter vom evangelischen Kirchenkreis Bonn, die sich gerne für ein friedliches und respektvolles Miteinander von muslimischen und nicht-muslimischen Bonner Bürgerinnen und Bürgern einsetzen, vorzugsweise in einer Umgebung, wo man unter sich ist, etwa im Migrapolis – Haus der Vielfalt im Zentrum Bonns [1].

Zu dieser Sorte frommer Menschen gehörte auch die Rednerin auf dieser Aufnahme, die ein Gebet des Rabbi Levi Weinman-Kelman für die Kinder von Gaza vorlas [3], ein Text, der ohne weiteres auch von Margot Käßmann hätte stammen können. Daß man hier als Alibi-Juden den Rabbi Levi Weinman-Kelman sprechen ließ, hat natürlich seinen besonderen Grund – seine Reformgemeinde in Jerusalem hat ein eigenes Gebetbuch herausgegeben: zum Abschluss jedes Sabbatgottesdienstes sprechen sie ein Friedensgebet, das auch einen Vers aus dem Koran enthält.[2]

Die fromme Rednerin machte sodann Platz für einen weiteren älteren Herrn, der sich den Zuschauern als aufrechter Alt-68er präsentierte: er habe an diesem Platz schon einmal demonstriert, nämlich gegen den Vietnamkrieg, und jetzt demonstriere er gegen die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern. Diese Einleitung erforderte erst mal kräftigen Beifall der Zuhörer. Sodann bekamen wir die Standardfloskel über die „wahren Schuldigen“ an dem „Massaker“ in Gaza zu hören:


Die Europäer sind schuld daran, daß die Juden aus Europa vertrieben sind. Das müssen wir klar sehen. Die Last dieser Verantwortung tragen die Palästinenser! Sie werden aus ihrer Heimart vertrieben, ihnen werden die Grundstücke abgenommen, abgebaut, kaputt gemacht mit Bomben. Und aus Protest gegen diese Politik sage ich Ihnen 2 Gedichte, eins für die Kinder, und eins… ähm…wegen der Angst, die ich habe, der Befürchtung, daß dieser Konflikt im Mittelosten sich ausdehnen kann zu einem Weltkrieg.

Leider waren in diesem Augenblick weder Joschka Fischer noch Frank Walter Steinmeier zugegen, um den Mann mit ihren Warnungen vor dem gefürchteten Flächenbrand im Nahen Osten zu unterstützen.

Die erste Behauptung des tapferen Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten hingegen, daß nämlich „die Europäer“ schuld an der Vertreibung der Juden aus Europa seien, schien in dieser Runde niemanden zu erstaunen. Eher fühlte man sich erleichtert, zu hören, daß nicht nur die Deutschen die Schuldigen waren, sondern auch die anderen Europäer, also z.B. die Dänen, Schweden, Spanier und Franzosen.


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(Klicken Sie auf den Pfeil, um den Youtube-Film zu sehen) Die Rednerin in diesem kurzen Filmausschnitt hingegen sprach über „die Kinder“. Die Kinder in Gaza nämlich, die durch die „Massaker“ der Israelis täglich umkommen. Denen wolle sie eine Stimme geben:
Aber die Kinder in Gaza haben keine Stimme…sie zählen nicht, nicht einmal die toten Kinder.

Ja, so ist das mit den Kindern. Keiner will sie zählen, selbst wenn sie tot sind. Niemand weiß ja auch genau, ob sie nicht im nächsten Augenblick aufstehen und im Davonrennen den UNO-Totenzählern einen Vogel zeigen…
Aber noch nicht einmal diese als Reichsbetroffenheitsnudel auftretende Rednerin aus dem Bonner Umfeld diverser Palästinenser-Organisationen schaffte es, das Publikum für die Solidaritätsveranstaltung am Bonner Münsterplatz zu vergrößern. Die „Kernmannschaft“ rund um die Redner blieb bestehen, keiner der vom Kaufhof zur Post oder zur Bahn hastenden Menschen wollte sich dazugesellen. Die Revolution wollte einfach nicht ausbrechen.

So blieb man unter sich, um in freundlicher Atmosphäre einfach mal ein wenig Gedankenarmut auszutauschen.


Anmerkungen und Links

[1] Gesprächsrunde: Zusammenleben gestalten – Muslime in unserer Stadt Bonn
[2] Katholische Christen begegnen Rabbi Levi Weinman-Kelman in Jerusalem
[3] Gebet des Rabbi Levi Weinman-Kelman für die Kinder von Gaza.
[4] Institut für Palästinakunde Bonn
[5] Bonn: Stoppt die israelische Aggression!
[6] Demonstranten greifen israelisches Paar in Berlin an
[7] Ein Prediger in einer Berliner Moschee fordert öffentlich den Tod der „zionistischen Juden“
[8] Linke und Rechtsextreme protestieren gegen Israel
]9] Berliner Morgenpost: Demonstranten in Berlin greifen israelisches Paar an
[10] Postkarte an Düsseldorfer Juden: Vernichtet die Juden!
[11] Christian Ortner: der Irrtum der Paliversteher.
[12] Bonn: Stoppt das Massaker in Gaza!
[13] Millionenhilfen der EU für die Palästinenser
[14] Der Mythos von der Belagerung Gazas
[15] Reinhard Lütkemeyer: Deutsche zahlten Billionen Mark an Wiedergutmachung an Israel
[16] Blog von Reinhard Lütkemeyer aus Bad Godesberg: Protokolle eines Verrückten
[17] Der zynische Krieg mit den Opferzahlen in Gaza
[18] Independent Media: Tuesday, August 5, 2014:IDF Operation Data
[19] S.P.O.N. – Der Kritiker: Die Deutschen und ihr Lieblingskrieg
[20] Die dubiose Rolle der UN im Gazastreifen
[21] Matthias Küntzel (08.August 2014):Warum starben 400 Kinder in Gaza?
[22] Offener Brief 150 Kulturschaffender in Deutschland zum Krieg in Gaza
[23] Henryk M.Broder: Die Erben der Firma Hinkel (*)

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Eine Antwort zu „Free Gaza“ in Bonn

  1. caruso schreibt:

    „Reichsbetroffenheit“ – ein wunderbarer Ausdruck. Wenn ich darf werde ich ihn an
    passender Stelle gebrauchen.
    lg
    caruso

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