„Wir sind die Neuen“ – und deutsche Filmemacher bleiben die Alten

wir-sind-die-neuenIn der Filmkritik zu „Wir sind die Neuen“ lese ich gerade, wie sich deutsche Filmemacher und -kritiker die personelle Zusammensetzung von Wohngemeinschaften (WGs) vorstellen.

Bei den „entspannten Oldies“ aus der Alten-WG denken die Filmemacher dabei natürlich an Alt-68er, „die nachts trinken, philosophieren und alten Hits lauschen“ und früher mal Rechtsanwalt oder allenfalls „Biologin“ (die Anfang- 60erin) waren. In der jüngeren WG sind sie auch nicht besser: da studiert man Kunstgeschichte oder Jura (statt Germanistik und Psychologie).

Den Machern des Films kommt nicht in den Sinn, daß heute 65-Jährige, auch wenn sie seinerzeit in einer WG wohnten, vielleicht auch Elektrotechnik, Maschinenbau oder Physik studiert haben könnten. Oder Mathematik, Informatik und Chemie. Und daß sie in ihrer Alten-WG nachts möglicherweise etwas anderes machen als zu trinken, zu philosophieren und alten Hits zu lauschen. Wie wäre es z.B. mit Besuchen der Kinder unserer „Alt-68er“? Vielleicht wollen die mit ihren Vätern oder Müttern auch mal gerne ihren neuen Quadrocopter ausprobieren oder brauchen Ratschläge für die Programmierung ihres Content Management Systems? Oder möchten einfach nur Papi bitten, ihnen schnell mal eben Miles Davis „So what“ zu transscribieren?

angela_merkelNein, das paßt nicht ins klischeegesättigte Weltbild der Drehbuchschreiber und Regisseure. Da sehen sie die Welt genauso einfältig wie Angela Merkel [1], die in einem Interview mit BILD der FRAU im März 2013 folgendes sagte:


„Es gibt so viele Menschen, die härtere Belastungen als ich tragen, wenn ich nur sehe, was Pflegerinnen und Pfleger in Altenheimen oder Krankenhäusern leisten, die oft über Jahrzehnte mit Menschen in Notsituationen arbeiten.“

Daß es hunderte andere Berufe gibt, in denen Menschen hart arbeiten und dafür sorgen, daß wir uns morgens warm duschen können und tagsüber statt eines Plumpsklos eine Toilette mit Wasserspülung aufsuchen dürfen, das fällt anscheinend noch nicht mal der Bundeskanzlerin ein, die immerhin Physik studiert hat. Mit ihrem Gerede von den „Pflegerinnen und Pflegern“ biedert sie sich lieber bei den Gutmenschen aus Politik und Medien an, die wie
andrea_nahlesAndrea Nahles, Claudia Roth oder Claus Peymann das Rechenzentrum eines Kraftwerks oder einer Steamcrack-Anlage nur aus den stinklangweiligen Tatort-Filmen der ARD kennen.

Doch nicht nur die Oldies-WG im Film „Wir sind die Neuen“ setzt sich so zusammen, wie es dem eigenen Werdegang der Drehbuchschreiber höchstwahrscheinlich entspricht: auch bei der jungen Studenten-WG sucht man vergebens nach Elektroingenieuren, Chemielaboranten oder wenigstens einem schlichten Programmierer, der dem gebildeten Filmregisseur eher unter dem Begriff Nerd bekannt ist. Auch eine kaufmännische Angestellte, die sich tagsüber mit der Koordinierung der Montagearbeiten von Abluftanlagen, der Erstellung von Rechnungen und Terminlisten herumschlägt und abends Bücher von Henryk M. Broder liest, auch solche Menschen haben in den „Youngster“-WGs deutscher Filmregisseure nichts zu suchen.

Doch könnte man das alles ja noch verkraften, wären da nicht die extrem langweiligen, schauspielerisch erbärmlich schlecht gespielten und aufgesetzt wirkenden Szenen aus dem Trailer, die mich davon abhalten, diesen Film in ganzer Länge anzusehen. Da könnte ich mir ja auch die ARD-Serie „Um Himmels willen“ anschauen, bei der man nach spätestens 2 Minuten zum nächsten Sender zappt, um nicht dem Irrsinn zu verfallen.

Ja, es ist schon erstaunlich, daß der Drehbuchschreiber Ralf Westhoff drei Jahre an diesem Drehbuch „gefeilt“ hat, das angeblich „bissig-frische Dialoge, gutes Timing und sichere Figurenzeichnung“ enthält. Weniger erstaunlich ist es, daß deutsche Filme dieser Sorte international kaum Erfolge aufweisen können, wohingegen uns aus den USA jede Menge Serien wie „Breaking Bad“, „Homeland“ oder „Sex and the City“ erreichen, die offensichtlich gerne gesehen werden. Aber das gemeine Volk, das weder Kunstgeschichte noch Psychologie noch Theaterwissenschaften studiert und noch nicht mal in einer WG autonome Lebens- und Widerstandsformen ausprobiert hat, weiß anscheinend die Filme aus den USA mehr zu schätzen.

Die weit über dem gemeinen Volk stehenden „gebildeten“ Deutschen wissen hingegen, daß die „Amis“ ein kulturloser Haufen von primitiven Waffenfanatikern sind, gesteuert von Riesenkonzernen, Geheimdiensten und Rassisten.

Anmerkungen und Links

[1] Kanzlerin Merkel: Altenpfleger haben härteren Job als ich

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