Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren

Am 6. Juli 2013 versammelten sich auf der Hofgartenwiese vor der Bonner Universität ein paar hundert Absolventen, feierlich gekleidet im Talar und den Farben ihrer Fakultät, um aus den Händen ihres Dekans die „lateinische Urkunde“ zu empfangen – vom Rektor Jürgen Fohrmann als „schmückender Ausweis eines erfolgreichen Studiums“ bezeichnet. Es war Samstag mit strahlendem Sonnenschein, ein Tag also, an dem sonst auf der Hofgartenwiese Studenten, Familien mit Kindern und jede Menge junge Leute sich tummeln, Fußball spielen, lesen, diskutieren oder einfach nur auf dem Rücken liegen und in den Himmel schauen.

Heute aber sah das alles ganz anders aus. Die Wiese war unter den Holzplatten einer riesigen Halle verschwunden, die schon vor einer Woche aufgestellt worden war (Bild links) – schließlich mußte das Ereignis gründlich vorbereitet werden. Und dann, am Tage des großen Uni-Festes, begann alles mit dem „Einzug des Rektorates“. Wer als schlichter Bonner Bürger zufällig vorbeikam und einen Blick auf die „einziehenden“ Damen und Herren Professoren werfen konnte, mußte unweigerlich den Eindruck bekommen, es handle sich um eine Versammlung kirchlicher Würdenträger.

Vorne auf der Bühne standen die Professoren, Doktoren und manchmal auch Absolventen dieser Universität, bekleidet mit Talaren und Barrets in den Farben ihrer Fakultäten und hielten „Ansprachen“. In solchen Kreisen hält man eben nicht mehr Reden, sondern „Ansprachen“, und es macht sich gut, wenn man mit wenigstens einem akademischen Titel daherkommt.

So begannen die Ansprachen also mit dem Rektor Jürgen Fohrman, pardon: Prof.Dr. Jürgen Fohrmann, nach ihm sprach Jürgen Nimptsch, dessen Titel leider nur der des Oberbürgermeisters von Bonn ist (ansonsten ist Nimptsch Gymnasiallehrer, GEW-Funktionär und ein typischer SPD-Apparatschik), und danach sprach als Gastredner „Alumnus“ Dr. Norbert Blüm, der in Bonn Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie studiert hat. Blüm schwelgte in seiner Rede von den „Wonnen der Wissensfreude“, die ihm ein gewisser Joseph Ratzinger, „Liebling der Studierenden“, oder ein Prof. Martin, nach Blüms Meinung ein „strenger Denker und Kantscher Systematiker“, vermittelt hätten. Das Publikum lauschte ergriffen und spendete Applaus.

Das Gerede, besser gesagt Geschwafel über die „Wonnen der Wissensfreude“ und die großartigen Erleuchtungen, derer er durch die Vorlesungen eines späteren Papstes teilhaftig werden durfte, das Gelaber also des ehemaligen Bundesministers auf dieser Veranstaltung, der der akademische Dünkel aus allen Poren troff, erinnerte mich an frühere Äußerungen des Rentenexperten zum Thema Religion, Gewalt und Hass.

So antwortete Blüm auf eine Interviewfrage des Muslim-Markt am 23.02.2007: Welche zukünftige Projekte treiben Sie an?

Blüm: Hass und Gewalt zurückdrängen. Der Toleranz einen Weg bahnen und dem friedlichen Zusammenwirken der Religionen die Bahn brechen. In der Zukunft, für die ich kämpfe, gibt es weder Folter noch Selbstmordattentäter.

Hehre Ziele. Derselbe ehemalige Bundesminister, ausgebildet an der Universität Bonn u.a. als katholischer Theologe, weiß natürlich, wer seinen Zielen im Wege steht: Israel, der Zionismus, die Amerikaner, der Kapitalismus und natürlich die „Ungläubigen“. Es verwundert daher nicht, daß der „Alumni“ der Uni Bonn, Norbert Blüm, in Interviews schon mal Sätze wie „Die Sperranlage ist Stein gewordene Menschenverachtung“ oder „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ von sich gibt und dabei gar nicht merkt, daß er Propagandasprüche von Horst Mahler nachplappert.

Später wurden dann etliche Professoren mit Preisen für ihre vorbildlichen Leistungen an der jeweiligen Fakultät geehrt. Dabei vergaß der Ansager niemals, vor den Namen den jeweiligen Titel zu erwähnen, so daß den Zuhörern der Kopf vor so vielen „Herr/Frau Professor Dr.“ nur so schwirrte. Die geehrten Professoren und Doktoren standen dabei auf der Bühne und sahen aus, als hätten sie sich zu einer Feier kirchlicher Würdenträger im Vatikan versammelt.

Nun weiß der gemeine Bürger über diese merkwürdige Verkleidung bei Studenten und Professoren nicht viel. Also dachten sich die Verfasser der Begleitbroschüre zu dieser Veranstaltung einen 2-seitigen Text aus, in welchem sie die Tradition der Talare, insbesondere an der Universität Bonn, näher erläuterten. Vom ganzen unerträglich pompösen, akademisch aufgeblasenen Charakter der Veranstaltung her war es allerdings kein Wunder, daß auf diesen 2 Seiten nicht ein einziges Wort zur Plakataktion jener Studenten der Hamburger Universität vom 09.November 1967 zu finden war, die den Ausgangspunkt der gesamten Studentenbewegung der 68er bildete:

Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren. In Bonn am 6.Juli 2013 tat man so, als hätte es dieses Ereignis nie gegeben. Ganz offensichtlich war man nicht bereit, den Muff der 1000 Jahre herzugeben, geschweige denn einzusehen, daß es so etwas jemals gegeben hätte. Schade also, daß es keine Bonner Studenten gab, die an diesem Tag dasselbe Spielchen wie damals die beiden Stundenten bzw. ASTA-Vorsitzenden Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer mit ihren Professoren spielten und sich mit diesem Transparent vor die Herren und Damen Professoren stellten, so daß diese den Text auf dem Transparent nicht sehen konnten, das Publikum im Saal aber sehr wohl.

Doch das wäre wohl auch zu viel verlangt von den Studenten, die nämlich alle, ohne Ausnahme, selbst mit einem Talar verkleidet in der Halle saßen und gespannt auf die Verteilung der „lateinischen Urkunde“ warteten. Im Begleitheft der Veranstaltung sind diese Studenten übrigens alle namentlich aufgeführt, nach Fakultäten getrennt. Und da fällt dem unbeteiligten Leser noch etwas interessantes auf: auf 13 Seiten verteilt sich diese Tabelle aller Absolventen dieses Jahrgangs. Und auf diesen 13 Seiten sind 7 Fotos der Studenten verteilt, auf denen sie uns mit Talar und Barret bekleidet zulächeln.

Jedoch sehen wir auf keinem einzigen dieser 7 Fotos einen männlichen Studenten. Scharf gestellt sind ausschließlich die Gesichter hübscher Studentinnen, und so darf man sich wohl die Frage stellen, warum das so ist. Ist der Genderwahn auch an der Bonner Universität schon so weit fortgeschritten, daß es in der Grundordnung der Uni nur noch Professorinnen gibt? Und sollen zum Ausgleich für Jahrhunderte der Unterdrückung jetzt männliche Studenten in den Publikationen der Universität gar nicht mehr abgebildet werden? Oder sind die Verfasser dieser Begleitbroschüre etwa verkappte Sexisten, die ihre Pamphlete gerne mit Bildern hübscher Frauen schmücken?

Wahrscheinlicher ist der erstgenannte Grund: der Genderwahn hat auch diese Uni ergriffen. Man sah das aber nicht nur an diesen Fotos, sondern hörte es auch in den „Ansprachen“ im Festzelt, wo unentwegt von Absolventinnen und Absolventen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Professorinnen und Professoren und, etwas einfacher, von Studierenden die Rede war. Neben ihrem Geschlecht gibt es aber noch eine weitere Eigenschaft, die das Leben der Studenten an der Uni prägt: nämlich ihr jeweiliges Studienfach.

Die Financial Times [4] meint, daß die Unternehmen, die das Fest finanzieren, unter den Absolventen Nachwuchs rekrutieren könnten. Ich vermute mal, daß die Redakteure der Zeitung die Studienrichtungen der Absolventen nicht genauer unter die Lupe genommen haben, sonst wäre ihnen aufgegangen, daß die meisten dieser Absolventen nur bei einem einzigen Unternehmen unterkommen werden: beim Staat und seinen Ablegern (worunter auch die Haupt-Sponsoren dieser Veranstaltung fallen, die Deutsche Telekom und die Deutsche Post).

Hunderte von Rechtswissenschaftlern, Germanisten, Romanisten, Asien-Wissenschaftlern und Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaftlern, Kunst-, Medien- und Gesellschaftswissenschaftler, welche Firma braucht diese Leute? Nach Fakultäten aufgegliedert stellt den Löwenanteil die Philosophische Fakultät mit 346 Absolventen, und es ist kaum zu erwarten, daß „die Unternehmen“ sich um diese Leute reißen werden. Außer vielleicht ein paar Abteilungen der Telekom, die sich in „Meetings“ um „neue, innovative und nachhaltige Konzepte“ bemühen.

Eins hat mich aber beruhigt, nachdem ich mich über die Zahlen der Stundenten an der Uni informiert hatte:

Glücklicherweise meiden immer noch mehr als die Hälfte der Absolventen diese Pomp-Veranstaltung des akademischen Dünkels.

Anmerkungen und Links

[1] Wikipedia über „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“
[2] Ex-Staatsrat Gert Hinnerk Behlmer provozierte damals die Universität Hamburg
[3] Bundeszentrale für politische Bildung: Wider den Muff von 1000 Jahren – Die 68er Bewegung und der Nationalsozialismus
[4] Financial Times: Bonner Uni-Absolventen feiern wie die Amis
[5] Pressemitteilungen der Uni Bonn vom 03.07.2013: Mit Talar und Barett: 9. Bonner Universitätsfest am kommenden Wochenende
[6] Offizielle Seite der Uni Bonn zum Universitätsfest

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Eine Antwort zu Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren

  1. Petra Eggert schreibt:

    flattert mir doch dieser artikel in mein postfach. kann jedoch nirgends den autor entdecken. aber die bilder hattest du im fb schon eingestellt, also warst du es?

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