Revolution in der Türkei

(Protest der Anwälte im Gerichtsgebäude in Caglayan) In der Türkei passieren derzeit Dinge, wie sie in Deutschland vor 23 Jahren ähnlich passierten: das Volk steht auf, Leute klettern über Mauern, eine gigantische Solidaritätswelle überschwemmt das Land. Bei all den schlechten Nachrichten, die man bisher gewohnt war aus diesem Land zu hören, muß dies doch jeden vernünftigen Menschen mitreißen und freuen. Von Ayyaş Çapulcu Semra, einer Deutsch-Türkin aus Bonn, stammt die folgende Übersetzung des Berichts eines externen Redakteurs aus Istanbul. Die eingestreuten Fotos sind ebenfalls von Ayyaş Çapulcu Semra’s Facebook-Chronik entnommen.

(Istanbul, nachts) „Vorgestern habe ich an den Protesten in Avcilar teilgenommen. Gestern war ich im Gezi-Park und bin erst sehr spät nach Hause zurückgekehrt. Ich hatte die Gelegenheit, mich mit vielen Leuten zu unterhalten. Es herrscht große Solidarität unter den Menschen. Menschen jeden Alters und jeder politischen Gesinnung waren dort anzutreffen. Freiwillige Ärzte waren dort. Sie haben einen Revier, einen Essens- und Getränkestand aufgebaut. Freiwillige spenden dort Lebensmittel, und diese werden kostenlos an die Demonstranten verteilt.

Ich hatte noch nie zuvor so viele bewusste, gebildete, kluge und zeitgenössische Türken auf ein Mal gesehen. Man fühlte sich wie in einer modernen Welt. Eine kleine Kopie dessen, wonach ich mich in der Türkei sehne. Die Menschen sind absolut friedlich. Es herrscht keineswegs Gewalt. Diejenigen jungen Menschen, die sich von der immensen Gewalt der Polizei provozieren lassen, werden sofort von der Mehrheit zurechtgewiesen. Wie ich bereits erwähnt habe, waren Menschen aus jeder Schicht anwesend, so auch zum Beispiel „die Antikapitalistischen Muslime“, die ebenfalls einen Stand hatten.

Die Reaktionen kommen aus allen Richtungen. Ich hatte wirklich eine Gänsehaut. Natürlich kann nicht jeder permanent dort anwesend sein, es ist so eine Art Wachablösung, aber immer ist dort eine Masse anwesend. Es herrscht eine gewisse Ordnung in diesem Chaos. Alle sind freundliche und hilfsbereit. In Istanbul (gemeint ist Taksim, meine Anm.) ist es im Moment etwas ruhiger geworden, aber in Besiktas dauert die Polizeigewalt an, denn dort befindet sich die Kanzlerresidenz. Soweit wir erfahren konnten, soll die Lage in Ankara auch sehr brisant sein.

(In Köln-Ehrenfeld) Die ausländischen Fernsehreporter waren auch dort. Ich habe zum Beispiel das ZDF gesehen. Ich war mit meinen Freunden dort. Diejenigen, die in der Nähe wohnen, sind öfters dort. Die Personenbeförderung erwies sich auch als schwierig, aber jetzt ist es nicht mehr schwierig, dorthin zu fahren. In den ersten Tagen hatten sie die Bus- und Bahnfahrten eingestellt. Aber als Reaktionen aufkamen, mussten sie die Fahrten wieder freigeben. Mit den Gedanken bin ich immer dort, versuche, das Geschehen in dem u. a. Link zu verfolgen. Wenn man einmal dort war, will man immer dort sein. Am Wochenende werde ich wieder hingehen.“


Anmerkungen und Links

[1] Ayyaş Çapulcu Semra

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Türkei veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s