Bonner „Libertäre“ fordern „selbstverwaltete Räume“

Mindestens einmal die Woche bekomme ich Post von der recyclingpapierfreundlichsten Stadt Deutschlands: der Stadt Bonn. So steht es ganz unten auf dem Newsletter ‚BonnLive online‘, der natürlich elektronisch, ganz ohne Papier, übers Internet kommt. Darin präsentiert die Verwaltung der rot-grün regierten ehemaligen Bundeshauptstadt, was in der Stadt in dieser Woche so alles passiert:

Und das alles in einer einzigen Woche! Bonn, so scheint es, ist nicht nur die recyclingpapierfreundlichste Stadt Deutschlands, sondern auch umwelt-, klima- und frauenfreundlich, und wenn noch ein paar mehr Naturheilpraxen, Yoga-Zentren und Kristallschädelhüter-Schulen dazukommen, dann könnte Bonn wohl Freiburg den Rang als „Esoterik-Hauptstadt“ streitig machen.

Wir wollen aber nicht ungerecht sein: denn Bonn ist auch, was soziale Gerechtigkeit und Schutz von Minderheiten angeht ein Vorbild für alle anderen Städte. Das sieht man schon, wenn man an einem Tag wie dem heutigen Samstag über den Münsterplatz geht und dort vielen schwarz verschleierten Muslimas mit ihren Kindern begegnet, die sich besonders gerne in den Kaufhäusern des Bonner Stadtzentrums die Bikinis anschauen, die sie aus verständlichen Gründen nie tragen dürfen.

Aber nicht nur dieses bunte Völkergemisch zeichnet das Bonner Stadtleben an so einem Samstag aus, sondern auch das Engagement seiner Bürger in Umwelt-Initiativen und -Verbänden, die an diesem Tag auf dem Münsterplatz ihre Stände aufgebaut hatten. Vertreten waren der BUND, Greenpeace und die „Biologische Station Bonn“, es wurde ökologisch angebauter Wein geboten, Kinder durften für ihre Schulklassen Kräuterkurse buchen und wer wollte, konnte auch allerlei Pflanzen – heimische natürlich – für den Garten zu Hause mitnehmen.

Auf dem Nachhauseweg, den ich ökologisch korrekt mit öffentlichen Verkehrsmitteln antreten wollte, wurde ich jedoch durch eine Demonstration in der Nähe des Stadthauses aufgehalten. Dort hatte die Polizei die Strasse gesperrt, damit eine Gruppe von vielleicht 100 jugendlichen Demonstranten zusammen mit einem Kleinlastwagen ungestört ihr Anliegen den am Strassenrand stehenden Bürgern mitteilen konnten. Es handelte sich dabei um Mitglieder des sog. Libertären Zentrums , deren Hauptanliegen darin besteht, möglichst mietfrei in leerstehenden Wohnungen „frei von Hierarchien und jeglicher Diskriminierung sich selbst gegenüber treten zu können“, dies selbstverständlich „selbstbestimmt“ und „selbstverwaltet“.

Da die grün/rote Stadtregierung in Gestalt des Oberbürgermeisters Jürgen Nimptsch den Forderungen der Widerstand Leistenden nicht nachkommt, fühlen sich die LIZ-Menschen nun ausgegrenzt. Es bleibt ihnen nichts anderes über, als mit ihren Kassettenrecordern, Radios, Schlafsäcken und Bierflaschen auf der Hofgartenwiese und anderen frei zugänglichen Plätzen der Innenstadt sich niederzulassen und dort gegen den „kapitalistischen Normalzustand“ bei der Wohnungsvergabe zu demonstrieren.

Als jemand, der die Gründung der GRÜNEN in Bonn miterlebt hat, frage ich mich angesichts solcher Ereignisse, ob die Stadtindianer der 80er Jahre irgendwann doch seßhaft geworden sind und Nachwuchs bekommen haben. Ähnlichkeiten zwischen beiden Gruppen sind nämlich deutlich sichtbar, sowohl äußerlich als auch in ihren Flugblättern – die heutzutage natürlich durch eine Website ergänzt werden.

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