George Gruntz: Jazz goes Baroque

Wer war George Gruntz? Wenn man die Nachrufe in den Zeitungen und im Internet verfolgt, so bekommt man den Eindruck, daß der Mann ein Universalgenie war: Pianist, Bandleader, Radio-Moderator, Arrangeur, Komponist, Dirigent und Festival-Leiter. Mit Recht haben die Kommentatoren hier den Tod eines der ganz Großen im europäischen Jazz beklagt, aber nirgends fand ich eine Beschreibung dessen, was mich an dessen Werk so besonders begeisterte: seine beiden Jazz goes Baroque Platten.

Mit der im März 1965 aufgenommenen Platte Jazz Goes Baroque II – The Music of Italy begann nämlich meine erste detaillierte Beschäftigung mit dem modernen Jazz – nicht mit der Barock-Musik, die interessierte mich damals schon lange nicht mehr. Gruntz‘ neueste Platte Jazz Goes Baroque II wurde im Winter 65 und Sommer 66 auf unserem damaligen Plattenspieler arg strapaziert: um die Musik wenigstens teilweise mitschreiben zu können, wurden die Titel mit halber Geschwindigkeit abgespielt (also eine Oktave tiefer) und die Plattenspielernadel häufig in der Mitte eines Stückes neu aufgesetzt.

Man kann sich leicht vorstellen, wie die Platte nach ein paar Jahren des Gebrauchs aussahen! Aber sie existiert noch, Jazz Goes Baroque II kann immer noch auf dem guten alten Plattenspieler abgespielt werden, und glücklicherweise kann man seit letztem Jahr beide Platten auch als CD erwerben.

Hier können Sie einen kurzen Ausschnitt aus dem Titel Danza, Danza, Fanciulla Gentile hören, beide „Jazz Goes Baroque“ Platten kann man bei Amazon als CD kaufen, auch einzelne Stücke der Platten können als MP3-Files heruntergeladen werden.

Was aber war das besonders Faszinierende an dieser Musik, warum konnte ich schon als Schüler nie genug von Danza, Danza, Fanciulla haben? Nun, ein wichtiger Grund war sicher die überaus ungewöhnliche Zusammensetzung der Band: die Rythmus-Gruppe bestand aus George Gruntz am Cembalo, Peter Trunk am Bass und Daniel Humair am Schlagzeug. Und die Bläser? Wer spielte Saxophon, wer Trompete? Niemand, statt dessen trat da eine Truppe von 4 (in Worten: vier!) Querflötisten an, und deren Zusammenspiel, ihr abwechselnd barocker und dann wieder jazziger Sound gaben der Band ihren Charakter: hier wurde mit Begeisterung Musik aus zwei unterschiedlichen Epochen gemixt, und das Ergebnis konnte sich hören lassen!

Im Wintersemester 1967/68 hatte ich in Stuttgart die Gelegenheit, George Gruntz und seine Band live zu erleben, und diesen Abend in irgendeinem kleinen Konzertsaal in Stuttgart werde ich nie vergessen. Neben Gruntz an seinem Cembalo, Peter Trunk am Bass und Daniel Humair am Schlagzeug waren da also auch noch die 4 Querflötisten:

  • Sahib Shihab,
  • Leo Wright ,
  • Stefan von Dobrzynski,
  • Raymond Guiot.


Sahib Shihab kam Anfang der 60er mit Quincy Jones nach Europa, er bläst, wie es auf der Plattenhülle so schön heißt, „mit der wilden Ausdruckskraft eines Roland Kirk„. Seine Improvisationen barocker Themen, garniert mit der von den meisten Jazz-Flötisten verwendeten Überblas-Technik ergeben ungetrübten Jazz-Genuß, man fragt sich beim Zuhören, ob dieser schwarze Jazzer überhaupt gemerkt hat, daß er nicht auf dem Tenorsaxophon, sondern auf der Querflöte gespielt hat.


Leo Wright, vorher lange Altsaxophonist bei Dizzy Gillespie, spielte dagegen eher lyrisch und klar, aber auch bei ihm fühlte man, wie er aus dem barocken Thema ganz lässig mitreissenden Jazz machte. Unterstützt wurden diese beiden schwarzen Musiker (damals waren sie noch „Neger“) von zwei Profis aus der Klassik, nämlich von Raymond Guiot, der von 1962 bis 1991 Solo-Flötist der Pariser Oper war, sowie von Stefan von Dobrzynski, Tenorsaxophionist und Flötist des Berliner SFB-Orchesters.

Interessanterweise wurden fast alle Improvisationen von den beiden schwarzen Saxophonisten/Flötisten bestritten – auch auf der Plattenaufnahme ist das so (bis auf zwei Stücke: Sarabanda (Zipoli)(Solo: Raymond Guiot) und Allegro aus der CembaloSuite Nr. 10 (Scarlatti)(Solo: Raymond Guiot,Stefan von Dobrzynski)) . Und glücklicherweise wurden im Konzertsaal in Stuttgart alle Instrumente mittels Mikrophon verstärkt, so daß ein wahrhaft mitreißender Sound zustandekam.

Und nun fragt man sich, welche Flötenstücke denn auf dieser Platte angeboten wurden. Das Überraschende ist: bis auf eine einzige Ausnahmen, nämlich das Allegro aus der Sonata F-Dur op. 2 Nr: I von Marcello wurden die Titel von den barocken Komponisten gar nicht als Flötenstücke komponiert! Wie aber kamen dann die Flötenparts zustande? Das verrät uns das Plattencover:

George Gruntz arrangierte die Ensemble-Parts stilgerecht unter Anwendung des Concertato-Verfahrens, indem er (wie in dem Allegro aus »II Pastor Fido« ) zwei Flöten plus Cembalo einstimmig mit dem Tutti aus 4 Flöten plus Schlagzeug und Bass oder (wie in dem Allegro aus der Sonata F-Dur) Flöte, Cembalo, Baß und reduziertes Schlagzeug mit dem Tutti aus 4 Flöten, Baß und vollem Schlagzeug wechseln ließ.

Am 10. Januar 2013 ist George Gruntz nun gestorben. Leider habe ich ihn nach diesem Konzert 1967 nie wieder live erleben dürfen, aber seine Musik, besonders seine Interpretationen barocker Kompositionen sind so lebendig wie vor 40 Jahren. Er hat mit dieser eigenwilligen Mischung einen wahrhaft bleibenden Eindruck hinterlassen.


Anmerkungen und Links

Jazz Goes Baroque II – The Music of Italy. Recorded 17./18.03.1965. Philips 1965 (LP: 843.727 PY)

Danza, Danza Fanciulla (Durante) (Solo: Sahib Shihab);
Allegro aus »II Pastor Fido« (Vivaldi) (Solo: Leo Wright);
Lamento d’Arianna (Monteverdi) (Solo:Sahib Shihab, Leo Wright) ;
Aria detta »La Frescobalda« (Frescobaldi)(Solo: Leo Wright);
Allegro aus der Sonata F-Dur op. 2 Nr: I (Marcello)(Solo: Sahib Shihab);
Allegro aus dem »Concerto San Marco« (Albinoni);
Aria de Polidoro aus »Flaminio« (Pergolesi)(Solo: Leo Wright);
Sarabanda (Zipoli)(Solo: Raymond Guiot);
Aria (Pasquini)(Solo:Sahib Shihab, Leo Wright) ;
Allegro aus der CembaloSuite Nr. 10 (Scarlatti)(Solo: Raymond Guiot,Stefan von Dobrzynski).

[1]Jazz Goes Baroque bei Amazon bestellen
[2] Home-Page von George Gruntz
[3]FAZ-Nachruf auf George Gruntz
[4]Wikipedia über Raymon Guiot (französisch)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Jazz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s