Datenschutzhysteriker

Daß Daten vor unberechtigtem Zugriff geschützt werden müssen, ist eine Selbstverständlichkeit, die uns von Politikern, Datenschutzbeauftragten und kleinkarierten Möchtegerne-Ministern täglich eingehämmert wird. Der Datenschutz ist zu einem Fetisch all jener geworden, die schon immer auf der Suche nach den Schuldigen waren, nach den reichen Hintermännern, Unternehmern und Kapitalistenschweinen, also denen „da oben“, die uns „hier unten“ am liebsten mit eintätowierten KZ-Nummern brandmarken würden. Dagegen müssen wir uns wehren, und sei es auch nur als Datenschutzbeauftragter des Landkreises Hinterzarten oder der Fachhochschule für homöopathische Theologie in München.

Ich selbst rechne mich allerdings nicht zu den KZ-Wächtern, aber auch nicht zu denen, die ständig darüber klagen, daß wir alle zu gläsernen Bürgern geworden seien. Ich sitze weder auf einem Amt noch kommandiere ich Soldaten noch bin ich Abteilungsleiter bei einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt. Nein, ich bin nur ein schlichter Bürger ohne Machtbefugnisse über andere und wollte als solcher mal gerne wissen, was denn so im Fernsehen vor 10 Jahren gelaufen ist. Beispielsweise interessiert mich, über was Sandra Maischberger in der Zeit vom 02.09.2003 bis 03.05.2008 in ihrer Talkshow geredet hat. Denn das ist genau die Zeit, über die man im Internet keine Titel der Maischberger-Sendungen findet.

Aber darf man denn überhaupt den Titel einer solchen Sendung, die mehr als 2 Jahre zurückliegt, wissen? Gesetzt den Fall, man wüßte es, darf man dann dieses Wissen einfach so weitergeben? Im Internet womöglich noch?

Nicht doch! Die Sendungstitel unterliegen dem Datenschutz! Man darf nichts über sie erfahren!

Und wer das nicht glaubt, der verfolge mal den Briefwechsel, den ich mit der WDR-Redaktion der Maischberger geführt habe:

27.09.2010

Sehr geehrte Damen und Herren,

auf der Archiv-Seite von Sandra Maischberger
www.daserste.de/maischberger/
sind leider nur die Sendungen ab dem 01.09.2009 erfaßt. Gibt es eine Möglichkeit, eine Liste mit dem Titel, dem Sendungsdatum und den Gästen der Sendungen vor diesem Datum von Ihnen zu bekommen (also nicht das Video der Sendung selbst)? Falls ja, könnten Sie mir diese Liste per E-Mail zusenden?

Mit freundlichen Grüßen

Am gleichen Tag kam folgende Antwort der WDR-Redaktion:

Sehr geehrter Herr Winterhager,

aus rechtlichen Gründen sind keine älteren Sendungen im Archiv vorhanden und es ist leider auch nicht möglich eine Liste dieser rauszugeben.
Wir hoffen, Sie trotzdem auch weiterhin zu den Zuschauern unserer Sendung „Menschen bei Maischberger“ zählen zu dürfen.
Mit freundlichen Grüßen
ii. A. die WDR-Redaktion Menschen bei Maischberger

Da fragt man sich ja schon, wozu eigentlich ein Archiv beim WDR angelegt ist, wenn der größte Teil ja doch regelmäßig vernichtet wird. Daß nicht ALLE Sendung komplett aufbewahrt werden können, ist ja noch verständlich, zumal ja bei Youtube in bestimmten Bereichen sehr viel umfassendere Archive existieren. Aber warum

ist es leider auch nicht möglich eine Liste dieser rauszugeben ?

Was ist das besonders Schützenswerte an einem Titel einer Talkshowsendung von Sandra Maischberger aus dem Jahre 2005? Wer könnte durch das Nennen dieses Sendungstitels in welchen seiner Rechte eigentlich verletzt werden?

Das, so sagte ich mir dann zwei Jahre später, kann mir der zuständige WDR-Redakteur jetzt, nach so langer Zeit, sicher sagen. Und so schrieb ich einen zweiten Brief mit folgendem Inhalt (es handelte sich natürlich immer um E-Mails!):

15.05.2012 11:06
Sehr geehrte Damen und Herren,

haben sie in Ihrem Archiv eine Liste mit den Titeln der Sendungen zwischen dem 02.09.2003 und 03.05.2008? Falls nein, können Sie mir eine Person nennen, die mir zu der Historie der Sendung nähere Auskünfte geben kann? Da der Versuch, die Titel der Sendungen auf diesem Wege per E-Mail von
Ihnen zu bekommen, bisher keinen Erfolg hatte, scheint mir ein persönliches Gespräch mit einem Mitarbeiter erfolgversprechender.

Mit freundlichen Grüßen

Daraufhin bekam ich folgende aufschlußreiche Antwort:

25.07.2012
Sehr geehrter Herr Winterhager, vielen Dank für Ihr großes Interesse. Darf ich fragen, wozu Sie diese Liste haben möchten? Einstweilen mit besten Grüßen
KMH

Klaus Michael Heinz
Leitung RG Talk, Kabarett & Comedy
Westdeutscher Rundfunk Köln
Appellhofplatz 1
50667 Köln
Fon 0221/220-2992
Fax 0221/220-3318
e-mail klausmichael.heinz@wdr.de

Recht hat der Mann! Ich meine, der KMH, also der Klaus Michael Heinz, der immerhin Abteilungsleiter ist, noch dazu von „RG Talk, Kabarett & Comedy“! Denn man muß sich nur mal vorstellen, was man mit diesen Daten alles anfangen kann: ich hätte die Liste mit den Sendungstiteln und den Namen der Teilnehmer ja einfach an den CIA, den Mossad oder den vatikanischen Geheimdienst verschicken können, und wer weiß, was dann alles schreckliches passiert wäre! Da ich aber nichts dergleichen vorhatte, sondern die Sendungstitel mit den Namen der Teilnehmer (oh! Personendaten! Schlimm!) lediglich in mein eigenes, kleines, popeliges Privatarchiv speichern wollte, habe ich dem KMH, also dem Klaus Michael Heinz, noch am selben Tag geantwortet:

25.07.2012
Sehr geehrter Herr Heinz,
vielen Dank für Ihr Interesse an meinen Beweggründen für die Anfrage nach einer Liste mit den Titeln der Sendungen zwischen dem 02.09.2003 und 03.05.2008. Diese Liste ergänzt die bisher noch unvollständige Liste aller Sendungen von Frau Maischberger, die ich in einer kleinen privaten Datenbank pflege.
Darf ich fragen, wozu Sie eine schriftliche Auskunft über die Gründe für meinen Wunsch haben möchten?

Einstweilen mit freundlichen Grüßen
CW
Dipl.-Math. Christian Winterhager

Und seitdem herrscht betretenes Schweigen. Klaus Michael ist beleidigt und schreibt überhaupt nicht mehr. Und die Sendungstitel der Maischberger haben inzwischen beim WDR die Geheimhaltungsstufe 10 bekommen und werden in einem Stahltresor aufbewahrt.

Was bleibt, ist der Gang nach Köln. Vielleicht darf ich ja Sandra Maischberger persönlich mal die Hand schütteln und ihr erzählen, wie vorbildlich ihre Redaktion mit den Fans der Sendung umgeht.

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7 Antworten zu Datenschutzhysteriker

  1. Jörg schreibt:

    Du wirfst hier ganz verschiedene Leute in einem Topf. Es gibt die Leute die sich für den Datenschutz einsetzen und mit diesem häufig für die Informationsfreiheit und es gibt Leute, die den Datenschutz missbrauchen bzw. unter dem Deckmantel des Datenschutzes versuchen, Informationen nicht herauszugeben. Du hattest es mit den letzteren zutun. Personen die sich für den Datenschutz und für die Informationsfreiheit einsetzen würde dein Vorgehen nach dem Grundsatz „Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen“ begrüßen.

    MfG Jörg

  2. Paul schreibt:

    Unter Bezugnahme auf „Deine“ Anfrage, muss es natürlich heißen.

  3. Paul schreibt:

    Etwas ganz besonderes wäre es doch, wenn Du Die so mühsam zusammengesuchten Angaben, dem WDR und KMH zur Verfügung stellen würdest. Unter Bezugnahme auf Seine Anfrage, verbunden aber mit der Bitte diese Angaben aus datenschutzrechtlichen Gründen vertraulich zu behandeln. Das wäre doch der Brüller. 🙂

    • vonhaeften schreibt:

      Ja, das wär was. Am besten ist aber immer noch die persönliche Kontaktaufnahme in physischer Form, möglichst weit oben in der Hierarchie. „Ganz oben“ wäre z.B. die Maischberger selbst. Es wäre schon interessant mal zu erfahren, was sie zu der Geheimniskrämerei ihrer Redaktion sagt…

      • Paul schreibt:

        Wenn es Dir gelingen sollte, informiere uns bitte über das Ergebnis.
        Ich kann mir vorstellen, dass dies nicht nur mich, sondern auch andere aus „Deiner Gemeinde“ interessieren würde.

  4. Rechercheuse schreibt:

    Das Argument „Datenschutz“ scheint mir ein bisschen weit hergeholt. Die „rechtlichen Gründe“ dürften eher im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag und hier im Verweildauerkonzept zu suchen sein, was ein Teil des Telemedienkonzepts ist. Dieses gilt seit 2010, und es ist darin genau festgelegt, was wie lange verfügbar sein darf. Was nicht mehr verfügbar sein darf, braucht auch nicht mehr gelistet zu sein; also kann der KMH vielleicht wirklich nicht helfen.

    Aber wenn es nur um die fehlende Daten in privaten Listen geht, so lassen sich die mit ein wenig Zeitaufwand vervollständigen; es sind ja noch alle Folgen irgendwo im Netz vorhanden, zwar nicht fein säuberlich chronologisch sortiert, aber man kann sie finden.

    Ich habe mal willkürlich ein paar in der Liste fehlende Sendungstermine eingegeben. Hier das Ergebnis:

    17.5.2005: Vorsicht, Justizirrtum. Gäste: Rolf Bossi, Hans Lorenz, Gisela Friedrichsen, Donald Stellwag, Manfred Neder
    14.2.2006: Der gläserne Bürger – Droht uns die totale Überwachung? Gäste: Günther Beckstein, Hannelore Hoger, Jutta Ditfurth, Andreas Weigend, Peter Schaar, Klaus Jansen
    14.11.2006: Krieg am Arbeitsplatz: Ist jedes Mittel erlaubt? Gäste: Thomas Müller, Klaus Kocks, Yvonne Kümmerer, Margit Braun
    28.11.2006: Die Deutschland-Jury. Gäste: Dieter Bohlen, Ursula Engelen-Kefer, Günter Wallraff, Hans-Hermann Tiedje und Oskar Lafontaine
    2.1.2007: Wer hat ein Recht auf Leben? Gäste: Peter Singer, Simone Guido, Claudio Kürten, Dr. Michael de Ridder

    Und auch dieses Bonbon:
    Am 11. April 2007 moderierte Alice Schwarzer an Stelle von Sandra Maischberger, die während ihrer Babypause von prominente Gastmoderatoren vertreten wurde, die Sendung.
    Thema: Früher, härter, unromantischer – Sex ohne Liebe. http://www.aliceschwarzer.de/zur-person/texte-ueber-alice/texte-ueber-alice-2007/schwarzer-moderiert-maischberger/
    Die Namen der Teilnehmer dürften in den Kommentaren zu finden sein. Hier ein ganz spezieller Ausschnitt: http://www.youtube.com/watch?v=IHHmFKvi16E&feature=related

    Man sieht, es geht.
    Viel Erfolg beim weiteren Suchen, Finden und Vervollständigen.

  5. American Viewer schreibt:

    Da fragt man sich ja schon, wozu eigentlich ein Archiv beim WDR angelegt ist, wenn der größte Teil ja doch regelmäßig vernichtet wird.

    Das liegt am GEZ-System in DL. Die „öffentlich-rechtlichen“ Rundfunkanstalten genießen bekanntlich durch ihr Vergütungssystem und ihren rechtlichen Sonderstatus erhebliche Wettbewerbvorteile.

    Aufgrund dieser Vorteile haben deutsche Gerichte und Parlemente (vielleicht war es sogar das BVerfG) den GEZ-Sendern gewisse Auflagen erteilt. Eine Auflage ist zum Beispiel, dass Sendungen nach ein paar Wochen komplett aus dem Internet-Archiv gelöscht werden müssen.

    Andere Auflagen betreffen das Verbot von Apps und so weiter. Die Internetseiten der staatlichen Medien dürfen außerdem kein Angebot erstellen, dass privaten Medien wie Spiegel Online und Welt Online Konkurrenz macht. Das GEZ-System soll Printmedien insgesamt keine Konkurrenz machen.

    So irre ist DL: Man erhebt für Rundfunkanstalten Zwangsgebühren und gleichzeitig wird sichergestellt, dass die Produkte der Rundfunkanstalten so schnell wie möglich aus dem Angebot verschwinden.

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