Jazz und Occupy: Schönes und Schreckliches vom Bonner Sommer

Zuerst mal das Angenehme, nämlich eine Gruppe von 4 jungen Jazzmusikern, die
vor dem Café Goettlich in der Bonner Innenstadt Standards aus dem Real Book spielten. Das ist in Bonn eine große Ausnahme, sieht man doch dort sonst nur Dilettanten, die von dem Wort „Üben“ anscheinend noch nie etwas gehört haben, zum Abzukassieren für ihre audiovisuellen Belästigungen aber meist noch einen besonders großen Hut hinhalten. Wie sagte doch schon Wilhelm Busch:

Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.

Die 4 jungen Jazzer aber vermittelten dem kundigen Zuhörer den Eindruck, daß sie ihre Instrumente beherrschten und sehr wohl den Unterschied zwischen Musik und Geräusch kannten. Um die Ohren des jungen, meist studentischen Publikums des Café Goettlich beim Kaffeetrinken nicht allzu sehr zu strapazieren, spielten sie ein paar Standards aus dem Real Book, jenem inzwischen umfassenden Kompendium klassischer Jazzkompositionen, das ein echter Jazzer immer mit sich rumschleppt. Den vier Musikern, die sich auf meine Frage nach dem Namen ihrer Band kurzerhand in „Cafe Goettlichs All Star Band“ umbenannten, hatten nichts dagegen, daß ihre von mir gefilmte Darbietung bei Youtube hochgeladen wird, und so kann der Leser dieser Zeilen wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus dem Auftritt sehen und vor allem hören.

Am Rathausplatz, nicht weit entfernt vom Café Goettlich, wurde dagegen etwas ganz anderes geboten. Occupy hatte eine Redner/Musik-Tribüne aufgebaut, vor der sich ein etwas verloren wirkendes Häufchen jener Menschen versammelt hatte, die sich gerne als „Basisdemokraten“ sehen, für „globale Menschenrechte“ kämpfen und mittels „bedingunsloser Grundsicherung“ ihr Toilettenpapier bezahlen möchten. Vor ihnen produzierte sich ein geübter Geiger mit Bart und roten Oberwasserlatzhosen im Abspielen von populären Songs, textmässig auf das Occupy-Thema zugeschnitten: wir sind die Guten, und die anderen da oben sind fiese Kapitalisten.

Ich wandte mich den Schildern vor der Bühne zu und las folgendes:

Es gibt Millionen Menschen, die mit der jetzigen Politik sehr unzufrieden und darüber gefrustet sind. Wenn wir dieses Potenzial dazu bewegen können, auf die Strasse zu gehen statt Playstation zu spielen oder agressiv zu werden, dann können wir Dinge bewegen. Richtet euren Frust gegen die Verantwortlichen, nicht gegen Schwache und Unschuldige!

Da ist schon was dran. Man muß sich das nur einmal vorstellen: Millionen von Playstation-Spielern ziehen den Stecker aus ihrer Station, gehen auf die Strasse und „können dann Dinge bewegen“, z.B. eine bedingungslose Grundausstattung aller Bürger mit einer Playstation fordern. Auch sollten die Spielehersteller gezwungen werden, neue, innovative Spielethemen anzubieten, z.B. „Schwache und Unschuldige machen Jagd auf Kapitalisten“ oder „Wir sind das Volk! Hinrichtung von Bankern und Konzernchefs 2.0“. Nur wie bekommt man die Millionen auf die Strasse?

Die kritische Masse für eine Idee in der Bevölkerung liegt bei etwa 10%. Wissenschaftler des Rensselaer Polytechnic Institute (RPI) fanden heraus, wenn 10% der Bevölkerung eine unerschütterliche Meinung vertreten, springt diese auf den Rest über und kann Dinge schnell verändern. Dies ist der sog. Tipping Point = Wendepunkt, NUR ZEHN PROZENT! [1]

Ja, Sie haben richtig gelesen! Nur 10%! In Deutschland müßten wir also knapp 9 Millionen Menschen davon überzeugen, daß eine „umfassende Umverteilung und vernünftige Verwendung des globalen Reichtums“ möglich ist, daß wir im öffentlichen Dienst Millionen neue Stellen schaffen und für alle die 10-Stunden-Woche einführen könnten, natürlich mit vollem Lohnausgleich. Das müßte doch möglich sein!

Nein, das wird es nicht. Schon deshalb nicht, weil die Deutschen seit Hitlers Zeiten die Nase voll von sog. „unerrrschütterrrlichen Meinungen“ haben. Auch wenn in der Nachkriegsgeschichte immer wieder Meinungsterroristen gemeint haben, man müsse nur ein paar Kaufhäuser anzünden und Banker erschießen, um die große Revolution in der Bevölkerung auszulösen: alle diese Versuche scheiterten (zum Glück), und den Tipping Point haben diese Leute nur in ihrer leergelaufenen Birne erreicht.

Anmerkungen und Links

[1] Der Tipping Point des RPI

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