Salafisten sind gar nicht so

(Gastbeitrag von Paul Nellen)
Kübra Gümüsay schreibt in der taz meist islamisch grundierte Kolumnen – als Kopftuchträgerin natürlich aus orthodoxer Sicht, wobei sie die Konflikte glaubenseifriger Muslime mit dem säkularen Alltag in unserem Land teils mit Humor, teils mit leicht indignierter Ironie gegen die oft noch als sehr integrationsunwillig dargestellten Deutschen beschreibt.

In ihrer jüngsten Kolumne vom 18. Juni 2012 „Salafismus als Ausweg“ (http://www.taz.de/Kolumne-Das-Tuch/!95524/) wirft sie einen Blick auf eine Schulklasse mit überwiegend islamischen Schülern, die ein Problem damit haben, dass auf dem Klassenfest auch Alkohol getrunken wird. Strenggläubige Muslime müssen sich von solchen Partys und Feiern („Das können Sie nicht von uns verlangen!“) grundsätzlich fernhalten. Der Konflikt mit den demonstrativ areligiösen Lehrern ist damit vorprogrammiert. Wir ahnen, wie angespannt es in solchen Fällen hierzulande an immer mehr Schulen zugeht und lernen, dass in dem von der Autorin beschriebenen Fall „Islamisierung“ mit distanzierenden Anführungsstrichelchen geschrieben werden muss, weil es ein Unwort aus dem Vokabular der islamkritischen Abteilung ist und zudem überhaupt nicht zur Situation an der Schule passt.

Ich finde aber, man kann das Wort mit Fug & Recht ohne Anführungszeichen stehen lassen – es beschreibt nämlich genau, was auch in anderen Ländern wie Frankreich oder Großbritannien schon gang und gäbe ist: kaum merklich wird der Alltag in bestimmten Bereichen unseres Lebens nach den religiösen Vorschriften und Bedürfnissen der Muslime umgestaltet. Dass einige ansonsten gar nicht groß als Radikale aufgefallenen Muslime an der Schule, von der Kübra Gümüsay berichtet, viel Verständnis für die Salafisten hegen („sie haben viele von der Straße und aus der kriminellen Szene geholt, ihnen Zusammenhalt geboten…“), gehört dort offenbar schon so zur Normalansicht, wie man in Ostdeutschland gemeinsam mit den netten Glatzen von nebenan im Kegelklub ist oder es den Nazis erlaubt wird, Sonnwendfeste zu organisieren, damit die alkbesoffene, kleinkriminelle und ein bisschen braune Jugend endlich mal wieder „von der Straße geholt“ wird, wie die SA das ja seinerzeit so um ’33 auch mit den vielen perspektiv- und arbeitslosen Jugendlichen gemacht hat. Die waren dann umso begeisterte Nazis und voll integriert im „neuen Staat“.

„Statt die Salafisten zu kritisieren, müssten die übrigen Muslime eine Alternative anbieten“, fordert Frau Gümüsay zum Schluss, was aber nur das Zitat einer „engagierten“ muslimischen Schulsprecherin ist.

Man kann es auch so sagen: So lange es keine durch und durch alternative, nämlich islamische Gesellschaft in Deutschland gibt, sollten Muslime, ja am besten wir alle, darauf verzichten, die Salafisten zu kritisieren. Vielmehr gehört die Energie, die sich bei den „übrigen Muslimen“ kritisch gegen die radikalen Islamisten aufbaut, konstruktiv in die Entwicklung des Islam in Deutschland gesteckt. Davon hätten wir am Ende alle was – auch die Salafisten würden das sicher begrüßen. Sie hätten als islamisierende Kraftverstärker für den langen Lauf in die islamische Zukunft Europas endlich jene Funktion, die Claus Leggewie sich schon seit Jahrzehnten vom Islam erhofft:

„Eine gewisse Islamisierung des Abendlandes, das nach dem Tod Gottes den Glauben an sich selbst verloren hat, kann nicht nur den modernen Muslimen aufhelfen, sondern auch Europa nachhelfen.“

(Claus Leggewie: Alhambra – Der Islam im Westen, Rowohlt 1993, Umschlagtext)

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Eine Antwort zu Salafisten sind gar nicht so

  1. Katja schreibt:

    Mich wuerde interessieren, wo fuer dich die Grenze ist zwischen „religionsfreiheit“ bzw. „recht auf selbstbestimmung“ und #nach den beduerfnissen der muslime umgestalten“ // also, wo ist integration verkauft fuer feindliche uebernahme?

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