Thomas von der Osten-Sacken, die freie Rede und Palästinenser ohne Lobby


Im Hörsaal 17 des Englischen Seminars der Universität Bonn veranstaltet der Asta dieser Universität regelmäßig Vorträge und Diskussionen zu aktuellen (nicht nur politischen) Themen. Ich habe mehrere dieser Veranstaltungen besucht und hatte so das Vergnügen, angenehmen Zeitgenossen wie Henryk Broder, Alan Posener oder Thomas von der Osten-Sacken zuzuhören, aber auch hauptberuflichen Antizionisten wie Rupert Neudeck, Felicia Langer oder Harald Moritz Bock, dem Generalsekretär der „Deutsch-Arabischen Gesellschaft e.V.“

Am 1. Februar 2012 gab es nun einen weiteren Vortrag von Thomas von der Osten-Sacken, diesmal mit dem Thema

„Inventur – Zum Zwischenstand der Revolten in Nordafrika und im Nahen Osten“

Ich will auf den Inhalt dieses Vortrages nicht weiter eingehen, wer möchte, kann dazu genügend Details unter den Anmerkungen und Links finden, hier insbesondere der Artikel bei Wikipedia [6] und ein weiterer in TheEuropean [7] Thomas von der Osten-Sacken über die Lage im Nahen Osten nach dem arabischen Frühling.

Statt dessen möchte ich auf zwei Punkte eingehen, die mich an diesem Abend beeindruckt haben. Beim ersten geht es um die Art, wie ein solcher Vortrag gehalten wird. Thomas von der Osten-Sacken hat seinen Vortrag völlig frei gehalten, er brauchte keine Spickzettel, keine Overhead-Folien und auch keinen Notebook mit grafisch aufgeblähten Powerpoint-Dateien, er sprach flüssig ohne verschachtelte Satzungetüme, kurz: es machte Spaß, ihm zuzuhören. Das ist nicht selbstverständlich. Man schaue sich einmal eine der vielen auf Phoenix übertragenen Bundestagsdebatten an.

(Links auf das Bild klicken!) Während in früheren Zeiten noch Kurt Schumacher, Franz-Josef Strauss oder Herbert Wehner mit donnernden Worten in freier Rede den Bundestag in ihren Bann zogen, so lesen heute die allermeisten Abgeordneten langweilige Texte von ihren Spickzetteln ab, mit den immer gleichen Gesten und gelegentlichen Erhöhungen der Stimme (… meine Damen und Herren…). Heerscharen von Redenschreibern verdienen an der rhetorischen Impotenz der Politiker, und diese ereifern sich dann darüber, daß einer der ihren (Guttenberg) beim Abschreiben erwischt wurde. Schlimmer noch sind aber Akademiker, die sich auf “wissenschaftlichen” Symposien [9] oder Podiumsdiskussionen [11] als Prof.Dr.Dr. vorstellen und ihre 10-minütigen Vorträge vom Blatt ablesen müssen, weil sie ansonsten nichts zu sagen wissen. So wie jener Professor der evangelischen Theologie, der anläßlich der Bonner Universitätstage 2009 einen 3/4-stündigen Vortrag über den verhaßten Richard Dawkins mit leiernder Stimme vom Blatt ablas, während in demselben Seminarraum eine Stunde zuvor ein russischer Mathematiker seine Antrittsvorlesung über den Beweis der Poincaré-Vermutung durch Grigori Perelman vollständig frei hielt, unterstützt von ein paar Schwimmringen und Badeenten.

(Links auf das Bild klicken!)
Thomas von der Osten-Sacken hat also einen spannenden, gut verständlichen Vortrag gehalten, in freier Rede, und dann kam die Diskussion, der zweite Punkt dieses Abends, der mir gut in Erinnerung geblieben ist. Das Thema hieß ja „Zum Zwischenstand der Revolten in Nordafrika und im Nahen Osten“, es ging also auch um Araber und den Nahen Osten. Und wie immer, wenn in deutschen Medien, in Talkshows oder auf Podiumsdiskussionen vom Nahen Osten die Rede ist, kommt irgendwann jemand mit dem Argument, man müsse doch auch die Rolle der Israelis bei der ganzen Sache unter die Lupe nehmen. von der Osten-Sacken hatte zwar in seinem Vortrag schon betont, daß der israelisch-palästinensische Konflikt durch die Ereignisse in Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien aus den Medien fast vollständig verdrängt, zumindest aber in die ihm eigentlich zustehende Aufmerksamkeitsskala gerückt worden war. Aber das können aufrechte Antisemiten auf keinen Fall akzeptieren, besonders nicht in Deutschland, wo man seit dem mißglückten Holocaust immer voller Sorge auf das kleine Israel schaut, damit es nicht dieselben Fehler wie die Deutschen im 2.Weltkrieg macht. Auch die Revolte in den arabischen Ländern muß einfach etwas mit den „Siedlern“, der „rechtslastigen Netanjahu-Regierung“ und natürlich mit dem Mossad zu tun haben. Und so war es auch in diesem kleinen Hörsaal am 1.Februar. Es meldete sich ein älterer Herr zu Wort und stellte folgende „Frage“:

Sie setzen sich ja sehr für die Freiheitsbewegungen in den arabischen Ländern ein, und das ist ja auch gut so, aber – die Siedlungspolitik der Israelis ist ja letztendlich auch kontra… geht gegen die Palästinenserrechte…
da die Siedlungspolitik der Israelis eigentlich völkerrechtswidrig ist, und insofern geht das ja jetzt unter in dem allgemeinen übergeordneten Aspekt dieser Befreiungsbewegungen in Afrika… in Afrika und der arabischen Welt. Aber letzten Endes kann man nicht darüber hinwegsehen, daß da ein Spannungsfeld ist, das kann auch eines Tages wieder aufbrechen, wenn es auch im Moment keine Relevanz hat gegen diese Befreiungsbewegungen in der arabischen Welt… die Palästinenser habe keine Lobby! Der Obama, der hat sich da mal stark gemacht, etwas zu tun für diese Friedensinitiative, aber eigentlich….

Die Palästinenser haben keine Lobby! Keiner kümmert sich um sie, nicht eine einzige NGO, keine UNO-Organisation hilft den armen Leuten im Westjordanland, die EU weigert sich, palästinensische Schulbücher zu drucken, es gibt keine UNO-Resolutionen für die Palästinenser, keine bilateralen Hilfen aus Kanada, Australien, Norwegen, Schweden, Frankreich, wie schrecklich, es ist also ganz so, wie es der Berliner Piraten-Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner (95%schwul/5%hetero) sagt:

„Seit 60 Jahren herrscht im Nahen Osten ein Konflikt und niemand kümmert sich darum.”[12]

Auf diese Frage kam die einzig richtige Antwort von Thomas von der Osten-Sacken:

Googlen Sie mal, wieviele Resolutionen der UN-Menschenrechtsrat im Jahre 2010 verabschiedet hat. Und dann schauen Sie sich mal an, wie oft [in diesen Resolutionen] Israel verurteilt wurde, und wie oft der Sudan, der Iran, China, Weißrussland, Kuba oder Venezuela…
Diese Aussage, daß die Palästinenser keine Lobby haben, ist so kontrafaktisch, daß es überhaupt keinen Spaß macht, dagegen zu argumentieren.


Anmerkungen und Links

[1] Free Iran Now!
[2] Thomas Immanuel Steinberg über Thomas von der Osten-Sacken
[3] Interview im „Gestiefelten Kater“ mit Thomas von der Osten-Sacken
[4] Blog des WADI e.V.
[5] Website des Vereins WADI e.V.
[6] Wikipedia über Thomas von der Osten-Sacken
[7] Thomas von der Osten-Sacken im TheEuropean über die Lage im nahen Osten nach dem arabischen Frühling
[8] ASTA der Uni Bonn kündigt Veranstaltung am 01.02.2012 mit Thomas von der Osten-Sacken an
[9] Antisemitismus-Forschung: Kaffeesatzleserei oder Wissenschaft?
[10] Freie Rede im Bundestag
[11] “Wird Religion überflüssig? Der Neue Atheismus stellt die Gottesfrage”, Eine Diskussion im Haus der evangelischen Kirche Bonn
[12] Berliner Piraten-Abgeordneter Gerwald Claus-Brunner zum Nahost-Konflikt

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5 Antworten zu Thomas von der Osten-Sacken, die freie Rede und Palästinenser ohne Lobby

  1. American Viewer schreibt:

    Göttlicher Artikel. Und dann das Schlusszitat:

    Diese Aussage, daß die Palästinenser keine Lobby haben, ist so kontrafaktisch, daß es überhaupt keinen Spaß macht, dagegen zu argumentieren.

    10/10

  2. Veranstalter schreibt:

    Was mir beim zweiten Lesen Ihres Textes aufgefallen ist, ist die in Klammern gesetzte Charakterisierung des Berliner Piraten-Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner als „95%schwul/5%hetero“, die mit seinen zitiierten Aussagen und dem Thema Ihres Textes in keinem Zusammenhang steht. So frage ich mich, wen seine sexuelle Orientierung warum interessieren soll.

    • vonhaeften schreibt:

      Wer auf der offiziellen Piratenpartei-Seite unter der Rubrik „Persönlich“ insgesamt 11 Punkte aufzählt, unter denen so wichtige Chrakteristika sind wie „habe seit über 16 Jahren denselben Freund“ oder „besaß als Kind ein Fahrrad mit Rücktrittbremse “ oder „bin bisexuell (95%schwul/5%hetero,brechnet Zeitanteile von beziehungen)“, der darf sich nicht wundern, wenn die Leser daraus ihre Schlüsse ziehen. Daß Sie zwischen den zitierten Aussagen und dem Thema des Textes keine Zusammenhänge erkennen können, „ist bedauerlich, aber nicht für mich, sprach Schlich“. Und wenn Sie jetzt fragen, was denn dieses Wilhelm-Busch-Zitat mit ihrem Kommentar zu tun hat, dann kann ich Ihnen leider nicht mehr weiterhelfen.

  3. Veranstalter schreibt:

    Was Felicia Langer angeht, so haben Sie recht: Diese wurde 2007 von der ver.di-Jugend NRW-Süd, aber auch vom AStA-Referat für politische Bildung des AStA zum Referat an der Universität Bonn eingeladen. Allerdings ist mir nicht bekannt, dass Rupert Neudeck oder Harald Bock – zumindest in den vergangenen sechs oder sieben Jahren – Gäste des AStA gewesen sind, gleichwohl ich es für wahrscheinlich halte, dass sie im gleichen Hörsaal 17 ihren Sermon abgelassen haben.

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