Reich-Ranicki im Bundestag, Facebook-Cordula Schuh und Norbert Lammert

Als am 27. Januar 2012 Marcel Reich-Ranicki im Bundestag seine Rede hielt, war der Saal mit ernst dreinblickenden Menschen gefüllt, Sorgenfalten und traurige Mienen prägten das Bild. Viele Abgeordnete, darunter jene, bei denen Betroffenheit, vorzugsweise über „soziale Ungerechtigkeit“, zum Markenzeichen gehört, blickten zum Rednerpult und warteten gespannt auf den Moment, in dem der „Literaturpapst“ das Wort ergreifen würde. Ich möchte zu Beginn eines klarstellen: ich unterstelle keinem der dort Versammelten, daß seine Betroffenheit gespielt sei. Ob Lammert, von der Leyen, Gysi oder Wagenknecht: allen Abgeordneten ging es wirklich um ein würdevolles Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Sie meinten es ernst.

Das hält mich aber nicht davon ab, die gesamte Veranstaltung kritisch unter die Lupe zu nehmen. Z.B. den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, der am 27. Januar als Vorredner auftrat.

Lammert habe ich noch in sehr unangenehmer Erinnerung, weil er bei der Feier zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels in der Frankfurter Paulskirche ebenfalls eine Rede hielt. Bei dieser Feier (siehe [10]) verschwendete Lammert kein Wort über den antisemitischen Pöbel, der sich vor der Kirche aufhielt und bei fehlendem Polizeischutz nur zu gerne die ganze Versammlung in der Kirche niedergeschrien hätte.

Als Lammert damals seine Rede begann, dachte er wohl, daß man ihn in seinem Heimatland Deutschland nicht wie seinerzeit den Parteikollegen Hans-Gert Pöttering vor der Knesset mit eisiger Ablehnung und einem Rüffel durch die Knesset-Vorsitzende Dalia Itzik(Bild unten) abwatschen könne und begann daher seine Frankfurter Rede mit der üblichen Rückschau auf die Gründungstage Israels (und Deutschlands) sowie ein paar dürftigen Worten des Lobes für die Aufbauleistungen Israels.


Die bei der Paulskirchen-Veranstaltung (2008) anwesenden Vertreter der stramm antizionistischen Presseorgane Deutschlands brauchten aber nicht lange auf den wichtigsten Punkt seiner Rede, die Israel-Kritik, zu warten. Exakt 52% seiner Rede hatte Lammert abgelesen, als er zu dem Punkt kam, der dann in der Frankfurter Rundschau vom 16.Mai 2008 dankbar als „Kritik aus Respekt“ beschrieben wurde: bis heute gebe es keinen Frieden mit den Palästinensern. Und wer ist daran schuld? Auch als habilitierter „Israel-Kritiker aus Respekt“ bietet sich hier eine bewährte „differenzierte“ Sichtweise des Problems an – man finde einen Juden, den man nach vorne schiebt, um notfalls hinter ihm in Deckung zu gehen. Und so wird ausgerechnet (!) der vor Lammert in der ersten Reihe sitzende neue israelische Botschafter mit einer Aussage zitiert:

„Dass wir es nicht geschafft haben, Frieden mit unseren Nachbarn, den Palästinensern, zu schließen“ hat der neue israelische Botschafter in Deutschland, Yoram Ben-Zeev, vor einigen Tagen in einem Interview als „größten Fehler in den 60 Jahren“ bezeichnet (Badisches Tageblatt vom 6. Mai 2008).

Daß sich Lammert – bewußt oder unbewußt – dieser Alibimasche bediente, war ein Skandal, der in Deutschland als solcher schon gar nicht mehr wahrgenommen wird. Hätte Lammert diese Rede in der Knesset gehalten, so hätte ihn die Knesset-Vorsitzende Dalia Itzik mit ein paar unangenehmen Fragen konfrontiert. Statt dessen stellte sich Lammert dann weiter die Frage, wer denn für die Verhältnisse im Gazastreifen die Verantwortung trägt:

Wer jemals das Elend der Palästinenser insbesondere im Gazastreifen gesehen hat, der muss in der Tat auch nach der israelischen Verantwortung für die aktuellen Verhältnisse fragen.

Kam das Wort „Hamas“ überhaupt in Lammerts Rede vor? Nein. Deutsche Politiker sehen beim Blick auf Palästina zuallererst die „israelische Verantwortung für die aktuellen Verhältnisse“. Ausgerechnet jene, die sich mit dieser Blickweise auf die Geschehnisse im Nahen Osten immer schon besonders „ausgewogen“ vorkommen, werfen den Israelis regelmäßig „Unverhältnismäßigkeit“ und „Unausgewogenheit“ vor. Und wie auf den Hetzseiten der NPD, des Muslim-Markt oder der „anti-imperialistischen Widerstands-Komitees“ fragte sich Lammert weiter voller Sorge:

Und natürlich ist die Frage erlaubt, ob manche Sicherheitsvorkehrungen – zum Beispiel im Westjordanland mit rund 600 Kontrollposten – nicht eher den Islamismus fördern als die Friedensbereitschaft auf beiden Seiten.

Ihre Fragen, Herr Bundestagspräsident, sind erlaubt. Und wenn Sie an einer oder auch mehreren Antworten interessiert sind, dann sollten Sie Ihre Fragen vielleicht auch mal denjenigen Menschen in Israel stellen, die alltäglichem Terror der Palästinenser ausgesetzt waren oder noch sind. Oder meinen Sie, daß die Israelis diese Kontrollpunkte alle nur zum Scherz eingerichtet haben? Daß man sie eigentlich alle abbauen könnte, die „Mauer“ am besten auch noch gleich, damit man anschließend den Palästinensern beim Abschießen ihrer Raketen und Mörsergranaten besser zusehen kann?

Daß nun ausgerechnet Norbert Lammert, der „ausgewogene Israel-Kritiker“ par excellence, den Vorredner zu Marcel Reich-Ranicki abgeben mußte, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Planer dieser Bundestagsveranstaltung. Hier scheint man wohl vergessen zu haben, daß es irgendeinen wesentlichen Zusammenhang zwischen den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus und dem Staat Israel gibt. Und so schickt man dann einen vor, der in seiner Rede von den ungeheuren Verbrechen spricht, die von den „Nazis“ an den Juden begangen worden seien.

Nein, lieber Prof.Dr. Norbert Lammert, auch Akademiker können sich mal irren. Es waren nicht die Nazis, es waren die Deutschen, die diese Verbrechen begangen haben. Es gibt zwar haufenweise Studien und Bücher, aus denen hervorgeht, daß der Nationalsozialismus und der Antisemitismus breiteste Zustimmung in allen Bevölkerungsschichten Deutschlands hatte, aber davon möchten deutsche Volksvertreter anscheinend nichts wissen. Dabei hätte schon ein Blick in die Biographie „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki genügt, um zu erfahren, daß es promovierte Juristen, Metzger und Hertha-BSC-Fans waren, die sich darüber amüsierten, wenn Juden sich vor ihnen ausziehen und auf ihre Unterkleidung urinieren mußten. Ich habe diese Berichte MRRs im Anhang auszugsweise wiedergegeben, weil sie deutlich machen, daß Sadismus und Mordlust nicht ausschließlich auf fanatisch ideologisierte Nazis begrenzt waren. Auch bei Joe Heydecker, dem einzigen deutschen Soldaten, dem es gelang, im Warschauer Getto erschütternde Fotos von den vielen halb verhungerten Kindern auf den Strassen zu machen, können wir nachlesen, daß es die ganz „normalen Bürger“ waren, die sich an den barbarischen Zuständen im Getto delektierten:

Die Zuschauer waren Soldaten aller Dienstgrade zumeist, auch Offiziere, dann oft deutsche Zivilisten aus der Verwaltung des Generalgouvernements, Sekretärinnen, uniformierte Beamte, Arbeitsdienst, Eisenbahner, Rotkreuzschwestern. Ich habe dort, glaube ich, alle Uniformen aller Einheiten und Organisationen gesehen … Die Vorgänge an den Warschauer Gettotoren haben im Laufe der langen Zeit von 1941 bis 1943 hunderttausende oder noch viel mehr Menschen gesehen, sicher fast jeder, den sein Kriegsschicksal einmal nach Warschau führte – und das waren Millionen.

was mir die Frauen an diesem Abend erzählten, zerstörte den letzten Rest meines Glaubens, daß es ein Deutschland gäbe, das dies alles nicht zulassen würde.
Sie sprachen von den Deutschen, ohne herumzuklügeln, ob es nun SS, Wehrmacht, Polizei oder wer weiß was sonst gewesen sei – alle ihre Peiniger bei der Austreibung aus den Landgemeinden waren jedenfalls Deutsche gewesen.

Es ist, nach meinen eigenen Erfahrungen, ganz falsch, in der deutschen Kriegsdisziplin und Perfektion eine Art Mythos zu sehen. Auf dem östlichen Kriegsschauplatz, den vermeintlich raschen Sieg vor Augen, wurde nicht der geringste Wert darauf gelegt, die Ausrottung der Juden verborgen oder geheimzuhalten. An den Massengräbern, wo Ortschaft um Ortschaft die jüdischen Einwohner ohne Unterschied von Alter und Geschlecht blutig niedergemetzelt wurden, standen immer Soldaten, Eisenbahner, Männer der Organisation Todt, Zivilisten, manchmal in der Badehose, oft mit Fotoapparaten, und sahen dem grausigen Schauspiel zu. Die Mordkommandos hatten gar nichts dagegen, es gab keine Absperrungen, niemand wurde vertrieben. Wahrscheinlich galt allgemein vorausgesetzt, jeder Deutsche, in welcher Uniform oder Kleidung immer er da herumstehen mochte, sei als Gefolgsmann Hitlers ohnehin mit den Geschehnissen einverstanden.

Es ist also, wie so häufig in der Geschichte, etwas komplizierter als man denkt. Trotzdem glaube ich, daß Lammert keinesfalls eine Relativierung der Täter und Ursachen versuchte, er hat mit guter Absicht eine Rede formuliert, die im großen und ganzen auch den richtigen Ton traf, aber Kritik darf ja wohl sein, auch wenns mal keine Israelkritik ist.

Andererseits: es gibt auch Leute, denen man es nie recht machen kann, egal was man sagt. Dazu gehören jene Facebook-Teilnehmer, die in jedem Menschen, der nicht mindestens 10 mal am Tag auf seiner Pinnwand gegen Israelhasser und Islamismus protestiert, schon einen Antisemiten sehen.

So können wir etwa auf [7] folgendes Zitat unserer Bundesfamilienministerin Kristina Schröder lesen:

Auf Twitter: „Beeindruckende Rede eben von Marcel Reich-Ranicki anlässlich der Gedenkstunde Nationalsozialismus eben im Bundestag. Sein Buch „Mein Leben“ ist meines Erachtens auch eines der eindrücklichsten Werke über die NS-Zeit. Habe ich mit Anfang 20 verschlungen.“

Darauf schreibt eine Leserin mit dem interessanten Namen Cordula Schuh:

Eine Frage, Frau Schröder:Wie bitte kann man ein Buch bzw. den Inhalt über die Grausamkeiten des NS-Regimes „verschlingen“? Mund auf – Geschichte rein und dann -ohne zeitintensive Umwege in Gehirn und Herz – ab in den Verdauungstrakt?

Ginge es also nach Cordula Schuh, so würde man alle diejenigen, die die Bücher von Reich-Ranicki „verschlungen“ haben, an den Pranger stellen und mit Schuhen bewerfen. Hier ist das Diskussionsniveau, wie bei Facebook so oft, ja nun wirklich am Arsch. Es tritt einem in Form eines Schuhs der beste aller Gutmenschen entgegen: Frau Cordula Schuh, die die Bücher Reich-Ranickis nicht verschlingt, sondern wochenlang nur hinunterwürgt und nicht auszuscheiden wagt, denn wie sie es auch machte, ausgeschissen oder ausgekotzt – es würde ihr immer ein Strick draus gedreht. Man kann an Kristina Schröder (früher: Köhler) ja alles mögliche kritisieren, aber ihr vorzuwerfen, sie habe das Buch von Reich-Ranicki nur verschlungen und daraus zu folgern, sie habe es nicht „mit Herz und Hirn“ gelesen, das ist mit Sicherheit Schwachsinn und grenzt an Verleumdung.

Zum Schluß ein Wort des Altmeisters Reich-Ranicki, der von sich selbst sagt, er sei der
umstrittenste Literaturkritiker Deutschlands:

MRR am Ende des Interviews mit der Jüdischen Allgemeinen

Sie sind 1959 nach Deutschland gegangen. Würden Sie rückblickend sagen, dass dieser Entschluss richtig war?
Am liebsten wären wir nach dem Krieg in die Schweiz übergesiedelt. Aber wir hatten damals kein Geld, man hätte uns dort nicht aufgenommen. Ob es richtig war, nach Deutschland zu gehen und nicht etwa nach Israel oder in die USA? Darüber möchte ich hier und heute nicht sprechen. Ich habe keine Kraft mehr. Haben Sie Nachsicht mit mir. Ich bin ein alter Mann. Adieu.

Die Nachsicht sei dir gegönnt, alter Mann!


Anmerkungen und Links

[1] Die Rede Reich-Ranickis im Wortlaut
[2] Die FAZ zur Rede Reich-Ranickis
[3] SPIEGEL-Online über die Rede Reich-Ranickis
[4] Evelyn Hecht-Galinsky in der Neuen Rheinischen Zeitung zur Rede Reich-Ranickis
[5] Facebook Diskussionen zu Reich-Ranicki
[6] Die Jüdische Allgemeine: Interview mit Reich-Ranicki einen Tag vor seiner Rede im Bundestag
[7] Reich-Ranicki Seite auf Facebook
[8] Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, Deutsche Verlagsanstalt, 1999
[9] Joe J.Heydecker: Das Warschauer Getto, Fotodokumente eines deutschen Soldaten aus dem Jahre 1941 (vergriffen)
[10] Israel wird 60, Feier in der Paulskirche
[11] Kristina Köhler wird zum Haßobjekt politisch korrekter Blogger


Auszug und Kommentar zu Reich-Ranickis Buch „Mein Leben“:


Im Oktober 1939 bekam die Familie Reich-Ranicki in Warschau Besuch von ein paar netten, jungen deutschen Soldaten. Diese klopften artig an der Haustür, wo ihnen der Hausmeister öffnete. Dem erklärten sie, man bräuchte einen Zahnarzt – und hier wohne doch einer, nämlicher Marcels Bruder Alexander. Der war in der Tat Zahnarzt, und so klopften die Soldaten alsbald an der Wohnungstür der Familie Reich-Ranicki, um sich zu erkundigen, wo denn der Zahnarzt sein Gold versteckt habe. Denn die deutschen Herrenmenschen hatten gar keine Zahnschmerzen, sondern waren von der Möglichkeit fasziniert, im Selbstbedienungsladen jüdischer Untermenschen ihren Sold aufzubessern. Also haben sie sich an der Haustür gedacht: hier wohnt ein Zahnarzt, noch dazu ein Jude, der soll mal was von seinem Gold rausrücken.

Das tat er dann auch. Die Deutschen freuten sich und zogen mit vollen Hosentaschen wieder ab. Irgendwelche Skrupel oder Ängste brauchten sie nicht zu haben. Das war ja gerade das Schöne an der Besetzung Warschaus: man konnte all das gefahrlos machen, wofür man sich zu Hause, in Stuttgart, Berlin oder Hamburg, immer noch ein wenig schämen mußte. Im besetzten Polen, fernab der Heimat, gab es dagegen niemanden, der einem tapferen deutschen Soldaten das Recht streitig machen wollte, den jüdischen Spekulanten, Währungsheuschrecken und Wucherern ein wenig von ihrem Gold oder Schmuck abzunehmen.
Denn

hier unterlagen sie keiner Aufsicht und keiner Kontrolle. Anders als am Rhein oder Main konnten sie endlich tun, wovon sie immer schon geträumt hatten: die Sau rauslassen.

Und das taten die Besatzer denn auch immer öfter:

Ende November 1939 erschienen in unserer Wohnung wieder einmal deutsche Soldaten, jetzt aber zwischen zehn und elf Uhr vormittags. Sie wollten anders als ihre schneidigen Vorgänger weder Geld noch Gold, vielmehr benötigten sie Arbeitskräfte, also vor allem junge Männer. Sie nahmen uns gleich mit: meinen Bruder, der die zahnärztliche Behandlung eines vor Schreck erstarrten Patienten unterbrechen mußte, und mich. Auf der Straße stand schon eine Kolonne von dreißig oder vierzig Juden. Da wir etwas besser angezogen waren als die anderen, wurden wir mit spöttischen Zurufen an die Spitze dieses Zuges kommandiert.


Wir mußten nun losmarschieren ohne zu wissen, wohin und wozu. Unsere Bewacher und Antreiber, meist meine Generationsgenossen, also zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt, machten sich einen Spaß daraus, uns zu schikanieren und bald auch zu quälen. Sie befahlen uns zu tun, was ihnen gerade einfiel: schnell zu rennen, plötzlich stehenzubleiben und dann wieder ein Stück zurückzurennen. Wenn auf unserem Weg eine große Pfütze war (es gab sie im zerstörten Warschau überall) und wir sie zu umgehen versuchten, wurden wir sofort gezwungen, durch diese Pfütze mehrfach hin- und zurückzulaufen. Unsere Kleidung sah bald erbärmlich aus und eben darauf kam es diesen Soldaten an. Dann sollten wir singen. Wir sangen ein populäres polnisches Marschlied, aber unsere Bewacher verlangten ein jiddisches Lied.
Schließlich befahlen sie uns, und dieser Einfall schien ihnen sehr zu gefallen , im Chor zu brüllen: »Wir sind jüdische Schweine. Wir sind dreckige Juden. Wir sind Untermenschen« und dergleichen mehr. Ein etwas älterer Jude stellte sich taub. Jedenfalls hat er nicht mitgebrüllt vielleicht weil er zu schwach war oder weil er den Mut hatte, gegen diese Demütigung zu protestieren. Der Soldat schrie »Lauf!«, der Alte lief einige Schritte, der Soldat schoß in seine Richtung, der Jude fiel hin und blieb auf dem Straßendamm liegen. Verletzt? Getötet? Oder nur vor Schreck hingefallen? Ich weiß es nicht, niemand von uns durfte sich um ihn kümmern.


Und ich? Hatte mich dieser deutsche Barbar in der Uniform der Wehrmacht beleidigt oder erniedrigt oder gedemütigt? Ich glaubte damals, er könne mich gar nicht beleidigen, er könne mich nur verprügeln oder verletzen oder auch töten. Ich meinte, es sei richtiger, diesen grausamen Zirkus schweigend, brüllend und singend mitzumachen, als den Tod zu riskieren. Ungewöhnlich war das alles nicht. Es spielte sich beinahe täglich ab, in beinahe jeder polnischen Stadt. Ungewöhnlich vielmehr war, was ich an jenem Vormittag, unmittelbar nach diesem Marsch zur Arbeit, noch erlebt habe.
Nach zwanzig oder dreißig Minuten waren wir am Ziel angelangt, einem kurz vor dem Krieg erbauten, großzügigen Studentenheim am Narutowicza-Platz. Das riesige Gebäude wurde jetzt als deutsche Kaserne benutzt. Unsere Aufgabe war es, das ganze Untergeschoß, in dem sich zu unserem Leidwesen auch ein Schwimmbad befand, gründlich zu reinigen. Unsere Bewacher teilten uns mit, sie würden uns allesamt, sollten wir nicht gut und schnell genug arbeiten, mit einem kräftigen Tritt in das Schwimmbad befördern. Ich hielt das für durchaus möglich.

Aus irgendeinem Grund wollte einer dieser lustigen, dieser brutalen Soldaten etwas von mir wissen. Er war, das hörte ich sofort, aus Berlin. Ein Gespräch mit ihm hätte vielleicht nützlich sein können. So wagte ich ein vorlautes Wort: Ich sei ebenfalls aus Berlin. Schüchtern fragte ich ihn, wo er denn wohne. »Gesundbrunnen« antwortete er unwillig. Dort hätte ich, erlaubte ich mir zu bemerken, schöne Fußballspiele gesehen. In der Tat habe ich mich in meiner frühen Schulzeit für Fußball interessiert, nur vorübergehend, aber noch wußte ich über die wichtigeren Berliner Mannschaften gut Bescheid. Sein Verein, rühmte sich der Soldat, sei Hertha BSC. Rasch nannte ich die Namen der damals berühmten Spieler und das hat mich gerettet.


Er war erfreut, in Warschau, in dieser ihm fremden Welt, jemanden gefunden zu haben, mit dem er sich über Hertha BSC und die Konkurrenzmannschaften unterhalten konnte. Derselbe junge Mann, der uns vor kaum einer halben Stunde sadistisch geschunden und gezwungen hatte zu brüllen, wir seien dreckige Judenschweine, er, der uns noch vor wenigen Minuten mit der Pistole in der Hand gedroht hatte, er würde uns gleich ins eiskalte Wasser des Schwimmbads jagen, dieser Kerl benahm sich jetzt ganz normal, ja nahezu freundlich. Ich brauchte überhaupt nicht mehr zu arbeiten, auch mein Bruder wurde besser behandelt, er profitierte von meinen verblüffenden Informationen. Nachdem dieser Fußball-Enthusiast aus Berlins Norden beinahe eine Stunde mit mir geplaudert hatte, durften wir, mein Bruder und ich, nach Hause gehen.

So war es: Jeder Deutsche, der eine Uniform trug und eine Waffe hatte, konnte in Warschau mit einem Juden tun, was er wollte. Er konnte ihn zwingen, zu singen oder zu tanzen oder in die Hosen zu machen oder vor ihm auf die Knie zu fallen und um sein Leben zu flehen. Er konnte ihn plötzlich erschießen oder auf langsamere, qualvollere Weise umbringen. Er konnte einer Jüdin befehlen, sich auszuziehen, mit ihrer Unterwäsche das Straßenpflaster zu säubern und dann vor aller Augen zu urinieren. Den Deutschen, die sich diese Späße leisteten, verdarb niemand das Wort.

Deutsche Besucher gab es in unserer kleinen Wohnung jetzt immer häufiger. Ende Januar 1940 wünschten zwei oder drei Soldaten meinen Bruder zu sehen, wahrscheinlich wollten sie ihn verhaften. Zufällig war er nicht zu Hause. Also warteten sie auf ihn. Es handelte sich aber nicht etwa um einen der alltäglichen Übergriffe und Eigenmächtigkeiten, denn das ganze Haus war umstellt, niemand durfte es verlassen oder betreten. Nur um ein kleines, neun-oder zehnjähriges Mädchen, die Tochter unseres Hausmeisters, die auf dem Hof Ball spielte, kümmerten sich die Wachtposten überhaupt nicht. Diesem kleinen Mädchen hatte aber seine Mutter gesagt, es solle, weiterhin Ball spielend, unauffällig auf die Straße gehen, dem Herrn Doktor entgegenlaufen und ihn warnen. So geschah es. Mein Bruder kehrte sofort um und verbarg sich in der Wohnung von Freunden. Inzwischen warteten die Soldaten ruhig und geduldig ziemlich lange, wohl zwei oder drei Stunden. Dann wurden sie abgezogen; die treuherzige Frage meiner Mutter, ob sie heute noch wiederkommen würden, verneinten sie entschieden. Tatsächlich kamen sie nicht wieder.

Wenige Tage später erfuhren wir den Hintergrund. Einem jungen Polen jüdischer Herkunft, der an mehreren erfolgreichen Aktionen einer patriotischen Widerstandsorganisation teilgenommen hatte, war es auf abenteuerliche Weise gelungen, aus dem Warschauer Gestapo-Gefängnis fliehen. Daraufhin wurden über hundert Personen, sowohl Juden als auch Nichtjuden, als Geiseln genommen, und zwar ausschließlich Akademiker: Rechtsanwälte und Ingenieure, Ärzte und Zahnärzte. Auf dieser Liste stand der Name auch meines Bruders.

Dieser Beitrag wurde unter Antisemitismus, Israel, Palästinenser veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Reich-Ranicki im Bundestag, Facebook-Cordula Schuh und Norbert Lammert

  1. stefica schreibt:

    Eine kleine Ungenauigkeit habe ich festgestellt.

    Im Buch von MRR steht nicht – ich zitiere:
    .“.. daß es promovierte Juristen, Metzger und Hertha-BSC-Fans waren, die sich darüber amüsierten, wenn Juden sich vor ihnen ausziehen und auf ihre Unterkleidung urinieren mußten“,

    sondern – ich zitiere wieder:
    „… einer Jüdin befehlen, sich auszuziehen, mit ihrer Unterwäsche das Straßenpflaster zu säubern und dann vor aller Augen zu urinieren.“

    Die mussten also mit ihrer Unterwäsche die Straße putzen.
    Ein klitzekleiner Unterschied, aber dem aufmerksamen Leser entgeht er nicht.
    Der aufmerksamen Leserin auch nicht.

    🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s