Free Jazz und Schreibstil

Ich hatte auf diesem Blog schon mal geschrieben, daß es sich beim Free-Jazz um reine „Scharlatanerie“ handelt, so wie „moderne Kunst“ häufig nur Verarschung eines dummen Publikums ist. Trotzdem begegnen mir immer wieder Leute, die darüber reden, als wenn sie wüßten, was das Wort bedeutet.

Meist sind es Alt-68er, die vor 35 Jahren mal im Radio etwas von Free-Jazz gehört haben und danach nie wieder… jetzt arbeiten sie als Referenten des Goethe-Instituts, Berater von Internationes oder Referatsleiter der Otto-Behnicke-Stiftung, gehen am Wochenende in Seminare über Ayurweda oder Homöopathie und Sonntag abends in die Oper, um sich auf diese Weise von ihrem anstrengenden Dasein im öffentlichen Dienst zu erholen oder besser: um in gehobener Atmosphäre einfach mal ein wenig Gedankenarmut auszutauschen.

Von Musik verstehen diese Leute in der Regel gar nichts, was ihr gutes Recht ist, aber die Gleichsetzung Jazz = Free Jazz ist dämlich, sie kommt schon eher aus dem Untertagebau der menschlichen Intelligenz, und trotzdem wird sie vorgetragen wie ein Axiom aus der Mengenlehre, um dessen Beweis man sich nicht kümmern muß.

Schlimm? Ja, schlimm. Aber derartige musikalische Einfaltspinsel sind noch gar nichts gegen jene Alt-68er, die zwar schon etwas vom Unterschied zwischen Freejazz und Hardbop gehört haben, sich jedoch nur dann in die Bonner Beethoven-Halle oder Kölner Philharmonie wagen, wenn dort „konzertfähiger“ Jazz geboten wird, also etwa Oscar Peterson oder Jan Garbarek. Dieses gehobene Publikum kommt sich einerseits toleranter, weltoffener und moderner vor wie jene Besucher der Oper, denen der Jazz nur in Form eines „Free-Jazz“ bekannt oder besser gesagt „unbekannt“ ist, aber es besteht andererseits aus ebensolchen Knalltüten und Ignoranten, die sich schon immer davor fürchteten, mit den Hörern von „Konzerten“ in einen Topf geworfen zu werden, die in New Yorker oder Bonner Bahnhofskneipen stattfinden. Um Gottes willen nicht diese „Niederungen“…. wenn schon Jazz, dann bitte mit Stil und danach ein Glas Sekt im Restaurant der Beethoven-Halle.

Dabei offenbaren sich gerade dort in den Niederungen erst die wirklichen Talente. Nämlich junge Musiker, die, schon bevor sie auf die Musik-Hochschule gehen, gestoßene 16tel auf ihrem Saxophon blasen oder auf ihrem Klavier „modal“ improvisieren können. Es sind Schüler von Musikschulen, die sich das Geld für ihre Instrumente vom Munde abgespart haben, jenen Musikschulen, denen das Geld fehlt, das die Städte in die Vergnügungstätten der großbürgerlichen Eliten stecken: Opernhäuser, Stadttheater und Kunstmuseen.

Doch was hat das alles mit „Schreibstil“ zu tun? Nun, die obigen Zeilen sind eben in einem gewissen „Stil“ geschrieben. Ich polemisiere hier gegen etwas, das mir auf den Geist geht. Manche meinen, da werde zu dick aufgetragen. Es sei alles „so verbittert“. Und ich werde manchmal auch gefragt:

Aber warum Sie immer so „over-the-point“ gehen müssen beim Schimpfen, kann ich nicht nachvollziehen!

Ich auch nicht. Ich sehe da nirgends etwas, was nach „over-the-point“ aussieht. Die Frage ist auch, ob man mein Geschreibsel mit dem Wort „Schimpfen“ ausreichend beschreiben kann. Es ist vielleicht eine milde polemische Auseinandersetzung mit dem Standpunkt gewisser Leute, aber Geschimpfe wäre, wenn ich 5 mal hintereinander „Arschloch“ sage. Die Sache mit dem (Free-)Jazz habe ich in den letzten Jahrzehnten eben zu oft gehört, um mir darüber keine Gedanken zu machen. Aus der Einstellung von Menschen zu bestimmten Stilrichtungen unserer Musik kann man vieles ableiten, was ihr Verhältnis zur Gesellschaft und zum Leben erklärt, und das betrifft wahrlich nicht nur den Aufsatz des „Neger-Jazz-Verächters“ Theodor W.Adorno über das „sozial nicht konformierende Moment des Jazz“.
Auch das, was ich z.B. über Richard David Precht geschrieben habe, hat – aus meiner Sicht – nichts mit „over-the-point“ Schimpfen zu tun. Es ist eine Polemik im Stile von Broders Artikel über Sloterdijk. Und diese Art Polemik hat nie jemandem weh getan.

Eine andere auf den Schreibstil bezogene typische Antwort auf meine polemische Kritik an Free-Jazz, Vollwerternährung oder den zahllosen Liebeserklärungen deutscher Akademiker an die palästinensische Hamas ist die folgende:

Ach ja, irgendwie bekommen Ihre Attacken langsam was Verkrampftes,muss nicht sein!

Das ist eine besonders typische, sehr häufig vorkommende Phrase: wer etwas kritisiert, was der Medien-Mainstream als offensichtlich wahr und richtig beschreibt, ist „verkrampft, verbittert, einsam“.
Dazu kann ich nur antworten:Welche Attacken? Was ist das besonders Verkrampfte an der Aussage „Noch schlimmer sind dann jene Alt-68er, die zwar den Unterschied zwischen Freejazz und Hardbop kennen, aber nur dann sich in die Beethovenhalle Bonn oder die Philharmonie in Köln bemühen, wenn dort „konzertfähiger“ Jazz geboten wird, etwa Oscar Peterson oder JanGarbarek. “ ?????

Verkrampft sind in meinen Augen ganz andere Leute. Ich habe mich mal einen Vormittag lang in Bonn mit einer Mitarbeiterin von Human Rights Watch unterhalten. Ich kannte sie von meinen früheren „grünen“ Aktivitäten her. HRW ist bekanntlich auf einem Auge blind – dem palästinensischen, und ich habe sie deshalb zu ihrer Meinung über Henryk M.Broder gefragt. Sie meinte milde lächelnd, daß ihr der wie ein völlig verkrampfter Journalist mit Schaum vorm Mund vorkäme. Ein interessanter Standpunkt, besonders von einer Mitarbeiterin einer Organisation für Menschenrechte, die einen ihrer militärischen Berater entlassen mußte, der jahrelang für HRW Gutachten über die israelische Kriegführung geliefert hatte, nebenbei aber ein eifriger Sammler von Memorabilien aus der Nazi-Zeit war und unter dem Pseudonym Flak88 begeisterte Kommentare auf Sammlerseiten geschrieben hat. (So hat er etwa geschrieben: „Das ist so cool! Diese SS-Lederjacke lässt mein Blut gefrieren, sie ist so COOL!“). Besagte Mitarbeiterin aber kam sich vor, als liefe sie mit einem Heiligenschein ihrer Organisation über dem Kopf herum, und Kritiker wie Broder seien natürlich nichts als „verkrampfte Schaumschläger“.

Wie immer in solchen Fällen muß man hier ausgleichen: auch HRW macht sinnvolle Arbeit, (etwa im Kongo und in Darfur) und längst nicht alle Mitarbeiter sind so wie besagte ehemalige (oder auch Noch-) Grüne. Das hindert mich aber nicht, Stellung zu beziehen und zu sagen, daß das Engagement jener HRW-Mitarbeiterin von verkrampfter Frankensteinscher Einfühlsamkeit geprägt ist.

Wer viel schreibt und dies ernsthaft mit der Absicht tut, das Verständnis der Leser zu gewinnen, überlegt häufiger und tut sich überhaupt schwer mit dem Schreiben, im Sinne von Wolf Schneider, den ich schon öfters erwähnt hatte. Was ich schreibe, kommt immer voll aus dem Herzen (aus meiner Sicht eher aus der Birne) und ist meist mit komplexen Argumenten unterfüttert. Zwischendurch sage ich auch gerne BUMM,BUMM und Peng, Peng, aber dann versuche ich wieder, meine Gedanken möglichst verständlich und genau aufs Papier zu bannen.

Ist das schlimm? „over-the-point“ ? Nicht nachzuvollziehen? Aufgeregt?


Foto oben: Tenorsaxophonist Michael Brecker

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Eine Antwort zu Free Jazz und Schreibstil

  1. Emmett Grogan schreibt:

    Free Jazz war ursprünglich nichts anderes als die Anpassung des Musikstils an die schwere Heroinsucht der Musiker, die sich grundsätzlich vor dem Auftritt ein Spritze setzten und sich im Gegensatz zu Bird und Chet bei dieser Art der Musik nicht mehr konzentrieren mussten. Nachdem Heroin bei Art und Chet die Musik auf einfache Phrasen reduzierte war der Free Jazz die Konsequenz der Musik der Heroin-Junkies.

    G-tt sei Dank hat der zeitgenössische Jazz mit Neo-Traditionalism diesem Treiben ein selbstkritisches Ende gesetzt.

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