Samantha Cristoforetti

Die Dezember-2011-Ausgabe der Zeitschrift „junior//consultant“ ist eine besondere Ausgabe, nämlich eine,

in der ausschließlich Frauen von ihren Projekten berichten.

Während man bei Zeitschriften, die es wagen, eine Ausgabe ausschließlich Männern zu widmen, die über ihre Projekte berichten, gerne mal von Rassismus
und Frauenfeindlichkeit redet, scheint sich an einer solchen Titelaufmachung im universitären Umfeld niemand zu stören. Ich übrigens auch nicht, als ich diese Zeitschrift in der Bonner Uni zum ersten mal erblickte, denn von der sog. „Consultant-Branche“ habe ich noch nie viel gehalten.
Das hängt vielleicht damit zusammen, daß ich selbst jahrelang als „Consultant“ gearbeitet habe und dabei eine Menge Kollegen als Projektschwätzer, Wichtigtuer und aufgeblasene Phrasendrescher kennengelernt habe. Was ist eigentlich ein Consultant und was raten einem solche „Berater“? Zum Beispiel dieses:

Alle Maßnahmen müssen systematisch und zielgruppenadäquat im Rahmen einer integrierten Kommunikationsstrategie aufeinander
abgestimmt werden, um den größtmöglichen Nutzen und Synergieeffekte zu erreichen. Als innovative Full-Service-Agentur übernehmen wir gern
die Implementation der angedachten Maßnahmen. Dazu definieren wir die Milesstones im Prozess der Realisierung und arbeiten die Spezifikation der Kommunikationsphasen aus.

Da weiß man doch, was zu tun ist! Als erstes nämlich den Consultant für seine weitreichenden und erfolgversprechenden Ratschläge fürstlich entlohnen und dann sich an die Realisierung der Milesstones machen! Nun ja, jetzt mal im Ernst: die oben erwähnte Zeitschrift, in der ausschließlich von Frauen über Frauen und deren Projekte berichtet wird, wimmelt nur so von Psychologinnen, Politikwissenschaftlerinnen, BWLerinnen und Management-Beraterinnen, deren innovatives Marketing-Geschwätz kaum in der Lage ist, die Dürftigkeit ihrer Gedanken zu kaschieren. Vielleicht sollten die, bevor sie andere „beraten“ ( wie es mir ein Consultant-Kollege einer Bank mal erklärte) erst mal über das Problem ein bißchen „brainen“…

Später fiel mir dann ein, daß es ja auch andere Frauen gibt, die in ihrem Beruf erheblich bescheidener auftreten, aber um Klassen kompetenter sind: z.B. Astronautinnen. Wie? Astronautinnen? Ja, auch die gibt es! Eine solche ausgewachsene Astronautin sehen wir beispielsweise oben links auf dem Foto. Es handelt sich um Samantha Cristoforetti, eine Italienerin, die schon in ihrer Kindheit davon geträumt hat,

Astronautin zu werden, ins All zu fliegen… ich habe mich einfach so spontan dafür begeistert… ich habe so viel Science Fiction gelesen

Nun träumen vielleicht viele Kinder davon, mal mit einem Raumschiff zum Mond zu fliegen, lesen als Jugendliche wie Cristoforetti vielleicht auch Romane von Asimov und sind Fans von Star Trek, aber zum Fliegen auf den Mond gehört ein wenig mehr als Science-Fiction-Romane lesen:

Ich habe das Glück gehabt, daß sich dann später meine Leidenschaften für Technik, Naturwissenschaften und das Fliegen entwickelt haben.

Wie haben sich solche Leidenschaften in dieser schrecklichen männerdominierten Gesellschaft überhaupt entwickeln können? Hat Samantha Cristoforetti etwa an den Veranstaltung von „MINT Role Models“ teilgenommen, hat sie die bewegenden Sätze auf der Homepage unseres BMFT (Bundesforschungsministeriums) gelesen?

MINT – das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Doch MINT ist mehr. Damit kannst du Flugzeuge noch höher fliegen lassen, Autos noch umweltfreundlicher machen und mit der ganzen Welt kommunizieren. Wie das geht? Ganz einfach, indem du MINT nutzt, um die Welt von morgen mit zu gestalten. MINT steckt überall. Finde es heraus…

Nein, sie hat diesen Schwachsinn nicht gelesen sondern einfach Maschinenbau mit Vertiefung in Luft- und Raumfahrt an der TU München studiert und machte dort 2001 ihren Master (damals noch Diplom). Und das will was heißen. Nicht weil das für Frauen angeblich viel schwieriger ist, weil sie sich gegen Konkurrenz der Männer durchsetzen müßte. Nein, weil es einfach ein schwieriges Ingenieursfach ist. Wer einmal wie ich in einer Vorlesung über technische Mechanik gesessen hat weiß, welche immensen Anforderungen dieses Studium an Studenten stellt, egal ob sie weiblich oder männlich sind.

Samantha Cristoforetti meisterte ihr Studium in München mit Bravour und wollte dann keine Quotenfrau im Vorstand von BMW, Megatron oder General Electric werden. Statt dessen gefiel ihr der Gedanke, mal in einem Kampfflugzeug im Tiefflug über die italienische Küste zu düsen. Also bewarb sie sich nach ihrem Studium beim Militär in Italien:


Von 2001 bis 2005 arbeitete sie an der Luftwaffenakademie Italiens in Pozzuoli, wurde danach zum Militärpiloten (sie sagte NICHT Pilotin!! siehe [1]) ausgebildet und flog u.a den AMX, ein italienisches Bodenangriffsflugzeug [6]. 2005 – 2006 war Cristoforetti an der Sheppard Air Force Base in Texas, wurde dort zum Kampfpilot ausgebildet und anschliessend zur 132nd Squadron, 51st Bomber Wing, in Istrana (Italien) versetzt. Und so ging es weiter bis 2009: Cristoforetti wurde Leutnant der italienischen Luftwaffe und absolvierte mehr als 500 Flugstunden auf 6 verschiedenen Kampfflugzeugen (SF-260, T-37, T-38, MB-339A, MB-339CD, AM-X).

All das war aber nur eine Zwischenstation, denn sie wollte höher hinaus: ins All. Diesen Schritt wagte sie 2009 mit einer Bewerbung zur Ausbildung als Astronautin bei der ESA.

Für die Bewerbung füllte man einen Fragebogen aus, der natürlich besonders auf die Eigenschaften abstellt, die für Astronauten wichtig sind, z.b. auch die Verständigung in mehreren Sprachen. Für Cristoforetti kein Problem: sie spricht Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Russisch fließend, genau die Sprachen, auf die es ankommt. Von den 8500 Online-Bewerbern blieben noch 1500 übrig, die dann in Gruppen von 20 Leuten nach Hamburg zu einem psycho-kognitiven Computertest eingeladen wurden. Da wurde dann das Grundwissen in Mathematik, Physik und Astronomie geprüft, dreidimensionales Vorstellungsvermögen und auch das Kurzzeitgedächtnis. Cristoforetti nennt ein Beispiel für letzteres: eine Stimme sagt eine Zahlenreihe auf und hört dann an einer bestimmten Stelle unvermittelt auf. Die Probanden sollten dann diese Zahlenreihe rückwärts aufschreiben, eine Aufgabe, die erhebliche Konzentration erfordert und daher nicht geeignet ist für Management-Consultants. Überhaupt waren die Ansprüche dieser 8 mal 1/2 Stunde Tests nach Aussage Cristoforettis sehr hoch, jeder Proband sei da mal an die Grenze seiner Fähigkeiten gekommen.

Nach diesen Tests, die mehrere Monate liefen, bis alle 1500 Kandidaten ihn durchlaufen hatten, blieben noch 200 über. Im September 2009 wurden diese dann in Gruppen von 6 Leuten zu weiteren Tests nach Köln zur DLR (Deutsche Luft- und Raumfahrtgesellschaft) eingeladen. Dort ging es vor allem um die Fähigkeit, in einem Team extrem schwierige Aufgaben in sehr kurzer Zeit zu lösen, anschließend kamen eine psychologische und eine medizinische Untersuchung dazu. Übrig blieben dann nur noch 22 Kandidaten, aus denen letztlich der Chef der ESA (Europäische Raumfahrtagentur) die 6 ausgewählt hat, die als Astronauten zugelassen wurden, und darunter war auch Samantha Cristoforetti.


Und warum sind die anderen 5 ausgewählten Bewerber männlich? Das ist doch vollkommen klar, meinen Ursula von der Leyen, Alice Schwartzer und die NRW-Emanzipationsministerin Barbara Steffens, es liegt an der fehlenden Astronauten-Frauenquote. Denn, so meinen diese Fürsprecherinnen der Gleichschaltung durch Genderpolitik: wenn jedes Ministerium, jede Firma und jede Universität neben der Frauenbeauftragten auch noch eine MINT-Beauftragte bekommt, dann wimmelt es in unserem Land bald nur noch so von Ingenieurinnen, Physikerinnen und Astronautinnen, die „umweltfreundliche Autos“, Solarkraftwerke und giftfreies Baby-Spielzeug entwickeln. Und CO2-freie Raketentriebwerke und Raumstationen.

Ich habe da allerdings meine Zweifel. Für die CO2-Freiheit der Raumstation ISS braucht man nämlich Menschen wie Samantha Cristoforetti, die aus reiner Begeisterung für die Raumfahrt, die Technik und das Fliegen von Kampfflugzeugen den Sprung ins All wagen und dort ihren Job machen. Und keine Leute, die sich Gedanken darüber machen, wie man das Bordhandbuch der ISS mit einer „geschlechtergerechten Sprache“ ausstatten kann, ohne von den Astronauten für verrückt erklärt zu werden.

[1] Astronautenausbildung: Raumzeit-Folge 11 mit ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti
[2] ESA Astronaut biography von Samantha Cristoforetti
[3] Im Einsatz für die Sicherheit – Flugversuchsingenieurin Ina Niewind
[4] Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg
[5] Petra Liebner: Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg, Biografie auf der Website des Deutschen Roten Kreuzes
[6] Bodenangriffs-Flugzeug AMX
[7] BMFT: Komm mach MINT

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2 Antworten zu Samantha Cristoforetti

  1. Clochard schreibt:

    Gefällt mir sehr gut dein Blog. Zumeist auch sehr akribisch recherchiert.
    Ist es ok, wenn ich von mir aus auf deine Gender-Kategorie verlinke ?
    lg
    Clochard

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