Daniel Hershkowitz, Mathematiker, Rabbi und Minister für Wissenschaft in Israel

Daß ein hauptberuflicher Mathematiker nebenher noch Pfarrer oder gar katholischer Priester ist, dürfte bei uns in Europa nur äußerst selten vorkommen. Daß derselbe dann auch noch Wissenschafts-Minister ist, können wir für Deutschland vollends ausschließen. In Israel dagegen sind solche Kombinationen möglich, wie der Besuch des israelischen Ministers für Wissenschaft und Technologie Daniel Hershkovitz in diesen Tagen zeigt: der Mann ist nämlich Professor für Mathematik, Rabbi und Minister in einem. Und da er einer in den Augen der deutschen Medien „rechten“ Regierung in Israel angehört, sagt er dann auch mal solche Sachen wie:

Zur Obama-Forderung nach Einfrieren aller Siedlungstätigkeiten sagte Hershkovitz, das erinnere ihn an den Ausspruch eines Pharaos, der gesagte hatte, man solle jeden neugeborene (jüdischen) Jungen in den Fluß werfen [6].

Anders als deutsche Minister und Politiker, die sich gerne mit ergaunerten Doktor-Titeln schmücken und diese bei Interviews von Journalisten mit Bemerkungen wie „Für Sie bin ich immer noch der Herr Doktor Kohl“ einfordern, ist Hershkovitz trotz seiner Aufgaben als Minister und Politiker ein aktiver Wissenschaftler geblieben. Bei Scientificcommons [5] findet man alleine 9 Publikationen zwischen 1999 und 2009, darunter eine Arbeit über „The recursive inverse eigenvalue problem“, verfaßt 1999 zusammen mit zwei deutschen Mathematikern und

der israelischen Mathematikerin Marina Arav [1] (Foto links von der Website der Georgia State University). Hershkovitz, der in dieser Woche auch in Aachen zur Eröffnung des 1. Deutsch-Israelischen Forums zur Forschungskooperation angereist war, betrat beim DLR als ausgebildeter Mathematiker keineswegs Neuland, ganz im Gegensatz zu manchem sonstigen Besucher aus der bundesdeutschen Ministerialbürokratie, der beim Anblick der originalgetreuen Nachbauten von Modulen der Internationalen Raumstation ISS stets nur an die Kosten denkt.

Übrigens ist Hershkovitz ja nicht der einzige bekannte Mathematiker, der in Israel einen öffentlichen Posten bekleidet. Zu nennen wäre da noch der ehemalige Luftwaffenchef Elyezer Shkedy, ebenfalls Mathematiker (mit Nebenfach Informatik) oder

(Foto links von http://commons.wikimedia.org/wiki/User:DMY )der Nobelpreisträger Robert J. Aumann [9], der zwar kein Minister oder General ist, aber durch seine Analysen der Kooperationstheorie weltberühmt wurde.

Hat es unter den deutschen Wissenschaftsministern schon einmal einen Mathematiker gegeben? Ja, in der Tat: 1991 – 1994 war Rainer Ortleb im 4.Kabinett von Helmut Kohl Minister für Wissenschaft und Forschung, aber Ortleb ist die absolute Ausnahme.

Besser ins Bild bundesdeutscher Minister paßt da Annette Schavan, die im Augenblick das Ressort für Bildung und Forschung leitet. Schavan hat Erziehungswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie studiert. Was qualifiziert diese Frau für das Amt des Wissenschaftsministers? Etwa, daß sie über das Thema „Person und Gewissen – Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ promoviert hat oder Honorarprofessorin für Katholische Theologie an der Freien Universität Berlin ist? Das würde mich schon verwundern.

Nein, Annette Schavan kann vielleicht über Gewissensbildung, die heilige Dreifaltigkeit oder das Zölibat plappern. Aber sie hat keine Ahnung von Mathematik, Physik, Chemie oder den Problemen, die Maschinenbauer am Anfang ihres Studiums mit der technischen Mechanik haben, sie kennt nicht den Unterschied zwischen prozeduraler und objektorientierter Programmierung und weiß nicht, warum sich Elektroingenieure semesterlang mit der Theorie der komplexen Zahlen herumplagen müssen. Wenn Annette Schavan zusammen mit den Spitzen der DLR am 29.Juni durch das deutsche Nutzerzentrum für Weltraumexperimente in Köln-Porz gegangen wäre (wie es Daniel Hershkovitz tat) und anschließend mit ehemaligen Astronauten und Wissenschaftlern des Europäischen Astronautenzentrum (EAC) der ESA über deren Arbeit hätte sprechen müssen, so hätte sie nur leere Sprechblasen produziert. Ich kann mir vorstellen, daß die Verantwortlichen der Wissenschaftsszene froh sind, wenn die Dame nach einem Institutsbesuch das Haus wieder verlassen hat, nicht ohne einen Sack Geld dagelassen zu haben…

Schavan ist allerdings kein Einzelfall. Nehmen wir die Liste ihrer Vorgänger (siehe Liste im Anhang).
Von diesen 20 ehemaligen Ministern für Wissenschaft und Forschung (der Name des Ministeriums wechselte von Kabinett zu Kabinett, manchmal waren es auch zwei getrennte Ministerien) waren immerhin 5 aus dem Bereich der heute so genannten „MINT“-Fächer, außerdem entschieden ein schnauzbärtiger Antisemit sowie ein 9/11-Verschwörungstheoretiker über die Gelder, die für Forschung und Bildung auszugeben waren. Noch schlimmer wird es, wenn man sich die Liste der Länderminister anschaut, die derzeit für Forschung und Wissenschaft zuständig sind (siehe wieder die Liste im Anhang). Denn jetzt kommen auch grüne Minister hinzu, und unter den Studienfächern der Damen und Herren Minister wimmelt es nur so von Germanistik, Politikwissenschaften, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Geschichte, Anglistik und natürlich Jura. Und genau diese Leute jammern uns die Ohren wegen des Ingenieurmangels voll!


Anmerkungen und Links

Liste der derzeitigen Länderminister für Forschung, Wissenschaft, Technologie

  • Svenja Schulze (GRÜNE NW), studierte Germanistik und Politikwissenschaften
  • Dorothee Stapelfeldt (GRÜNE Hamburg), Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
  • Wolfgang Heubisch /CSU Bayern), Zahnarzt
  • Theresia Bauer (GRÜNE Baden-Württemberg), Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Germanistik
  • Jürgen Zöllner (SPD Berlin), Professor für Physiologische Chemie
  • Sabine Kunst (parteilos, Brandenburg), Dr.-Ing. im Fach Umweltbiotechnologie, Bauingenieur- u. Vermessungswesen, weitere Promotion zum Dr. phil. in Politikwissenschaft, Bereich Technikbewertung und Interdisziplinarität
  • Renate Jürgens-Pieper (SPD Bremen), Lehrerin für Biologie und Chemie
  • Eva Kühne-Hörmann (CDU HEssen), Studium der Rechtswissenschaft
  • Henry Tesch (CDU Mecklenburg-Vorpommern ), Lehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium
  • Johanna Wanka (CDU Niedersachsen), Professorin für Ingenieurmathematik
  • Doris Ahnen (SPD Rheinland-Pfalz), studierte Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Pädagogik
  • Christoph Hartmann (FDP Saarland), Studium der Betriebswirtschaftslehre
  • Sabine von Schorlemer (parteilos Sachsen), studierte Rechts- und Politikwissenschaften sowie Kunstgeschichte
  • Birgitta Wolff (CDU Sachsen-Anhalt), Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Internationales Management
  • Jost de Jager (CDU Schleswig-Holstein), studierte Geschichte, Anglistik und Politologie
  • Christoph Matschie (SPD Thüringen), Diplom-Theologe

Liste der Bundesminister für Forschung, Wissenschaft, Technologie

  • 1962 – 1965, Hans Lenz, Buchhändler, studierte Neuphilologie und Philosophie
  • 1965 – 1969 Gerhard Stoltenberg, studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie
  • 1969 – 1972, Hans Leussink, studierte Bauingenieurwesen, Dr.Ing.
  • 1972 – 1974 Klaus von Dohnanyi, Jurist
  • 1972 – 1974 Horst Ehmke, Jurist
  • 1974 – 1978 Hans Matthöfer, studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
  • 1974 – 1978 Helmut Rohde, Abitur
  • 1978 – 1981 Jürgen Schmude, studierte Rechtswissenschaft, Theaterwissenschaft und Neuere Germanistik
  • 1978 – 1980 Volker Hauff, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
  • 1980 – 1982 Andreas von Bülow, Jurist
  • 1981 – 1982 Björn Engholm, studierte Politik, Volkswirtschaft und Soziologie
  • 1982 – 1993 Heinz Riesenhuber, Diplom-Chemiker
  • 1982 – 1987 Dorothee Wilms, studierte Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Soziologie
  • 1987 – 1991 Jürgen Möllemann, studierte auf Lehramt für Deutsch, Geschichte und Sport
  • 1993 – 1994 Paul Krüger, Maschinenbau-Ingenieur
  • 1993 Matthias Wissmann, studierte Rechtswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Politik
  • 1991 – 1994 Rainer Ortleb, Mathematiker
  • 1994 Karl-Hans Laermann, studierte Bauingenieurwesen, Dr.Ing.
  • 1994 – 1998 Jürgen Rüttgers, studierte Rechtswissenschaft und Geschichte, Dr.jur.
  • 1998 – 2005 Edelgard Bulmahn, Lehramtsstudium der Politikwissenschaft und der Anglistik

[1] Marina Arav, Associate Professor am Departement of Mathematics & Statistics der Georgia State University
[2] Besuch von Hershkowitz in Worms, 27.06.2011
[3] Wikipedia über Daniel Hershkowitz
[4] Israel, die Spieltheorie und der Nobelpreis
[5] Ausgewählte Veröffentlichungen von Daniel Hershkowitz, Liste bei scientificcommons
[6] Hershkowitz zu Obamas Forderung, die Siedlungsaktivitäten „einzufrieren“
[7] Besuch von Daniel Hershkowitz bei der DLF in Köln-Porz
[8] Ausführliche Beschreibung des Besuchs von Hershkowitz in der Bundesrepublik
[9] Der Chef der israelischen Luftwaffe Elyezer Shkedy besucht das KZ Sachsenhausen

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