Stuttgart 21: das Volk übernimmt die Macht, es fehlt noch der Führer


Als am 4. September 1989 die erste Montagsdemonstration in Leipzig stattfand, konnte man noch nicht ahnen, wie sich diese Form der Massendemonstration entwickeln würde. Von Montag zu Montag wuchs die Teilnehmerzahl, bis sie am 05.November mit rund 500000 Menschen einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Wie wir alle wissen, hatten die Teilnehmer dieser Demonstrationen allen Grund zum Protest, lebten sie doch in einer Diktatur, in der es weder Reise- noch Meinungsfreiheit gab und die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden.

Montagsdemonstrationen sind auch in der Bundesrepublik zu einer Modeerscheinung geworden. Zum Beispiel in Stuttgart, wo am 20.06.2011 „Aktivisten“, „Wutbürger“ und andere Protestler bei einer „friedlichen“ Besetzung einer S21-Baustelle 9 Polizisten verletzten, einen davon schwer. Da es sich aber hier nur um Polizisten handelte, also Repräsentanten des verhaßten, von Atomkonzernen und Banken kontrollierten Staates, war das in den Augen der „Aktivisten“ nicht der Rede wert. Schließlich hatten ja, wie es der SPIEGEL formulierte, nach Angaben der Polizei rund 3000 Menschen gegen das 4,1 Milliarden Euro teure Bahnvorhaben demonstriert, woraus wir die wahren Größenverhältnisse ablesen können. Aber, so denken die „Aktivisten“ und tapferen Widerständler: übermächtige Großkonzerne, das internationale Kapital und die schwarz/gelbe Koalition werden auch mit noch so vielen Milliarden den Widerstand an der Basis nicht brechen können.

Der Gedanke, bei den nächsten Wahlen zu den Nichtwählern zu gehören, kommt einem angesichts solcher Ereignisse immer häufiger. Denn warum soll man noch Bürgermeister, Landtagsabgeordnete und Regierungen wählen, wenn die sich ja doch letzten Endes dem Willen der Strasse beugen müssen? Was nützt mir ein Ministerpräsident meines Bundeslandes, wenn der seine im Wahlkampf versprochenen Ziele nach ein paar Demonstrationen aufgibt und das Gegenteil seiner bisherigen poltischen Linie verkündet?


Zur Bedeutung des aus dem kommunistischen Sprachgebrauch stammenden Wortes „Aktivist“ siehe Zitat des Tages: Die Aktivitäten der Aktivisten. Über die fragwürdige Karriere eines Begriffs.

[1] Welt-Online: Wutbürger stürmen S21-Baustelle
[2] SPIEGEL: Gegner stürmen Bahnhofs-Baustelle

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