Guttenberg ohne Doktortitel

Eben meinte ich noch, er muß weg. Als Verteidigungsminister. Nicht weil er ein besonders schlechter Minister wäre. Nein, es ist einfach die schiere Masse an Zitaten ohne Quellenangaben in seiner Dissertation, noch dazu versehen mit erbärmlich schlechten textuellen Ersatzstücken, die es nahelegen, daß so ein Verteidigungsminister als oberster Dienstherr für Soldaten, die an den Bundeswehr-Universitäten studieren und promovieren, nicht mehr tragbar ist. Aussitzen kann er diese Sache nicht -die geballte Wiki-Macht des Netzes wird dafür sorgen.

Nachdem nun Guttenberg auf einer Pressekonferenz das erste mal zu den Vorwürfen Stellung bezogen hat und ich ein paar der auf dem Guttenplag-Wiki dokumentierten „Plagiate“ gesehen habe, erscheint mir der Verbleib des Ministers im Amt aber eigentlich nicht mehr so tragisch. Oder wie sagen die Politiker immer: „schädlich“.

Zweierlei sollte man aber über Guttenbergs (jetzt nicht mehr so schnell zu erwartenden) Rücktritt nicht vergessen:

  1. Daß diejenigen, die die ganze Sache an die Öffentlichkeit gebracht haben, nämlich der Bremer Jurist Andreas Fischer-Lescano und seine Kollegen vom „Institut Solidarische Moderne“, ein rein wissenschaftliches Interesse an der ganzen Sache hatten, darf bezweifelt werden. Angesichts der Tatsache, daß Berichte über erschossene Demonstranten in Bahrein oder Sana in der Tagesschau inzwischen weit hinter die Causa Guttenberg gerutscht sind, werden auch die Initiatoren dieser Kampagne nicht umhin können, sich selbst zu diesem Erfolg zu beglückwünschen.
    Fischer-Lescano und seinen linken Freunden geht es garantiert nicht um die Reinheit der Wissenschaft. Da müßten sie sich eine Menge anderer Abgeordneter aus dem Bundestag vornehmen – und nicht nur die aus dem konservativen Lager.
  2. Doktorarbeiten haben mit einer wissenschaftlichen Qualifikation nur wenig zu tun. Sie sind – in gewissen Disziplinen – zu einem Standardabschluß geworden, weil die Personalabteilungen der Unternehmen (und der Behörden genauso) promovierte Bewerber bevorzugen. Und weil man als Jurist weiß, daß man als „Dr.“ leichter eine Stelle bekommt, macht man ihn halt, den „Dr.“.
    Das gilt für Ärzte genauso – obwohl gerade dort die Doktorarbeit keine intellektuelle Glanzleistung ist.

Lassen wir also den vielen Doktoren ihren Titel – sie haben ja alle irgendwann mal etwas dafür getan, und wer abgeschrieben hat und dies nicht durch Angabe eine Quelle kennzeichnet, hat gegen Regeln verstoßen und muß damit rechnen, daß ihm der Titel aberkannt wird. Das sollte man aber verschmerzen können, wenn man daran denkt, wie wertlos viele Doktorarbeiten sind.

Wünschenswert wäre nur eine Abkehr vom akademischen Dünkel, der hinter der ganzen Titelei steckt. Besonders bei Geisteswissenschaftlern legt man Wert auf Titel – das kann jeder feststellen, der sich häufiger auf wissenschaftlichen Tagungen oder öffentlichen Veranstaltungen deutscher Universitäten mit Akademikern unterhält.

Es gilt immer noch die Regel: je größer die wissenchaftliche Leistung, desto bescheidener das Auftreten in der Öffentlichkeit. Beispiele dafür gibts zuhauf – weniger bei Juristen und Theologen, mehr bei Mathematikern und Physikern.


Anmerkung

Die oben abgebildete Doktorarbeit aus dem Jahre 1975 umfaßte 23 DIN-A5 (!) Seiten sowie 9 Literaturhinweise. So gehts halt auch.

Kommentare des ursprünglichen Blogs

Guttenberg
Submitted by RainerSausK (nicht überprüft) on Mi, 23/02/2011 – 11:20am.

Ich frage mich allen Ernstes, wie Docu-Soap
vernebelt muss eine Bevölkerung sein, um
angeblich noch zu 2/3 hinter diesem Blender
zu stehen. Schlimmer noch – wie naiv muss
die Prüfungskommission der Bayreuther Uni
sein, eine Doktorarbeit nicht mal kurz durch
die entsprechenden Suchmaschinen laufen zu
lassen – macht jeder Lehrer mir einer längeren Arbeit seiner Schüler – und dann
noch Bestnote und in der Werbung für die Uni:
„Habt ihr Geld – wir machen den Weg frei“?
Wie dünn muss die Personaldecke dieser ehe-
maligen Volkspartei sein. um an diesem Mann,
der nun schon in seinem zweiten Ministerium
unter Beweiss stellt, dass er es nicht kann,
festzuhalten.
Sollte es Frau Merkel egal, dass die Politik-
verdrossenheit auch dadurch mehr und mehr zunimmt und wir uns auf Wahlbeteiligungen unter 50% einstellen müssen. Oder wie sollen
Wutbürger euch zeigen, was sie von euch halten?

Neue Vorwürfe gegen zu Guttenberg
Submitted by Gast (nicht überprüft) on Di, 22/02/2011 – 10:26pm.

Es gibt neue Vorwürfe gegen zu Guttenberg.
Die Berliner Zeitung berichtet, dass Strafanzeige gestellt wurde wegen des Verdachts des Titelmissbrauchs. Zu Guttenberg habe den Doktortitel verwendet bevor er durch Bestehen der Promotion dazu berechtigt gewesen wäre:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/332436/332437.php

KT
Submitted by Gast (nicht überprüft) on Di, 22/02/2011 – 3:51pm.

1) Auf einen Titel, den ich habe, kann ich verzichten. Auf einen Titel, den ich nicht mehr habe…? Also aberkennen.

2) Guttenberg hat durch seine Äußerungen alle, die eine ehrliche Arbeit und Prüfung abgeliefert haben und noch werden, was sie ja auch versprochen haben, ins Lächerliche gezogen, ja, verhöhnt.

3) Der Name Guttenberg ist hin, was wohl die Familie sagt?

4) Es muss jeder Regierungschef selber wissen, was für Pfeifen er sich ins Parlament holt, auch ein Qualitätskriterium.

Man sollte sich die Arbeit

Submitted by Gast (nicht überprüft) on Di, 22/02/2011 – 3:04pm.

Man sollte sich die Arbeit vom Kohl vieleicht auch mal angucken. Der Mann kann kein Wort
englisch aber in seiner Doktorarbeit stehen
ganze Textpassagen in englischer Sprache 😉


Ich bin von der Wendung der

Submitted by Bernd (nicht überprüft) on Di, 22/02/2011 – 12:56pm.

Ich bin von der Wendung der Dinge schon etwas überrascht.
Eigentlich war ich bisher der Meinung, dass es möglicherweise ein generelles Problem derartiger Literaturlastiger Dissertationen ist, dass dabei eben doch vieles von anderen „abgeschrieben“ wird.
Dabei würde es mich wirklich interessieren (wie auch schon in einem Gastommentar gewünscht) wie ANDERE vergleichbare Dissertationen abschneiden würden.
Gerade wenn einen Unmenge an Leuten eben jeden Satz über Internet prüfen und vergleichen können, glaube ich, dass generell viele Übereinstimmungen mit anderen Texten findbar sind. Man kann ja nicht alles „neu erfinden“ und viele Sätze sind eben kaum anders oder besser formulierbar als es in vorhergehenden Werken schon geschehen ist. Ob da jeder Satz als Zitat gekennzeichnet werden muss weiß ich nun wirklich nicht.
Mich überrascht aber nun der Verzicht auf den Doktortitel – ob dies wirklich eine gute Reaktion ist weiß ich nicht.
Man kann es natürlich als „späte und positive Einsicht“ ansehen, dass die Arbeit eben nicht den Anforderungen genügt – aber ob dies damit ein Ende der Diskussion einleitet wage ich zu bezweifeln. Die Frage ob Guttenberg möglicherweise wirklich Ghostwriter eingesetzt hat bleibt damit immer noch offen – und in so einem Fall wäre es vorsätzlicher Betrug und ein freiwilliger Verzicht auf den Titel reicht in so einem Fall nicht – und wenn der Verdacht einer nicht selbständig verfassten Dissertation nicht völlig ausgeräumt werden kann, ist auch die Funktion als Verteidigungsminister meines Erachtens nicht haltbar.

JEP!! Danke für die
Submitted by Gast (nicht überprüft) on Di, 22/02/2011 – 11:47am.

JEP!!
Danke für die Formulierung auch meiner Meinung. Welche Frechheiten sollen wir uns eignetlich noch bieten lassen?
Der König darf alles und das Volk muss jubeln! und das macht es sogar 😉

Ein Überblick
Submitted by Gast (nicht überprüft) on Mo, 21/02/2011 – 10:37am.

Ich fasse mal alle Argumente für Guttenberg, die ich in der Presse, in den Foren und gestern bei Anne Will gehört habe, zusammen.

1. Es gibt Wichtigeres!
Stimmt zweifellos, aber das ist kein Argument, sondern Ablenkungsdummsprech. Wichtigeres gibt es immer.

2. Guttenberg soll bewusst von seinen Feinden demontiert werden.
Auch das stimmt. Und es ist lächerlich, wenn man ihm jetzt auch noch vorwirft, er habe Praktika als „berufliche Stationen“ geschönt. Nur: Feinde versuchen immer, einen zu demontieren, und hier geht es – beim Plagiatsvorwurf – nun mal um Fakten und nicht um unbewiesene Unterstellungen.

3. Guttenberg ist so toll, da fällt das nicht ins Gewicht.
Das ist, mit Verlaub, kompletter Blödsinn.

4. Er hat es nur aus Versehen getan, es tut ihm leid, er hat sich entschuldigt, und nun ist gut.
Aus Versehen können einem schon mal 5, 6 Zitate „durchrutschen“, keine Frage. Aber das Ausmaß, das hier offensichtlich wird, ist definitiv kein Versehen. Und bereits die Einleitung mit einem so langen Zitat zu beginnen – das gehört sich selbst dann nicht, wenn man die Gänsefüßchen setzt (nur zur Info: ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit). Man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man hier Vorsatz unterstellt. Die einzig denkbare Alternative wäre tatsächlich, er hätte die Arbeit gegen Bezahlung schreiben lassen und das Ausmaß der Plagiate war ihm nicht bewusst – aber das wäre ein nicht bewiesener, dazu noch wesentlich schwerer wiegender Vorwurf.

5. Er lässt doch jetzt seinen Doktortitel ruhen, und wenn er ihn abgibt, ist er unabhängig davon ein toller Minister.
Einen Doktortitel kann man weder ruhen lassen noch zurückgeben. Er ist kein „Erwerbsgegenstand“ wie ein Auto und auch kein „Amt“ wie der Vorsitz eines Sportvereins. Und jemand der – und es sieht sehr danach aus – des Betrugs überführt wird, ist in meinen Augen moralisch am Ende und nicht ministeriabel. Aber das kann man sicher auch anders sehen.

6. Jeder hat doch schon mal geschummelt, das macht ihn doch nur menschlicher.
Es geht hier nicht um Schummelei. Wenn das nur eine lässliche Schummelei ohne Konsequenz sein soll, dann können wir unsere Akademien eigentlich gleich schließen und alle Promotionsausschüsse auflösen. Aber vielleicht wäre das manchen ja ganz recht.

7. Es ist der typisch deutsche Neidreflex, der sich jetzt gegen Guttenberg richtet.
Das kann ich nicht sehen. Neid worauf? Auf die schönen Bildschlagzeilen? Auf seine zu einem Großteil hierauf beruhende Beliebtheit? Auf seinen Doktortitel? Auf seinen Adelstitel? Und selbst wenn: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Falls ich noch ein Argument übersehen habe, bitte. Diese 7 habe ich in 100 Varianten immer und immer wieder gelesen, und sie sind allesamt nicht ernsthaft angemessen.

Guttenberg und Barschel
Submitted by vonhaeften on Mo, 21/02/2011 – 3:24pm.

Irgendwie kommt mir der Barschel jetzt in den Sinn. Ich denke, daß Guttenberg hinter seiner coolen Fassade auch nur ein Mensch ist, aber hoffentlich kommt jetzt nicht noch so eine „Ehrenerklärung“ wie seinerzeit in Schleswig-Holstein, und dann eine Leiche in einem Hotel….
Nun gut, ist vielleicht etwas übertrieben, aber ein wenig Ähnlichkeit hatte diese Pressekonferenz schon mit der damaligen von Barschel. Mal eine andere Frage: wen gibt es eigentlich als Ersatz für Guttenberg als Verteidigungsminister??

Wie wäre es denn, wenn sich
Submitted by Gast (nicht überprüft) on Di, 22/02/2011 – 10:57am.

Wie wäre es denn, wenn sich jetzt eine Kommission bildet, die von allen Bundestagsabgeordneten die Dissertationen mit den gleichen Methoden überprüft? Ich bin sicher, dann würde sich alles relativieren, was Herrn Guttenberg betrifft.

Genau
Submitted by vonhaeften on Di, 22/02/2011 – 11:21am.

So sehe ich es auch!

Plagiate
Submitted by Burghard Schmanck (nicht überprüft) on Sa, 19/02/2011 – 11:59pm.

Der angebliche “akademischen Ghostwriter” muß total PISA-geschädigt sein. Eher handelte es sich um einen „Schreibsklaven“, der Gänse und Füßchen nicht zu sortieren vermochte. Die aufgedeckten Fehler sind derart grob, daß man dem Herrn Guttenberg höchstens vorwerfen kann, er habe seinen Schreiberling nicht genügend kontrolliert. Außerdem ist völlig unbekannt, wie die eingereichte Dissertation aussah. Die Druckvorlage wird nämlich erst erstellt, wenn das Promotionsverfahren erfolgreich abgeschlossen ist. Dazwischen können Welten liegen. Und wenn ich mir die thematische Eigenart der Dissertation anschaue, dann muß dieselbe zwangsläufig zu über 90% Fremderkenntnisse dokumentieren, um zu einem promotionswürdigen Ergebnis kommen. Herr Gutenberg war mit seiner Dissertation sicher nicht intellektuell, aber vermutlich freizeitlich völlig überfordert. Das zuständige akademische Gremium wird das gewiß zu berücksichtigen wissen.

Völlig daneben…
Submitted by Flo (nicht überprüft) on Sa, 19/02/2011 – 9:34am.

Mir entgeht, welchen Einfluß die Leute, die das an die Öffentlichkeit gebracht haben, auf die Folgen haben sollen. Wenn das gelten sollte, müßte man einen Kriminellen wieder laufen lassen, nur weil derjenige, der ihn angezeigt hat, in Wahrheit nur den nervigen Nachbarn loswerden wollte? Nehmen wir an, dass die Leute hier geifernde, sabbernde, hass-erfüllte Spinner wären – so what? Was ändert das daran, welche Folgen es haben muss, wenn ein Minister bei seiner Doktorarbeit dreist kopiert hat? Gar nichts. Was passiert, hängt daran, was er gemacht hat und nicht, wer die Leute sind, die das an die Öffentlichkeit gebracht haben.

Und bitte, das Argument „Doktorarbeiten sind eh wertlos, also ist das kopieren moralisch ok“ ist nicht gerade eine Glanzleistung. Man kann sich ruhig über deren wissenschaftlichen Wert im Allgemeinen streiten – aber wenn man dabei kopiert, dann hatte die Arbeit zumindest einen Wert: Sie zeigt den fragwürdigen Charakter des Autors auf, was dann eben auch die Frage aufkommen läßt, für welche Ämter so jemand geeignet ist.

JEP! dann brauch ich’s ja
Submitted by Gast (nicht überprüft) on Di, 22/02/2011 – 11:44am.

JEP! dann brauch ich’s ja nicht mehr formulieren!!
Danke, welche Frechheiten sollen wir eigentlich noch ertragen?

YO!
Submitted by verquer (nicht überprüft) on Mo, 21/02/2011 – 8:10pm.

Dieser Kritik möchte ich mich vollumfänglich anschließen.

KT
Submitted by Bundesbuerger (nicht überprüft) on Fr, 18/02/2011 – 9:17pm.

KT MUSS WEG, keine Frage!

Aber er wird alles, wie immer, an sich abprallen lassen (Teflon-KT).

Und die Hofberichterstattung (Kerner, Bild, etc.) werden ihn schon stuetzen!

ZUM KOTZEN!!!!!!!!!!!!!

der reinste Feudalismus
Submitted by Gast (nicht überprüft) on Di, 22/02/2011 – 11:49am.

der reinste Feudalismus

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