Das Märchen vom gesunden Obst, Gemüse und der Vollwertkost


Sarah Wiener, Star-Köchin aus Wien, kann vielleicht gut kochen. Niemand, der im Fernsehen die Starköchin möhrenschnipselnd sieht, kann das beweisen, denn dazu müßte man erst mal ihre Speisen gegessen haben. Aber man vermutet es, sonst wäre die Wienerin mit dem feschen Hut nicht so oft in den Medien. Mit Bestimmtheit allerdings läßt sich eines aus ihrem Gerede bei Maischberger ableiten: sie versteht nichts von Ernährung. Es fängt schon bei der Vorstellung der Teilnehmer an, als Sandra Maischberger den Gast mit der Bermerkung vorstellt, sie erkennt, daß Menschen durch Essen krank werden, wenn sie jeden Tag z.B. fettleibige Kinder auf der Straße sieht. . Und die Köchin nickt dazu. Später redet sie von „feinstofflichen Prozessen“, die noch nie jemand so richtig verstanden habe, vom „gesunden Menschenverstand“, der ihr sage, daß es nicht ein unverarbeitetes, natürliches Lebensmittel gebe, das ungesund sei, und schließlich: wenn sie sich etwas Frisches, saisonal, am besten noch aus der Region, auf den Teller packe, dann gehe es ihr gut und sie fühle sich wohl. Da geben wir ihr recht. Es soll aber auch Menschen geben, die sich Äpfel aus Spanien und Steaks aus Argentinien auf den Teller packen und sich dann sauwohl fühlen. Sind das die schlechteren Menschen?


Nicht weniger „überzeugend“ trat die Fastenärztin de Toledo auf, die am Anfang der Sendung von Maischberger einmal als „Frau Toledo“ angeredet wurde, woraufhin sich die Nicht-Akademikerin Maischberger untertänigst sofort mit „Frau Dr. Wilhelmi de Toledo“ verbesserte. Doch Titel sagen nicht viel aus über die wissenschaftliche Kompetenz, insbesondere bei Medizinern, die in „Fastenkliniken“ am Bodensee [6] ihrer gut verdienenden Klientel einen Haufen Geld aus der Tasche ziehen. Da kostet eine Woche Fasten mindestens 1910,- Euro, bei etwas besserer Zimmerausstattung schon mal 3225,-, den Check-up-Buchinger (EKG, Langzeit-EKG usw.) gibts preiswert für 527,-, und die sonstigen Zusatzleistungen sind scheinbar aus dem Katalog der finanziellen Völlereien entnommen:

  • Psychologische Beratung / Psychotherapie
    (50 Minuten) 89,00 €
  • Atemtherapie (50 Minuten) 72,00 €
  • Berufsbezogenes Coaching (50 Minuten) 115,00 €
  • Paartherapie (50 Minuten)167,50 €
  • Kunsttherapie (75 Minuten) 108,00 €
  • Individuelle Ernährungsberatung (50 Minuten)71,00 €
  • Individueller Kochunterricht (50 Minuten)98,00 €
  • Beratung zur Gewichtserhaltung (50 Minuten) 71,00 €

Ein interessantes Programm, bei dem man in einer Woche ohne weiteres 4-5000 Euro loswerden kann. Wer allerdings zwischen Ayurveda/Klangmassage/Shiatsu/Tuina und Feldenkrais/Pilates/Qi Gong/Tai Chi/Yoga mal etwas essen will, sollte sich das gut überlegen: Fasten ist billiger. Denn pro Tag muß man in der Buchinger Klinik von Frau Toledo 49,- Euro zusätzlich für ihre Bio-Gourmet-Küche bezahlen.

Ausgiebiges Fasten hat also für die Kundschaft solcher Fastenkliniken nicht nur den Effekt, daß sie körperlich ein paar Pfunde verlieren, sondern auch finanziell ein wenig schlanker werden. So gesehen arbeitet die Buchinger Fastenklinik mit einem „ganzheitlichen“ Konzept, und das mit einem Minimum an wissenschaftlichem Unterbau, den die „Frau Dr.“ in der Sendung eindrucksvoll demonstrierte. Denn was das Verstehen von Studien und Ernährungswissenschaften angeht, hatte man von Toledo den Eindruck, daß sie – wie andere den Koran – die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zum Thema 5-mal-am-Tag Obst und Gemüse auswendig kennt, aber ernährungs-wissenschaftlich eher auf dem Stand der neben ihr stehenden Köchin ist.

All das schöne Gemüse und Obst, das die Maischberger vor den Teilnehmern der Runde ausgebreitet hatte, schien für Toledo und Wiener die Grundlage für die Vorbeugung gegen Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen. Natürlich nur, wenn die Tomaten und Äpfel aus biologischem Anbau stammen. Und wenn wir einmal Fleisch essen, so meinte Toledo, dann bitte nur von Tieren, die garantiert mit Bio-Futter großgezogen und mit homöopathischen Arzneimitteln behandelt wurden.



Glücklicherweise gab es in der Sendung auch eine andere Meinung, vertreten durch die Ärzte Gunter Frank und Werner Bartens. Beide sind den Beobachtern der Ernährungsszene bekannt als kompetente Mediziner und Vertreter einer wissenschaftlich fundierten Ernährungsdebatte, und waren gerade deshalb für Toledo und Wiener eine Zumutung.
Denn wurden die Argumente von Frank und Bartens zu überzeugend, so waren es schnell wieder die „Gefühle“ und das „Wohlbefinden“, die doch ebenso wichtig für die Gesundheit seien. Bartens, der meinte, dann könne man doch auch über Beziehungen und Partnerschaft reden, kam gegen so viel Unverstand kaum an. Auch sein Hinweis auf die Champions League der Studien zum Thema Ernährung und medizinischer Vorsorge wurde nicht verstanden. Es gebe eben Studien, die auch in Fachkreisen als falsch und mißverständlich gelten – etwa wenn von 20% bis 60% weniger Krebstoten bei Fleischverzicht die Rede sei. Das, so Bartens, sei wissenschaftlicher Unsinn, denn erstens fehlten hier die Grundgesamtheiten und zweitens könne man mit Prozentangaben alles und jedes beweisen, so lange man keine Absolutangaben mit einbeziehe. Ein Steigerung von 1 auf 2 sei in der Tat eine um 100 %.

Auch die weiteren Personen, die von Maischberger in die Sendung mit einbezogen wurden, konnten nicht erklären, warum denn nun Obst und Gemüse vor Krebs schützen sollten. Der anwesende bedauernswerte (seit 4 Jahren krebsfreie) Ralf Brosius redete etwas von Säure-Basen-Gleichgewicht und demonstrierte an einem Glas grünlichem Gebräu, welche Ernährung ihn angeblich vom Krebs geheilt habe, aber ihn als Beweis für die These von der vorbeugenden Wirkung der 5-mal-am-Tag Regel zu präsentieren ist nichts weiter als gezielte Irreführung.

Um es auf einen Nenner zu bringen: die sich in Maischbergers Sendung als Befürworter der Obst/Gemüse-These präsentierenden Personen geben nicht den aktuellen Stand der Ernährungswissenschaft wieder. Selbst die DGE schreibt auf ihrer offiziellen Homepage:

Einen unmittelbaren Nachweis, dass eine Intervention mit Gemüse und Obst das Risiko für Krebs oder auch andere chronische Erkrankungen senkt, gibt es derzeitig nicht. Ebenso fehlen beobachtende epidemiologische Daten, die belegen, dass eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten im Sinne einer Erhöhung des Gemüse- und Obstverzehrs im Erwachsenenalter das Erkrankungsrisiko für Krebs und andere chronische Erkrankungen zu senken vermag.[1]

Das Gerede von „pflanzlichen Wirkstoffen“ oder „rein pflanzlichen“ Medikamenten, die Warnungen vor zu viel Fleisch und Fastfood, die Empfehlung, statt Weißbrot Vollkornbrot zu essen und überhaupt auf „Vollwerternährung“ umzusteigen – all das ist Irreführung und hat vor allem eines zur Folge: Ernährungsberater, Fastenkliniken und Therapeuten jeglicher Couleur verdienen sich mit Schwarzmalerei eine goldene Nase. Und damit wir es nicht vergessen:

Der Begriff der Vollwertkost (nach dem 2.Weltkrieg umbenannt in Vollwerternährung) geht auf

Prof. Werner Kollath [5] zurück, der 1933 in die NSDAP eintrat, SS-Fördermitglied wurde und ab Oktober 1933 der NSLB, dem NS-Dozentenbund, dem NSV und dem Reichsluftschutzbund angehörte. Es ist nur logisch, daß zur Anfälligkeit der Nazis für bestimmte esoterische Auswüchse auch ihre Vorliebe für die Vollwertkost gehörte. Es ging ja immer um die „Volksgesundheit“. So wurde 1939 der Reichsvollkornbrotausschuss gegründet, um die Bäckereien dazu zu bringen, vor allem Vollkornbrot statt Brot aus Auszugsmehl herzustellen. Der Reichsärzteführer Leonardo Conti erklärte: „Der Kampf um das Vollkornbrot ist ein Kampf für die Volksgesundheit.“ Auch die anderen Protagonisten der Vollwertszene sind dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen: Bircher-Benner, der Erfinder des berühmten Schweizer Müslis, oder Max Otto Bruker, von Jutta Ditfurth gelegentlich als „Ökofaschist“ bezeichnet. Wer sich die Lebenswege und Verstrickungen dieser Leute mit Nazideutschland genauer ansieht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: die heute bis in Regierungskreise und -programme verbreitete Vollwerthysterie ist ein Erbe unserer Nazi-Vergangenheit. Ausgerechnet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung liefert dafür ein peinliches Beispiel:

Die Historiker Ulrike Thoms und Jörg Melzer weisen darauf hin, dass in der DGE in der Anfangsphase eine Reihe von Personen in leitenden Funktionen aktiv waren, die bereits in der Zeit des Nationalsozialismus mit Ernährungsfragen befasst waren und teilweise mit der Regierung zusammengearbeitet hatten. Melzer spricht von „personeller Kontinuität“. Auch der Name der DGE erinnere an die in der NS-Zeit tätige und 1935 gegründete Deutsche Gesellschaft für Ernährungsforschung (DGE).[3] Thoms wirft der DGE vor, sich nie von ihrer Vorläuferorganisation distanziert zu haben. „Weder die Existenz einer gleichnamigen Vorgängergesellschaft noch die Tatsache der weitgehenden Identität ihrer Mitglieder vor und nach 1945 wird auch nur erwähnt.“[6] Der Begriff „vollwertige Ernährung“ wurde bereits in der NS-Zeit verwendet, vor allem von Werner Kollath. Ulrike Thoms: „Bis heute hat sich die DGE mit ihrer Vorgeschichte im Nationalsozialismus nicht auseinandergesetzt. Weder der persönliche Briefverkehr Krauts noch die ersten Publikationen der DGE, allen voran in der von ihr seit 1954 herausgegebenen Zeitschrift ‚Ernährungs-Umschau‘, lassen eine inhaltliche Abwendung von den früheren inhaltlichen Ansätzen der Ernährungsforschung erkennen.“
[2]

So, mal sehen, was im Eisschrank ist…

Anmerkungen und Links

(Screenshots: ARD-Sendung Maischberger)
Europäisches Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. E.U.L.E.

[1] DGE 2001: „5 am Tag“-Kampagne: Wissenschaftliche Begründung
[2] Wikipedia über die DGE
[3] Max Otto Bruker, Ökofaschist oder Vollwertpapst?
[4] Jörg Martin Melzer: Vollwerternährung (Medizin, Gesellschaft Und Geschichte – Beihefte (Medgg-B))
[5] Werner Kollath, Nazi und Pionier der Vollwerternährung
[6] Fastenklinik Buchinger am Bodensee

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