Sigmar Gabriels Kernthese: es ist alles kulturell vererbt, irgendwie

So stellt sich jemand wie der SPD-Parteichef die Welt vor: alles ist irgendwie sozial und kulturell vererbt und Biologie und Gene sind bähh. Deswegen gehören die auch verboten. Und wer irgendwas über Gene und Sozialverhalten redet, wird aus der Partei ausgeschlossen. Basta!

Wie kommt es, daß ein ausgebildeter Gymnasiallehrer einen solchen Schwachsinn von sich geben kann und dabei auch noch heftig beklatscht wird? In den vergangenen Wochen konnte man beobachten, wie sich die bundesdeutsche Politiker- und Medienelite mit Begeisterung an einem Thema abarbeitete, das wie geschaffen schien, von den eigenen Defiziten und Unfähigkeiten abzulenken: es war die durch die Sarrazin-Thesen hervorgerufene Stellvertreter-Debatte, in der es darum ging, den Deutschen zu bestätigen, daß sie alle fortschrittliche, ökologisch und sozial gerecht denkende Menschen sind und daß es ja immer nur einzelne seien, die einem rassistischen (oder modern: biologistischen) Rassenwahn erliegen.

Wie schön, daß als Stellvertreter für die ewiggestrigen Braunen nun ein Bundesbanker gefunden wurde, der dem gemeinen Volk gleich noch als Ausbeuter, Großkapitalist und Neokon präsentiert werden konnte. Die gesamte Parteienlandschaft, in vorderster Front die Bundeskanzlerin und ihr Gegenspieler Sigmar Gabriel, stürzten sich begeistert auf den „Rechtsausleger“, „schamlosen Selbstvermarkter“ und „Volksreinheitsbewahrer“ „SSarrazin“ und empörten sich am laufenden Band bei Plasberg, Beckmann und Illner.

Das Interessante an dieser Sarrazin-Klatsche oder – wie Henryk Broder es nannte- modernen Hexenjagd ist aber nicht die Einigkeit der sich ansonsten heftigst bekämpfendenen Beteiligten, sondern es sind die aus dem Mittelalter stammenden wissenschaftsfeindlichen Argumente, die die Protagonisten der Sarrazinhasserszene in die Nähe von Bischöfen, Päpsten und Theologen rücken. Ohne daß sie es merken, bedienen sich Gabriel, Künast und die zahllosen anderen in den Talkshows sich ereifernden Gutmenschen einer Sprache, die man eigentlich eher aus Interviews mit bischöflichen Würdenträgern oder katholischen Chefärzten ([13],[14]) gewohnt ist.

  • So erklärte Gabriel [3] z.B., Sarrazin solle nicht aus der Partei ausgeschlossen werden, weil er Probleme benenne, sondern wegen seiner Kernthese, dass Menschen genetisch disponiert sind und bestimmte Verhaltensweisen sich nicht etwa kulturell vererben, sondern genetisch, biologisch.
  • Sarrazin, so Gabriel an anderer Stelle, verteidige Theorien einer staatlich gelenkten Vererbungspolitik, deren „Perversion“ in Deutschland „nach Auschwitz“ geführt habe. [7] und [8].
  • Sarrazins „Biologisierung“ sei ein „Nazi-Ansatz“, sagte Thomas Krause, stellvertretender Bezirkschef des SPD-Stadtbezirks Dortmund-Hombruch.
  • Seine Amtskollegin Ingrid Krämer-Knorr meinte: Die Gen-Sache ist natürlich eine völlig überzogene und nicht zu verantwortende Äußerung.
    [6]
  • Die Welt am Sonntag im Interview mit Sarrazin: Wer „Kultur“ sagt und „Gene“ und noch lieber „Rasse“ gesagt hätte, der muss mit Vorwürfen rechnen.
  • Andrea Nahles in einem Brief an die SPD-Basis: er hat mit seinen Äußerungen zu genetischen Identitäten von Völkern, Ethnien oder Religionsgemeinschaften eine Grenze überschritten
  • Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner: nannte Sarrazin in einem Gastkommentar auf SPIEGEL ONLINE einen „rhetorischen Kraftmeier“, der völlig falsch argumentiere und nur provozieren wolle.
  • Cem Özdemir (es ist alles ’ne soziale Frage) und Bernd Ulrich von der ZEIT behaupten bei Illner, daß man genetische Fragen auf keinen Fall mit sozialen mischen dürfe, denn da lande man immer bei Bevölkerungspolitik oder bei Eugenik.
  • Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller in einem Interview mit der Passauer Zeitung vom 14.09.2010 über den britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins: In seinem biologistischen Reduktionismus und Methodenmonismus zeigt sich die ideologische Instrumentalisierung der modernen Naturwissenschaften…..


Wer also behauptet, daß „Menschen genetisch disponiert sind und bestimmte Verhaltensweisen sich nicht etwa kulturell vererben, sondern genetisch, biologisch“, wer also nur das wiedergibt, was schon seit Jahrzehnten von der Wissenschaft bestätigt wird, der wird aus der SPD ausgeschlossen. Und falls er noch nicht aus der Kirche ausgetreten ist, von Bischof Müller exkommuniziert.

Ja, so einfach ist das alles. Genetik + Sozial = Eugenik. An dieser Symbolik erkennt man exemplarisch, wes Geistes Kind unsere Politiker und Journalisten sind. Anstatt zuzugeben, daß sie weder von Biologie noch von Statistik oder Intelligenzforschung auch nur im mindesten eine Ahnung haben, plappern sie unbekümmert die Vorurteile nach, die sie in ihren geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studiengängen mitbekommen haben.

Es sind Vorurteile gegenüber der Soziobiologie, deren Forschungsergebnisse vielen Geisteswissenschaftlern schon immer ein Dorn im Auge waren: Biologie und Soziologie, das kann nur Rassismus bedeuten, so lautet die schlichte Schlußfolgerung.

Auch fürchtet man sich vor dem „Determinismus“ der Soziobiologen, die den Menschen letztlich zu einer Marionette seiner Gene „degradieren“ würde. Der Mensch als Krone der Schöpfung darf nicht „berechenbar“ sein, andernfalls könnte ja die Soziologie durch die Biologie ersetzt werden (eine Vision, die schon Edward Wilson hatte, der als Begründer der Soziobiologie gilt).

Das schlimme an der ganzen Diskussion um Gene und Sozialverhalten ist aber die konsequente Weigerung der Kritiker, sich mit der Theorie selbst intensiver auseinanderzusetzen. Es reicht anscheinend zu hören, daß jemand mit mathematischen Modellen und biologischen Gesetzen versucht, menschliches Sozialverhalten zu erklären, um mit diversen Keulen auf den vermeintlichen Rassisten einzuschlagen. Für die einen ist er ein gottloser fundamentalistischer Atheist, für die anderen ein Sozialdarwinist, und nicht wenige würden am liebsten die Bücher des „Irregeleiteten“ verbrennen.

Bildung ist eben alles – wie oft hören wir das in diesen Tagen, und das gerade von völlig einseitig „Gebildeten“:

  • Bernd Ulrich von der ZEIT – hat Politik studiert
  • Renate Künast: Sozialarbeit und Jura
  • Cem Özdemir: Sozialpädagogik
  • Sigmar Gabriel: Lehrer, Deutsch, Politik und Soziologie
  • Andrea Nahles: studierte 20 Semester Politik, Philosophie und Germanistik
  • Reinhold Beckmann: Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften
  • Maybritt Illner: Journalistik
  • Frank Plasberg: abgebrochenes Studium von Theaterwissenschaft, Politik und Pädagogik
  • Anne Will: Geschichte, Politikwissenschaft und Anglistik
  • Ralf Stegner: Politikwissenschaft, Geschichte und Germanistik

SPIEGEL-Redakteure und -reporter haben natürlich meist eine ähnliche Vor- bzw. Ausbildung wie Gabriel et.al., aber immerhin hat der SPIEGEL ja ein großes Wissenschaftsressort, und dort arbeitet auch der eine oder andere Naturwissenschaftler. Um die aberwitzigen Theorien der Sarrazin-Basher von der alles bestimmenden Umwelt „wissenschaftlich abgesichert“ erscheinen zu lassen, durfte daher der Biologe Jörg Blech einen Artikel mit der Überschrift „Fakten zu Sarrazins Thesen: Die Mär von der vererbten Dummheit“ schreiben. Außerdem ließ er uns bereits vor einem Monat im SPIEGEL Nr. 32 in einem 10-seitigen Artikel über „Das Gedächtnis des Körpers“ wissen, daß es aus ist mit der Allmacht der Biologie, der Bann der Gene sei gebrochen und die Umwelt ja doch weitaus wichtiger.
(Bildquelle: http://www.oezdemir.de/ )
Daß gerade dieser Autor derart auf die Pauke hauen durfte, hängt damit zusammen, daß Jörg Blech als Verfasser eines Buches mit dem Titel „Gene sind kein Schicksal: Wie wir unsere Erbanlagen und unser Leben steuern können“ genau jene Meinung vertritt, die gegenwärtig in der medialen (deutschen) Öffentlichkeit als „korrekt“ gilt und von Cem Özdemir immer wieder gekonnt auf den Punkt gebracht wird: Es ‚is alles ’ne soziale Frage. Blech ist da etwas vorsichtiger: für ihn ist nur fast alles ’ne soziale Frage, aber auf jeden Fall bastelt er sich aus ein paar Interviews und Zitaten diverser „Forscher“ (vorwiegend aus den USA) eine nach Wissenschaft riechende Version der These „Nicht Gene, sondern die Umwelt steuern unser Verhalten“. Vielleicht wird er ja jetzt Ehrenvorsitzender der SPD wegen seiner „Kernthese“:

„Ethnische Gruppen sind genetisch verschieden – und deshalb auch unterschiedlich intelligent: Diese These ist uralt und von der modernen Forschung längst widerlegt.“

Nichts ist hier widerlegt, schon gar nicht die „Schlußfolgerung“, die Blech hier großkotzig als „These“ vorstellt. Es gibt niemanden außer Jörg Blech vielleicht, der behauptet, daß die genetischen Unterschiede von ethnischen Gruppen der Grund für deren unterschiedliche Intelligenz sind. Aber es macht sich ja so gut, so etwas in den Raum zu stellen: man kann empört sein und andere öffentlichkeitswirksam als Nazis, Rassisten oder wenigstens Rechtspopulisten diffamieren.

Die andere Methode, mit der Blech um Zustimmung zu seiner Umweltthese wirbt, besteht darin, daß er mit solchen Sätzen wie

Das Mathe-Gen, das Glücks-Gen, das biologisch vorbestimmte Übergewicht: alles Mythen.

den Unglücklichen, den Dicken und den mathematischen Nullen in unserer Gesellschaft versichert, daß sie selbst doch gar keine Verantwortung für ihr Unglück, den dicken Bauch oder die 6 in Mathe tragen. Nein, es ist die Gesellschaft, es sind die sozialen Verhältnisse, der Konsumzwang in einer kapitalistischen Umwelt, die all diese schlechten Eigenschaften verursachen. Alles wird wieder gut, wenn die Politiker endlich die richtigen (Zwangs)maßnahmen ergreifen, das wußten schon Hitler, Stalin und Mao Tse Tung. Wer das als übertrieben empfindet, sollte sich „Das unbeschriebene Blatt“

von Steven Pinker durchlesen, in dem neben diesem Hinweis auf den „Edlen, reinen Wilden“ (eben das „unbeschriebene Blatt“ des John Locke) auch folgende treffende Kennzeichnung von Kritikern des IQ zu finden ist:

Menschen, die sagen, der IQ sei bedeutungslos, beschwören ihn sofort, wenn es darum geht, einen Mörder mit einem IQ von 64 hinzurichten, Bleifarbe zu entfernen, die den IQ eines Kindes um 5 Punkte senkt, oder festzustellen, ob George W. Bush für sein Amt geeignet ist.

Was auch immer der SPIEGEL-Autor Jörg Blech mit seinen Artikeln erreichen wollte: kritische Leser konnte er damit nicht überzeugen. Denn er hat miserabel recherchiert und – aus welchem Grunde auch immer – genau jene Wissenschaftler nicht erwähnt, die eine ganz andere Geschichte erzählt hätten:

  • die Soziobiologen Franz Wuketits,
  • Eckart Voland,
  • Ulrich Kutschera,
  • den Entwicklungspsychologen Rainer K.Silbereisen,
  • den Psychologen David C.Rowe oder die
  • Evolutionspsychologen Steven Pinker und
  • Dietrich Klusman.

All diese Wissenschaftler sind international anerkannte Größen auf ihrem jeweiligen Fachgebiet, aber Blech haben sie nicht ins Konzept gepaßt, er hat sie mit keinem Wort erwähnt. Dafür hat er dann in seinem Artikel über die angeblich geänderte Sicht der Wissenschaftler betr. der Umwelteinflüsse auf die Intelligenz den Psychologen Robert Nisbett von der University of Michigan zitiert, der in den USA als „Randfigur“ der internationalen Intelligenzforschung gilt und sich in der Bundesrepublik durch unsäglich dumme Interviews in der Süddeutschen und im STERN blamiert hat. [1]

Jörg Blech hat der Wissenschaft mit seinen Artikeln über Genetik, Umwelt und Intelligenz keinen guten Dienst erwiesen:

Offenkundig hat dieser Autor nicht die allergeringste Ahnung von den Ergebnissen der Intelligenzforschung. Intelligenz gehört seit mehr als hundert Jahren zu den am intensivsten erforschten Konzepten der Psychologie und anderer Wissenschaften und sämtliche ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Befunde belegen eindeutig, dass die Intelligenz eine ganz substanzielle biologische Basis hat. Die empirischen Belege sind zahllos. Es gibt kaum einen Befund aus der psychologischen Forschung, der in vergleichbarer Weise durch empirische Daten gestützt wird. – Da hilft es auch nichts, dass Journalisten, Politiker und andere gebetsmühlenartig immer und immer wieder das Gegenteil behaupten.
[11]

In der Tat: daß Intelligenz vererbt wird, lernt man an der Universität schon im dritten Semester Psychologie[12]. Auch wer Germanistik, Theaterwissenschaften oder Politik studiert und später als SPD-Vorsitzender oder Fernsehmoderator anderen Leuten Rassismus vorwirft, sollte doch in der Lage sein, sich vorher zu informieren, z.B. indem er die 35 Seiten des Kapitels 4 mit dem Titel „Der begrenzte Einfluß der Erziehung auf die Intelligenz (IQ)“ im Buch des amerikanischen Psychologen David C.Rowe liest [3]. Für Renate Künast, die Sarrazins Buch mit immerhin 410 Seiten „im Zug nach Hamburg“ gelesen hat (so jedenfalls erzählte sie es bei Beckmann), stellt das sicher kein Problem dar. Doch setzt das voraus, daß man dazu bereit ist, sich nach Sätzen wie „die verhaltensgenetische Literatur über den IQ stellt eindeutig die Vererbung intellektueller Begabung in Familien fest“ nicht über „biologistischen Reduktionismus“ aufzuregen, sondern die Beweise in dieser Literatur anzuerkennen – oder zu versuchen, sie zu widerlegen. Für Linkspopulisten wie Gabriel, Künast et.al. dürfte das schwierig werden: sie haben sich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Es droht ein herber Gesichtsverlust…


Anmerkungen und Links

[1] Gabriel und die Gene, von Gunnar Heinsohn
[2] Die ZEIT: Gabriel über Sarrazin, Welch hoffnungsloses Menschenbild! Warum die SPD einen Thilo Sarrazin in ihren Reihen nicht dulden kann
[3] David C.Rowe: Genetik und Sozialisation
[6] 11.09.2010, WELT-Online: Das Problem der SPD-Basis mit Thilo Sarrazin
[7] 12.09.2010, WELT-Online: Gabriel kritisiert Bundesbank für Deal mit Sarrazin
[8] 13.09.2010, SPON: Zweifel in SPD an Sarrazin-Ausschluss wachsen
[9] 02.09.2010, Maybritt Illner: Kampf der Kulturen? Sarrazins Spiel mit der Ausländerangst
[10] 30.08.2010, SPIEGEL Online, Fakten zu Sarrazins Thesen: Die Mär von der vererbten Dummheit von Jörg Blech
[11]Sarrazin und dumme Journalisten, Kommentar auf dem Blog „Herbstgedicht“ zum Artikel von Jörg Blech
[12] Jugendliche und kognitive Entwicklung, eine Übung zur Pädagogischer Psychologie an der Universität Linz
[13] Inquisition im Fernsehen: Kerner und zwei Bischöfe gegen Richard Dawkins
[14] Theologen, Psychotherapeuten, Bischöfe: das Elend der deutschen Religions-Talkshows

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