Wird Religion überflüssig? Der Neue Atheismus stellt die Gottesfrage

Wann immer Christen mit Atheisten über Gott, Religion oder den Glauben auf öffentlicher Bühne diskutieren, sind die Mehrheitsverhältnisse klar: 3 oder 4 Vertreter der Kirchen fallen mit hochtrabendem geisteswissenschaftlichem Geschwafel über den einen Vertreter eines „fundamentalistischen“ Atheismus her. Das war schon bei Johannes B.Kerner so [10], als dieser zusammen mit den Bischöfen Huber und Jaschke sowie dem Bibelkenner Heiner Geissler den britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins unter Dauerfeuer nahm. Auch Sandra Maischberger hat ein besonderes Talent dafür, in ihren zahllosen Esoterik- und Religions-Sendungen grundsätzlich eine Mehrheit von Gruselgestalten wie Bischof Mixa oder Pfarrer Fliege gegen eine Minderheit von vernunftgesteuerten Menschen einzuladen.

Trotzdem gibt es z.B. genügend Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung, Evolutionsbiologen oder Physiker, die sich als Atheisten oder besser gesagt Humanisten mit solchen Mehrheiten an einen Tisch setzen, und sie sprechen meistens mit einer klaren Sprache und einfachen Sätzen. Das aber widerspricht genau jenem Bild der „Wissenschaft“, das die Herren Professoren und Dozenten der Theologie für sich verinnerlicht haben. Es ist das Bestreben, mit so vielen Worten wie möglich so wenig wie nötig zu sagen. Alfred Grossers Ausspruch

Je obskurer man spricht, desto größer der Ruf und desto höher das Einkommen

trifft nicht nur auf Adorno und Habermas zu, sondern auch auf die Masse der sog. „Wissenschaftler“ an den theologischen Fakultäten. Von denen gibt es auch an der Universität Bonn einige. Schon letztes Jahr hatte ich das Vergnügen, nach einer vollständig frei vorgetragenen Antrittsvorlesung eines russischen Mathematikers über den Beweis der Poincaré-Vermutung durch Grigori Perelman in demselben Seminarraum direkt danach einen Vortrag eines Professors der evangelischen Theologie

über den verhaßten Richard Dawkins zu hören, der natürlich vollständig vom Blatt abgelesen wurde.

Auch in Bonn konnte man am 16.03.2010 im Haus der Evangelischen Kirche zwei Vertreter dieser Zunft erleben. Dr. René Buchholz und Prof. Dr. Axel von Dobbeler sahen sich nicht imstande, ihren auf 10 Minuten begrenzten Vortrag zum Thema „Wird Religion überflüssig? Der Neue Atheismus stellt die Gottesfrage“ frei vorzutragen, sondern lasen vom Blatt ab.

Dagegen sprach der Physiker Dr. Bernd Vowinkel zu seinen Stichworten auf der Notebook-Präsentation völlig frei. Dies war aber nicht der einzige Unterschied zwischen den Eingangsvorträgen der drei Redner. Der wesentliche Unterschied war: während Vowinkel mit klaren, einfachen und kurzen Sätzen über die Giordano-Bruno-Stiftung und ihre Ziele sprach, verstiegen sich die beiden Theologen in ihren Zunftjargon der „wissenschaftlichen Theologie“, aus dem sie den ganzen Abend über reichlich schöpften. Es begann mit dem Vortrag des evangelischen Theologen [Siehe Anhang]:

von Dobbeler: … Wird Religion überflüssig? Diese Frage signalisiert aus meiner Sicht eine funktionale Betrachtungsweise des Phänomens Religion, Religion als die Weise der Gestaltung einer Rückbindung des Menschen an ein Absolutes, an ein Unbedingtes, an eine Gottheit, hat in dieser Perspektive ihre Bedeutung nicht an sich, sondern nur in ihrer Relation zu ihrer Funktionalität.

„Gestaltung einer Rückbindung… Perspektive.. Relation zu ihrer Funktionalität…“: was für ein aufgeblasener, beliebig interpretierbarer, pseudowissenschaftlicher Jargon! Es war aber nur der Anfang von 10 Minuten schwülstigem Theologengeschwätz, an dessen Ende eins feststand: der Redner hätte sich besser an Ludwig Wittgensteins Satz 7.0 in seinem Tractatus Logico Philosophicus halten sollen: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. Oder an die Nuhrsche Variante dieses Satzes.

Was soll man zu diesem schaurigen Geschwätz sagen? Wie kann es sein, daß solche Leute vom Steuerzahler dicke Gehälter bekommen und lebenslang an unseren Universitäten einen solchen Unsinn verbreiten dürfen?

Aus von Dobbelers Ausführungen über den „Reduktionismus“, also das, was seiner Meinung nach die Beschränkung auf eine naturalistisch-materialistische Welt- und Selbstwahrnehmung ist, erkennt man die Angst der Theologen vor der Berechenbarkeit. Wenn alles irgendwie auf Atome, logische Grundprinzipien und „Materie“ zurückzuführen ist, dann bleibt kein Raum mehr für einen „Geist“, einen „Gott“ oder irgendein anderes Ding, mit dessen Hilfe man Menschen unbelegbare Heilsversprechen und unhinterfragbare Dogmen verkaufen kann.

Und das ist es, wovor Theologen wie von Dobbeler und Buchholz am meisten Angst haben: daß man ihnen die Grundlage für die Freiheit des bezahlten Laberns nimmt.

Es ist wie bei allen beamteten Sesselfurzern: ohne den Amtssessel müßte man vielleicht einer Arbeit nachgehen, deren Ergebnisse nachprüfbar sind, und das dürfte für Theologen welcher Couleur auch immer unmöglich sein. Außerdem wäre dann der Glanz des Titels „Prof.Dr.“ weg, mit dem man ja doch immer noch einen gewissen Grad an Wissenschaftlichkeit verbindet. Und auf Titel legen gerade solche Akademiker seit jeher viel Wert, deren Arbeit nur schlecht überprüfbar ist.

Um also gegen die Berechenbarkeit, gegen die Reduktion auf einen Haufen Atome zu argumentieren, hat der betitelte Theologe allen Grund, die ganze Vielfalt seiner verschwurbelten Sprache und Gedankenwelt anzuwenden, incl. Lügen und Unterstellungen. So wird dann gerne gesagt, daß Atheisten (insbes. die „neuen“) Fundamentalisten seien und ihre Sicht der Welt „mit fast religiöser Inbrunst“ verbreiten würden. Als aufgeklärter, „moderner“ Theologe erklärt man dann im gleichen Atemzug, man telefoniere doch gerne mit dem Handy – soz. als Beweis dafür, daß man doch gar nichts gegen die Naturgesetze und deren „methodischen Wert als Erschließungsmodelle“ habe. So wird dem Zuhörer einer solchen Veranstaltung suggeriert, nicht der Theologe sei der Fundamentalist, der halsstarrig an unüberprüfbaren Dogmen festhalte, sondern umgekehrt der Atheist, und das könne man ja schon daran sehen, wie weltoffen der Theologie-Professor mit seinem Handy umgehe.

Weltoffene Theologieprofessoren sitzen im Gegensatz zu den doktrinären, verstockten Atheisten selbstredend keinerlei Illusionen auf. Meint von Dobbeler. Die Atheisten, die den Reduktionismus, eine überaus schwammige Bezeichnung für eine Theorie, die diesen Namen nicht verdient und mit der man alles und nichts sagen kann, diese Atheisten, die dem Reduktionismus-Gott verfallen sind, haben aus der Sicht des evangelischen Theologieprofessors Null Ahnung vom richtigen Gott des Christentums. Der sei nämlich so etwas wie der sich selbst erniedrigende Mensch-Gewordene, auf Golgatha Gekreuzigte, der durch seine Ohnmacht in der Welt Raum gewinnt.

Deutlicher kann man nicht sagen, daß man nichts zu sagen hat. Jetzt wissen wir also, wer der Gott des Christentums ist. Und wir wissen, daß unsere frühere Überzeugung, Sport- und Geographie-Studenten seien die dümmsten an der Uni, falsch war. Das ist das schöne an solchen Veranstaltungen: man kommt mit einer festen Überzeugung, man geht mit derselben Überzeugung, aber man hat gleichzeitig eine Menge dazugelernt.

Für von Dobbeler ist klar: Nicht der irre Theologe ist der Illusion des „Reduktionismus“ aufgesessen, sondern der Atheist, vor allem der „neue“. Und was waren die schlimmen Folgen? Da denkt der Pfarrer gleich an den Fortschrittsglauben im 19. Jahrhundert und die Katastrophen des eben zu Ende gegangenen 20.Jahrhunderts.

Welche Ideologie der Theologie-Professor da gemeint hat, ist nicht ganz klar, aber er präsentiert den Zuhörern den Schuldigen für alles Übel dieser Welt (den man vor ein paar Jahrhunderten gerne öffentlichkeitswirksam auf dem Scheiterhaufen verbrannte): der Reduktionismus , diese schreckliche Vorstellung, daß wir alle nur durch unsere Gene ferngesteuert sind, daß alles auf nackte (!) Zahlen und Algorithmen zurückgeführt werden kann, diese Denkrichtung ist für all das schreckliche Unglück im 19. und 20.Jahrhundert verantwortlich. Haben wir richtig verstanden? Hatte sich nicht auch der katholische „Fundamentalist“ Walter Mixa 2009 über einen zunehmend aggressiven Atheismus in Deutschland beklagt? Und ob [6]:


„Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet“, hieß es in Mixas Osterpredigt 2009. „Eine Gesellschaft ohne Gott ist die Hölle auf Erden….
Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen.“

Anstatt solche Aussagen von Mixa, die in unmittelbarem Zusammenhang zum Thema des Abends standen, zu diskutieren, hielt es der zweite Vortragende, der Privatdozent Dr. René Buchholz, für angebracht, die Rolle von Mixa, Meissner und anderen katholischen Scharfmachern als Arbeitsbeschaffer für eine kritikgeile Presse kleinzureden:

Buchholz:
Und selbst Bischöfe wie Herr Mixa und Herr Meissner sind ja immer noch eine wichtige ABM für die Presse.

Dies veranlasste die neben mir sitzende Gattin des Privatdozenten zu einem dezenten Lächeln, während die Masse der grauhaarigen Kirchgänger im Saale den Redner jubelnd beklatschte. Nun ja. Besser kann man von den Widerlichkeiten kirchlicher Würdenträger nicht ablenken: katholische Bischöfe leugnen den Holocaust [11], verteufeln Atheisten und mißbrauchen Kinder, aber wer darüber berichtet, soll sich über diese arbeitsbeschaffende Maßnahme freuen.

(Bildquelle: buskampagne)

Während der katholische Privatdozent also einerseits seine Rede mit solcherlei Scherzen aufzulockern versuchte, konnte er aber andererseits der Versuchung nicht widerstehen, seinem akademischen Schwulst immer wieder durch Zitate von Horkheimer, Hegel, Nietzsche oder Habermas höhere Weihen zu verleihen. Da war von der Selbsttranszendenz der theoretischen und praktischen Vernunft die Rede, von narrativen und diskursiven Formen der Theologie, von Kausalität selbst als Bedingung der Möglichkeit oder von endlichen Kausalketten. Ein gutes Beispiel für die inhaltslose Beliebigkeit, die der Sprache dieser „Wissenschaftler“ innewohnt, war folgende Erklärung von Buchholz für die „Schöpfung“:

Der Begriff der Schöpfung ist nicht identisch mit dem Begriff einer Erklärung: was passierte nach dem Urknall, oder was hatten wir vor dem Urknall, sonst wäre Schöpfung ein Akt innerhalb einer noch rekonstruierbaren Kausalkette. Damit wäre aber der Schöpfer selbst auch Teil einer endlichen Kausalkette. In diesem Fall müßte der Schöpfer in der Tat irgendwo entdeckbar sein. Entweder hätte Herr Gagarin ihn doch irgendwo entdecken müssen, oder wir brauchten noch bessere Meßinstrumente. Das ist offensichtlich nicht der Fall.
Schöpfung meint eine Herkünftigkeit, die nicht in strengem Sinne selbst noch mal in der Form einer Kausalität zu denken ist, sondern in der Kausalität selbst als Bedingung der Möglichkeit enthalten ist.

Die Frage ist immer, ob man überhaupt auf einen solchen Unsinn eingehen soll. Herr von Dobbeler zum Beispiel hat mehrmals den Leuten im Saal empfohlen, daß sie sich besser über das Christentum und die moderne Theologie informieren sollten („Wann haben Sie zum letzten Mal unter einer Kanzel gesessen und eine Predigt gehört?“). Das könnte man im Gegenzug natürlich auch die Herren Theologen fragen: wann habt ihr zum letzen mal in einer Biologie- oder Mathematikvorlesung gesessen? In beiden Fällen aber kann man antworten: ich muß nicht jeden Unsinn bis zum letzten Detail gelesen und wahrgenommen haben, um mein Urteil darüber zu fällen. Ich muß nicht extra nach Moskau ins Lomonossow-Gefängnis fahren, um mich davon zu überzeugen, daß die Kommunisten dort unzählige Menschen gefoltert haben. Aber es gibt Fälle, wie in dem der Aussagen über den „Schöpfungsakt“, wo man solche Behauptungen sehr schnell als Sätze ohne Sinn entlarven kann, ohne gleich Karl Popper, Kurt Gödel oder Ludwig Wittgenstein zitieren zu müssen.

Ich möchte daher nur ganz kurz ein paar Worte zu diesen Ausführungen von Buchholz sagen:

  • Was versteht der Dozent unter dem „Urknall„? Schon diese erste Frage kann er nicht beantworten. Er versteht nämlich gar nichts davon. Buchholz zählt zu jenen Menschen, die in ihrem Leben noch nie etwas von Tensoranalysis, algebraischer Topologie oder Gruppentheorie gehört haben, um nur einige der mathematischen Theorien zu nennen, die man studiert haben müßte, um wirklich zu verstehen, was der Urknall ist. Trotzdem gibt es Unmengen von Leuten, die über den Urknall reden, als sei er das Selbstverständlichste auf der Welt. Besonders im esoterischen Spektrum werden physikalische Begriffe wie „Energie“, „Urknall“ oder „Frequenz“ ständig bemüht, um die Quacksalberei besser verkaufen zu können. Theologen, ob evangelisch, katholisch, buddhistisch oder islamistisch sind da keinen Deut besser.
  • Buchholz redet von „rekonstruierbaren Kausalketten“, ohne sie zu definieren. Wie beim „Urknall“ ist es dem Theologen auch hier egal, was die Zuhörer denken: auf jeden Fall werden sie ehrfürchtig erschauern, wenn sie die Begriffe hören, und mehr will der Theologe ja auch gar nicht: Eindruck schinden. Dass man aber zum Begreifen von „Kausalketten“, auch ihrer „Rekonstruierbarkeit“ womöglich erst mal wissen müßte, was eine Kausalkette ist und wie ihre „Rekonstruierbarkeit“ eigentlich definiert wird, das kommt einem Schwätzer wie Buchholz nicht in den Sinn, der es gewohnt ist, möglichst schnell möglichst viel Unsinn daherzureden.
  • Buchholz versucht sich übrigens auch als Logiker. Er sagt zum Beispiel „…sonst wäre…“ oder „Damit wäre…“, um Folgerungen aus einer Behauptung abzuleiten. Abgesehen davon, daß er mit zuvor noch nicht definierten Begriffen arbeitet, sind seine „Folgerungen“ allerdings alles andere als logisch klar. Sie sind schlicht unbewiesen, weil einerseits die Ausgangssätze (also die Voraussetzungen, aus denen dann die Behauptung zu erschließen ist) völlig unbewiesen sind und weil andererseits die logische Ableitung ohne Erklärung präsentiert wird. Überraschenderweise ist laut Buchholz „der Schöpfer selbst auch Teil einer endlichen Kausalkette“, wäre die Schöpfung selbst ein Akt innerhalb einer noch rekonstruierbaren Kausalkette. Im Theologen-Universum des Privat-Dozenten Buchholz taucht wie von Zauberhand ein Schöpfer auf. Vorher nur als „rekonstruierbare Kausalketten“ bezeichnete Objekte verwandeln sich plötzlich in „endliche Kausalketten“. Wer kommt da noch mit?
  • Den Gipfel des Mystizismus stellt schließlich die folgende Aussage des Theologen Buchholz dar:
    Schöpfung meint eine Herkünftigkeit, die nicht in strengem Sinne selbst noch mal in der Form einer Kausalität zu denken ist, sondern in der Kausalität selbst als Bedingung…
    Das Interessante an dieser Aussage war für mich nicht die Verwendung von zahllosen schon vorher nicht definierten Begriffen, sondern die Bestimmtheit, in der hier jemand eine Art Dogma verkündet: Schöpfung meint eine …. Ja, meint sie das? Oder meint das nur der kleine bedeutungslose Privatdozent Buchholz?

Anmerkungen und Links

Ankündigung durch die Volkshochschule Bonn

Adrian Reinert, Leiter des Fachbereichs „Lebenslanges Lernen“ an der Volkshochschule Bonn,

„Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott.“ So lautete die Aufschrift auf einem Doppeldecker-Bus, den deutsche Atheisten im letzten Sommer auf Deutschlandtournee schickten. Der „Neue Atheismus“ beruft sich auf die Fortschritte von Naturwissenschaften und Technik. Immer mehr lange für mystisch oder unerklärlich gehaltene Dinge fanden natürliche und rationale Erklärungen. Auf Dauer werde es keine Fragen mehr geben, die religiöser Klärung und Deutung bedürfen. An diesem Abend begegnen sich ein Vertreter dieses neuen Atheismus, ein katholischer Fundamentaltheologe und ein evangelischer Bibelwissenschaftler und tauschen ihre unterschiedlichen Auffassungen aus. Dr. Bernd Vowinkel ist Physiker und in der Giordano-Bruno-Stiftung engagiert. Dr. René Buchholz ist Privatdozent an der Universität Bonn. Professor Dr. Axel von Dobbeler leitet das Evangelische Forum Bonn.
Die Veranstaltung findet in Kooperation von VHS, Katholischem Bildungswerk und Evangelischem Forum statt.
Diskussionsforum Dr. Bernd Vowinkel / Dr. René Buchholz / Prof. Dr. Axel von Dobbeler

Redebeitrag von Herrn von Dobbeler

Apropos Reduktionismus: die Beschränkung auf eine naturalistisch-materialistische Welt- und Selbstwahrnehmung sitzt meines Erachtens in mehrfacher Hinsicht Illusionen auf.

  1. Sie verwechselt heuristische Methoden, also Erkenntnismethoden der Naturwissenschaften, mit ontologischen Prinzipien, mit Seins-Prinzipien.
    Mit fast religiöser Inbrunst werden Naturgesetze, deren methodischer Wert als Erschließungsmodelle einer unendlichen komplexen Wirklichkeit nicht bestritten werden soll – ich telefoniere auch gerne mit dem Handy – werden diese heuristischen Modelle zu eben jener Wirklichkeit selbst erklärt.
  2. Dieser Reduktionismus verwechselt den Gott der Bibel mit jenem Hinterwäldler, der als Lückenbüßer unserer fortschreitenden Erkenntnis weichen muß. Der Gott des Christentums ist jedoch kein außerweltlicher Hochgott, sondern es ist der sich selbst erniedrigende Mensch Gewordene, auf Golgatha Gekreuzigte, der durch seine Ohnmacht in der Welt Raum gewinnt.

    Das Paradoxon – das Paradoxon … der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes, nach Kiekegard das Paradoxon schlechthin, wird durch die Gespensterjagd der neuen Atheisten weder begriffen noch voll getroffen. Im übrigen komme ich auf Gespensterjagd gerne mit.

  3. Dieser Reduktionismus unterliegt einem Fortschrittsglauben, der uns an das 19. Jahrhundert erinnert, und die Katastrophen des eben zu Ende gegangenen 20.Jahrhunderts offenbar erfolgreich auszublenden weiß. Dem entspricht ein perfektionistisches Menschenbild, das aus meiner Sicht in der Gefahr steht, ideologische Züge anzunehmen, das jedenfalls die Schönheit des Torso offenbar nicht zur Kenntnis nimmt.
    Dieser Reduktionismus weiß
  4. sich der Aufklärung verpflichtet, blendet dabei allerdings aus, daß der Motor der Aufklärung, die Kritik, sich erst in der Fähigkeit zur Selbstkritik erweist. Ich denke hier wäre von der Theologie einiges zu lernen.
  5. Schließlich blendet der Reduktionismus die theologische Entwicklung mindestens der letzten 250 Jahre aus und kämpft im Gestus des mutigen Tabubruchs gegen Positionen, die niemand mehr vertritt, es sei denn irgendwelche Fundamentalisten.
    Und
  6. schließlich: der missionarische Eifer, mit dem die Nichtexistenz Gottes propagiert wird (siehe besagte Busaktion), hat nicht nur quasi religiöse Züge, sondern wird in einer Zeit, in der die Mehrheit der Zeitgenossen in praktischem Atheismus leben, eher skurril. Wer soll hier eigentlich wovon überzeugt werden?

Fazit: wer den Verzicht auf Religion fordert, hat aus meiner Sicht einen hohen Preis zu zahlen. Er blendet die Weise der Welt- und Selbstwahrnehmung aus, die alleine in der Lage ist, Gewißheiten zu vermitteln.

Nur solche auf dem Wege des Glaubens sich erschließende Gewißheiten ist eine Welt uns selbst nicht möglich, die in der Lage ist, die Kategorien der Vergeblichkeit, der Absurdität, des Versagens, der Schuld, und ähnliche nicht auszublenden, oder in aktive Zukunftserwartung aufzulösen. (Anmerkung: die Mitschrift der Redebeiträge erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Man kann sich aber denken, was von Dobbeler damit sagen wollte.) Mit anderen Worten: Religion bzw. Glaube befähigen uns zu schonungslosem Realismus. Und zu radikaler Kritik.

Aus christlicher Sicht wäre vielleicht mit Bonhoeffer zu sagen, die Bruchlinie im Gespräch zwischen Christen und Atheisten verläuft nicht zwischen Transzendenz und Immanenz, sondern vielleicht eher zwischen der tiefen Diesseitigkeit, von der Bonhoeffer gesprochen hat, und einer platten oder banalen Diesseitigkeit.

Redebeitrag von René Buchholz

Die Frage nach dem Sinn, dem Wert und dem Ziel unserer Handlungen, nach der Hoffnung für die unzähligen Opfer der ersten und der zweiten Natur – wenn Sie mir diesen Hegelschen Terminus einmal durchgehen lassen -, oder für diese Welt, die nicht für irgendeine Hinterwelt steht, ist weder durch die funktionale Erklärung der Natur noch durch Maßnahmen einer technischen Optimierung schon beantwortet. Vernunft erschöpft sich nicht in der Nachkonstruktion des Wirklichen, also in dem, was Max Horkheimer kritisch „instrumentelle Vernunft“ nannte, so unabdingbar diese für das Überleben der Individuen und der menschlichen Gesellschaft auch ist, das ist vernünftigerweise auch nicht zu bestreiten.

Es gibt eine Selbsttranszendenz der theoretischen und praktischen Vernunft, des Diesseits vielleicht, sogar, möchte ich noch mit Nietzsche einfügen: der Lust, die bekanntlich Ewigkeit will, und sogar die talmudischen Traditionen wissen davon, daß Schabath, Sonne und Beischlaf ein Vorzeichen der kommenden Welt sind. Insofern ist mir sogar ein gewisser materialistischer Impetus durchaus nicht fremd und um ein vielfaches mehr sympathisch als heuristisches Prinzip und als Kritik einer Philosophie, die … weltvergessen glaubt, die Wirklichkeit aus dem Denken herauskonstruieren zu können.

Wenn diese Dynamik endlicher Vernunft, diese Selbsttranszendenz endlicher Vernunft, nicht ins Absurde und Leere laufen soll, so zielt sie auf eine Wirklichkeit, die nicht nochmals das endliche Produkt unserer Projektionen und Modelle ist. Insofern gibt es durchaus Ähnlichkeiten zu Barth (?) und der Bonhoefferschen negativen Theologie.
….

So leicht wird man diesen Gott nicht los. Das ist das unangenehme an ihm….
Mit diesem Bewußtsein verbindet sich aber auch die Idee einer umfassenden Gerechtigkeit, die auch die Untergegangenen einschließt und eine Kritik jenes eindimensionalen Fortschrittsoptimismus einschließt.
…..

Der Begriff der Schöpfung ist nicht identisch mit dem Begriff einer Erklärung: was passierte nach dem Urknall, oder was hatten wir vor dem Urknall, sonst wäre Schöpfung ein Akt innerhalb einer noch rekonstruierbaren Kausalkette. Damit wäre aber der Schöpfer selbst auch Teil einer endlichen Kausalkette. In diesem Fall müßte der Schöpfer in der Tat irgendwo entdeckbar sein. Entweder hätte Herr Gagarin ihn doch irgendwo entdecken müssen, oder wir brauchten noch bessere Meßinstrumente. Das ist offensichtlich nicht der Fall.

Schöpfung meint eine Herkünftigkeit, die nicht in strengem Sinne selbst noch mal in der Form einer Kausalität zu denken ist, sondern in der Kausalität selbst als Bedingung der
Möglichkeit enthalten ist.

Redebeiträge der Zuhörer

Zuhörer Nr.2:Meine Name ist Eisenbeiß, ich wollte sagen, daß ein Mensch, der nun nicht zu der Frage der Religion kommt, oder sie beantwortet, weil er so viele Bücher gelesen hat über intelligente Maschinen oder über Religion oder theologische Deutung, sondern er kommt ganz individuell zu der Frage, und versucht individuell eine Antwort zu finden aus seiner kulturellen Umgebung heraus. Und insofern muß ich Ihnen sagen, daß meine Haltung dadurch bestimmt ist, daß, wenn ich überhaupt glauben sollte: ich hätt gar nicht gewußt, an was ich glauben soll. Vielleicht würde ich am ehesten dem Dadaismus zuneigen… oder ich würde Schamane wie viele andere Menschen in Deutschland…

Aber ich muß Sie damit konfrontieren, daß ich eins auf jeden Fall nie glauben würde:
daß ein ewiger Gott vor 2900 Erdumdrehungen um die Sonne, plötzlich seine Politik geändert hat, nicht mehr nur für ein Volk zuständig war, sondern sich plötzlich gesagt hat: au fein, jetzt bin ich mal für alle da!

Links

[1] Evangelisches Forum Bonn
[2] Hochkarätiger Studientag anlässlich der Bonner UN-Konferenz
[3] Evangelisch-Theologische Fakultät in Bonn
[4] ZNTonline: Zeitschrift für Neues Testament im Internet
[5] Anmeldung zum VHS-Kurs: Wird Religion überflüssig? Der Neue Atheismus stellt die Gottesfrage
[6] Theologen, Psychotherapeuten, Bischöfe: das Elend der deutschen Religions-Talkshows
[7] Richard David Precht: monogam wurde der Mensch durch die jüdische Seuchenmoral.
[8] Kreationisten: Darwinismus schuld am Holocaust
[9] Christen als Folterer
[10] Inquisition im Fernsehen: Johannes B. Kerner und zwei deutsche Bischöfe gegen Richard Dawkins
[11] Brasilianischer Bischof: nicht Juden, sondern Katholiken waren Hauptopfer des Holocaust

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