Linke Stadtneurotiker


Wer glaubt, daß 68er-Linke nur noch in den Kneipen der Toskana anzutreffen sind, irrt gewaltig: in der Schwarzwald- und Esoterik-Hauptstadt Freiburg z.B. gibt es sie noch massenweise, die „Anti-Imps“, die „Anti-iDs“, die „autonomen Antifaschisten“, die „antifaschistische Linke“ oder auch – kaum auszusprechen – die „Antispeziesistische Aktion Freiburg“. Natürlich gibt es sie im gesamten Bundesgebiet, die „Antis“, aber in Freiburg, der Geburtsstadt der Anti-Atom-Bewegung, haben sie die Stadt fest im Griff: immerhin 25 von 48 Sitzen des Gemeinderats sind dem Spektrum „grün-alternativ-links“ zuzuordnen.

Und was machen diese vielen Antifaschist_Innen, Kämpfer_Innen und sonstigen eigebildeten Gutmenschen_Innen am Jahresende? Man feiert, wie andere Menschen auch. Aber nicht einfach so in irgendeiner Kneipe, wo man möglicherweise auf neokonservative, neoliberale oder neofaschistische Menschen treffen würde, nein, es muß schon mindestens ein Cafe einer „selbst­or­ga­ni­sier­ten, unab­hän­gi­gen Sied­lungsinitia­ti­ve“ sein, und da bietet sich das SUSI-​Café [4] als Antifa-Kneipe an.

Als sich dort am 16.Dezember die tapferen Kämpfer_Innen trafen, die seit Jahren gegen unsere faschistische Polizei und den kapitalistischen Unterdrückerstaat im Widerstand tätig sind, da machte man das, was auch die „alten Kameraden von der Wehrmacht“, die „ewig Gestrigen“ oder die ordensübersääten ehemaligen Politbüro- und Stasimitarbeiter tun: in „zu­sam­men­ge­stü­ckel­ten Trash­vide­os mit dem Bes­ten aus 20 Jah­ren Stra­ßen­kampf“ bestaunte man die eigenen Heldentaten aus vergangenen Zeiten, um dann zum Höhepunkt des Abends zu kommen:

Ein Hö­he­punkt wird mit Si­cher­heit das Jah­res­end­zeit­quiz der An­ti­fa­schis­ti­schen Lin­ken sein, das so­wohl Jung­re­vo­luz­zern als auch alten Kämp­fe­rin­nen und Kämp­fern der Be­we­gung die Schweiß­per­len auf die Stirn trei­ben wird.

Schon anstrengend, so ein Kämpfer_Innenleben. Allerdings: was soll dieses frauenfeindliche „Jung­re­vo­luz­zer“? Schließlich gibt es doch auch Revoluzzerinnen, oder? Das wird man auf der nächsten Antifa-Kneipe im Januar noch mal thematisieren müssen!

Vielleicht ist dann aber das SUSI-​Café von einer anderen „selbstorganisierten, unabhängigen Initiative“ mit Beschlag belegt: der Antispeziesistischen Aktion Freiburg[1] . Man muß es dreimal lesen, um es zu glauben, wogegen sich diese „Aktion“ richtet: die Aktivisten/Aktivistinnen dieser Aktion jammern darüber, daß

Tieren auf Grund ihrer „Spezieszugehörigkeit“ eine Minderwertigkeit zugesprochen und so die Ausbeutung an ihnen nicht mal als solche wahrgenommen wird. Sie werden zu Objekten gemacht, und tierische Produkte werden zu Nahrungsmitteln oder Kleidung.

Wie schlimm! Was kann man machen? Wie legen die mutigen Antispeziesisten/Antispeziesistinnen den bösen Metzgern, Fleischkonsumenten und Schuhfabrikanten das Werk? Nun, das ist nicht ganz einfach, aber man kann ja schon mal mit einem offenen Treffen jeden 1. Mittwoch in Susi’s Cafe beginnen. Gearbeitet wird in dezentralen Kleingruppen. Ob Theorie, Recherche Arbeit, Infostand, Straßentheater, Burgerbraten oder Direkte Aktionen.

Irgendwas wird dabei schon rauskommen, und wenns nur eine Spontandemo einer „Kleingruppe“ von 3 Aktivist_Innen am Würstchenstand vorm Freiburger Münster ist. Danach kann man ja die Ergebnisse der Demo beim nächsten Mittwochstreff „analysieren“, ev. Störer und Abweichler zur öffentlichen Selbstkritik auffordern und bei Bedarf „dezentrale Ortsgruppen“ in anderen Stadtteilen oder einfach eine völlig neue Gruppe gründen. Und wem das alles nicht paßt, der kann dann noch zur rätekommunistisch-anarchistischen Gruppe „La Banda Vaga“[5] übertreten, um den Bezug zum „gesellschaftlichen Gesamtkontext“ (oder war es der gesamt-gesellschaftliche Konsens? Oder der soziale Gesellschaftskontext? oder der gesellschaftliche Sozialkontext?) nicht zu verlieren. Möglichkeiten gibts genug, in Freiburg, der Stadt der Neurotiker und abgedrehten Linksgruppen.


Anmerkungen und Links:

Ein paar Beispiele aus dem Sprachrepertoire der Freiburger Stadtneurotiker:

  • Wir hatten kurzfristig geplant, das LKW in Tübingen stattfinden zu lassen…[1]
  • Soli-Sprayen für Hannover:…Die Besetzung wurde am 12.08.2009 geräumt, wodurch ein selbstorganisierter Freiraum zerstört wurde und sich wieder einmal gezeigt hat, dass das einzige Gegenargument eines Staates blinde Gewalt ist und immer sein wird.[2]
  • Da die Israel-Fetischisten aber solch massive Probleme haben, eine ganze Busfahrt über den selben Sauerstoff zu atmen, machen sie jetzt überteuerte Kleinbusse.[3]
  • Ich sehe immer noch dringensten Klärungsbedarf ob das Phänomen der sog. „Antispezisistischen Aktion“ nicht aus der rechten Ecke kommt ( siehe z.B. völkische/esoterische Freaks und die neue Rechte mit den sog. „Autonomen NationalistInnen“ und ihre „AG Tierrechte“), ob es überhaupt einen linken Begriff von Anti-„Speziesismus“ geben kann/gibt (ist der Begriff bereits fertig definiert – determiniert – konstruiert?) und was damit tatsächlich antiemanzipatorisch an linken-linksradikalen-humanistischen (soziologischen) Grundsätzen unterwandert wird, bzw. werden könnte/kann. Bsp.: Rechte Ökologiebewegung, Peter Singer, Euthanasie, Gleichwertigsetzung, Entwertung des/der Menschen, (was ist mit menschlicher Arbeit? Und was ist mit unterschiedlichen (sozialen) Lebensbedingungen überall auf der Welt?).[6]

Anmerkungen und Links

[1] Antispeziesismus & Tierrechte
[2] Antispeziesismus & Tierrechte, Soli-Sprayen
[3] Freiburg: Antifabus nach Dortmund
[4] Antifakneipe im Susi-Cafe
[5] La Banda Vega
[6] Systemimmanente Diskursanalyse

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