Theologen, Psychotherapeuten, Bischöfe: das Elend der deutschen Religions-Talkshows

Manfred Lütz, der sympathische Schnellsprecher

Am 17.Dezember 2008 konnte man bei „hart aber fair“ den katholischen Theologen und Chefarzt Manfred Lütz als harten Kritiker der alternativen Medizin erleben. Lütz nahm kein Blatt vor den Mund, als es darum ging, den anwesenden Quacksalbern Barbara Rütting, Jürgen Fliege und der „Geistheilerin“ Dorothea Fuckert die Meinung zu sagen. Daß einer, der sich „katholischer Theologe“ nennt, als gefragter Talk-Show-Gast keine Gelegenheit ausläßt, um gegen Esoteriker und Sektenmitglieder vom Leder zu ziehen, läßt uns hoffen: vielleicht gibt es ja doch noch eines Tages eine Päpstin, die auf Afrikabesuchen in der Bevölkerung kostenlose Kondome verteilt. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg, und das liegt paradoxerweise an solchen Leuten wie Manfred Lütz, diesem sympathischen Schnellsprecher, der mit Büchern wie „Das Leben kann so leicht sein. Lustvoll genießen statt zwanghaft gesund “ den Eindruck macht, als strebe er eine Doppelmitgliedschaft bei der Humanistischen Union und der katholischen Kriche an.

Doch dieser Eindruck trügt, wie man am 3.April 2009 in der ZDF-Doku-Sendung „Streitfall Religion“ beobachten konnte. Dort diskutierten neben Lütz noch der Rabbiner Walter Homolka, Fiona Lorenz vom Humanistischen Verband Rheinland-Pfalz sowie als Vertreterin des Islam Asiye Köhler, Ehefrau des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Ayyub Axel Köhler.

Schon in seinem Eingangsstatement offenbarte Chefarzt Lütz, daß weder professoraler Habitus noch die Distanzierung von „irrationalen Esoterikern“ davor schützen können, seinerseits Unsinn von sich zu geben:

Ich glaube, der Atheismus … ist sehr irrational, in vielem, und…es gibt auch irrationale Züge in den Religionen, aber: die Chance für die Zukunft ist, daß wir einen vernünftigen Diskurs über Religion führen können.

Sündenbefreiung bis zum Andromeda-Nebel?

Lehren wie die von der unbefleckten Empfängnis (ein an sich schon entlarvender sexualfeindlicher Begriff), der fleischlichen Auferstehung oder der Erlösung durch einen Mann, der angeblich vor 2000 Jahren in Palästina lebte und durch seinen Tod die „Sünden“ der Welt (welcher Welt? Bis zum Jupiter oder bis zum Andromeda-Nebel?) auf sich genommen habe, solche Lehren für bare Münze zu nehmen und sie auch noch zu verbreiten, gleichzeitig aber andere des Irrationalismus und Obskurantismus zu bezichtigen, das ist schon reichlich frech. Lütz gibt sich nach außen hin als moderner, aufgeklärter „Wissenschaftler“ und ist trotzdem ein katholischer Christ, ich glaube natürlich, daß tatsächlich alle Menschen von Gott geschaffen worden sind. Und das ist eben das paradoxe und zugleich bedauerliche an solchen Fürsprechern der Religion: gerade diese Leute schaffen es, der Kirche wieder zu mehr Ansehen zu verhelfen, besonders bei Intellektuellen, denen das Geschwätz eines Eugen Drewermann oder Karl Ratzinger auf die Nerven geht.


Lütz über Drewermann:

Während er aus der Sicht moderner Psychotherapie nur Ladenhüter zu bieten hatte und seine Veröffentlichungen das Niveau wissenschaftlicher psychotherapeutischer Literatur nicht erreichten, sicherte ihm allgemeingesellschaftlich das hemmungslose Bedienen aller antikirchlichen Klischees zeitweilige Aufmerksamkeit.

Menschliche Embryonen sind was besseres als Fischembryonen

Das von Lütz herbeigeredete „Niveau wissenschaftlicher psychotherapeutischer Literatur“ ist aber nach wie vor gar nicht vorhanden. Es sei denn, er bezeichne das „Deuten“ schon als Wissenschaft. Aber aufgeklärten Bewohnern von Südstadtvillen, in deren näherer Nachbarschaft mindestens ein „Bioenergetiker“ oder „Psychotherapeut“ wohnt, gefällt sein Gerede: Drewermann als Trottel darzustellen, der Fischembryonen mit menschlichen gleichstellt und „wissenschaftlich“ natürlich eine Null ist. Da ist ja schon mal was dran. Aber: über Drewermann herzuziehen ist ziemlich einfach, der Mann gibt als moderne Ausgabe von Jesus im 21.Jahrhundert höchstens eine Lachnummer fürs Kabarett ab. Manfred Lütz jedoch gefällt sich in der Pose des überlegenen „Wissenschaftlers“, der eine „bessere“, „modernere“ Variante der Psychotherapie verwendet. Also nicht mehr mit diesem dogmatischen Anspruch auf Richtigkeit, auf allgemeine Wahrheiten, sondern:

Die Psychoanalyse versteht sich heute nicht als eine „exakte“ Wissenschaft im Sinne der Naturwissenschaft, sondern als hermeneutische Disziplin, die in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient Deutungen hervorbringt, die der simplen Allgemeingültigkeit entbehren….

[2]
Wunderbar, wie verschwurbelt der Mann sagen kann, daß er nichts zu sagen hat. „Hermeneutische Disziplin“, „Beziehung zwischen Therapeut und Patient“, „Deutungen hervorbringen“….Und das soll alles besser als Drewermann sein? Weil man offen eingesteht: „nichts genaues weiß man nicht“?
Lützens sog. „wissenschaftliche Psychotherapie“ mit ihren systemischen Methoden ist nichts weiter als die Fortführung der klassischen Quacksalberei, erweitert um klangvolle Bezeichnungen wie „Systemische Strukturaufstellung“, „Heidelberger Schule“, „Bonding nach Daniel Casriel“, „Rebirthing nach Leonhard Orr“, „Feldenkrais-Methode nach Moshé Feldenkrais“ oder „Familienstellen“ nach Bert Hellinger, einem Psycho-Guru und – wie kann es anders sein – studierten Theologen, der in seinen Büchern und auf seiner Homepage den Eindruck erweckt, er wolle Gesundheitsminister unter einem Bundeskanzler Horst Mahler werden.

Es ist ja alles nur hermeneutisch

Man kann es nur nochmals betonen: einerseits zu glauben, die Tätigkeit der von Gott geschaffenen Vernunft könne und solle zur Ehre Gottes den Menschen in die Wahrheit einführen, Gott habe alle Menschen erschaffen und Jesus sei der Sohn Gottes, gleichzeitig aber andere Theologen, die genauso wie Lütz als Zweitberuf „Psychotherapeut“ angeben, als Esoteriker und primitive Gurus abzuqualifizieren, das ist nicht nur frech, sondern auch entlarvend. Und zwar deswegen, weil Lütz‘ Methode der „verhaltenstherapeutischen und vor allem systemischen Ansätze“, die er im Gegensatz zu Drewermanns veralteten psychoanalytischen Methoden als „moderne wissenschaftliche“ Wege der Psychotherapie anpreist, genauso wenig nachweisbare Effekte haben. Sie weigern sich beharrlich, ihre unbewiesenen Behauptungen einer empirischen kritischen Prüfung zu unterziehen. Sich dann noch damit herauszureden, daß ja alles nur „hermeneutisch“ sei, mit anderen Worten: man befinde sich im diffusen Bereich der Geisteswissenschaften, wo es ja eher um „Deutungen“ gehe als um schnöde naturwissenschaftliche „Messungen“ oder Beweise, das ist dann schon erbärmlich.

Die kanadische Psychologin Tana Dineen (Foto links, Bildquelle)hat es auf den Punkt gebracht, was man von Psychotherapie in Zukunft zu halten habe:

Hinter der menschenfreundlichen Fassade verbirgt sich eine unersättliche und selbstsüchtige Industrie, die mit „Tatsachen“ hausieren geht, die meist keine sind, die eine „Therapie“ verabreicht, die viel Schaden anrichtet, und die zerstörerische Wirkungen auf den sozialen Zusammenhalt hat.

Und ein Teil dieser Industrie ist der Diplom-Theologe und Facharzt für Nervenheilkunde (später auch für Psychiatrie und Psychotherapie) Manfred Lütz, der auf einer „hermeneutischen Basis“ arbeitet und ganz genau weiß, daß er was besseres als der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann ist. Schon deshalb, weil er Mitglied des Päpstlichen Rates für die Laien, Mitglied im Direktorium der Päpstlichen Akademie für das Leben und Berater der Vatikanischen Kleruskongregation ist. Ein Rat für Laien! Eine Akademie für das Leben! Und eine Kleruskongregation! Sollen wir darüber lachen oder weinen? Der Welt ginge es besser, wenn es weniger solcher völlig überflüssiger Gremien in einer pyramidalen Organisation wie der katholischen Kirche gäbe: da sitzen Leute (natürlich fast ausschließlich Männer) und kommen sich sehr wichtig vor. Und ganz oben sitzt einer, der zwar auch nur ein Stellvertreter des merkwürdigerweise unsichtbaren Chefs ist, dafür aber ganz genau weiß, mit welchen Mitteln man Aids am besten bekämpft: nämlich „Enthaltsamkeit“ (statt Kondomen). Wie sagte doch Dieter Nuhr: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten.

Schwülstiger Schwachsinn über die Gnade Gottes

Doch was ist besser: wie Eugen Drewermann als Jesus aus Paderborn in Wochenendseminaren frustrierten Ehefrauen eine therapeutisch heilende Beziehung zu Gott zu empfehlen (also zu ihm), oder wie Manfred Lütz zwischen pästlichen „Akademien“ bzw. „Räten“ und Talk-Shows zu pendeln und „Katecheten“ (sprich Religionslehrern) schwülstigen Schwachsinn über den Sinn des Lebens vorzutragen:

Die Liebe eines Menschen oder den Sinn des Lebens können wir nicht kaufen, können wir nicht herstellen, können wir nicht kalkulieren. Die Liebe eines Menschen und den Sinn des Lebens muß man erfahren in der Begegnung mit Menschen und in der Begegnung mit Gott. Das macht das Leben so spannend und unkalkulierbar. Es ist die Gnade Gottes, die in Jesus Christus und seiner Kirche liebevoll auf uns zukommt.
[3]

Die Angst der Theologen vor der Berechenbarkeit

Das „Kalkulierbare“ , das man berechnen oder beweisen kann, ist schon immer allen Theologen, egal welcher Couleour, ein Dorn im Auge gewesen. Wenn aber etwas „unkalkulierbar“ ist, in einem mystischen Dunkel liegt und sich jeder „rationalen Erklärung“ entzieht, freut sich der Theologe: da kann nur Gott am Werke sein. Es wimmelt, wie schon Lessing wusste, von Leuten,

»die alles, was sie nicht verstehen, für erhaben halten«

, und uns deshalb der „Gnade Gottes, die in Jesus Christus und seiner Kirche liebevoll auf uns zukommt“ empfehlen.

Zwei Personen mußten in der Diskussion im ZDF-Dokukanal an diesem Abend natürlich Erwähnung finden: Jürgen Habermas und Richard Dawkins. Der eine, weil er seit ein paar Jahren von fast jedem christlichen Theologen im Verlaufe einer Talkshow als Argument aus der Tasche gezogen wird. So als wenn an den unbewiesenen, festgegründeten Glaubensgrundsätzen und Heilsversprechen schon deshalb etwas dran sein muß, weil doch ein so berühmter Philosoph und Soziologe wie Jürgen Habermas nicht unrecht haben kann. Leider fehlte in der Diskussion der Sprachkritiker und -lehrer Wolf Schneider, um die Luft aus Habermas zu lassen [4], der ein besonderes Talent hat, sich möglichst unverständlich auszudrücken, so daß man beim Lesen seiner Bücher oder Reden unwillkürlich an folgenden Ausspruch Alfred Grossers denken muß: „Je obskurer man spricht, desto größer der Ruf und desto höher das Einkommen“ .

Vom Moderator Gert Scobel auf die Frage angesprochen, ob es denn wirklich eine neue Art von Religiosität in Deutschland – oder überhaupt auf der Welt – gebe, antwortete Lütz u.a.:

Ich nenne mal einen Punkt, der für mich ganz markant war: das war die Paulskirchenrede von Jürgen Habermas. Als Jürgen Habermas 2001 sagte, wir müßten den religiösen Bürger im säkularen Staat wieder als religiösen Bürger ernst nehmen im Diskurs, wir müßten ihm nicht zumuten, soz. Religion für Privatsache, noch nicht mal für die Party zu erklären, sondern als religiösen Bürger.

Markant war dieser Punkt also. Aber auch nur deshalb, weil es Jürgen Habermas war, der da gesprochen hat und nicht Erika Mustermann, Franz Gans oder Donald Duck. Der große Philosoph Jürgen Habermas sagt, wir müßten den religiösen Bürger im säkularen Staat wieder als religiösen Bürger ernst nehmen im Diskurs. Müßten wir das? Wir – also alle Bürger der Bundesrepublik? Nein, „wir“ müssen nichts dergleichen. Auch wenn Jürgen Habermas noch einmal eine Rede in der Paulskirche hält und vom „religiösen Bürger im säkularen Staat“ schwafelt, wird sich an „unserer“ Haltung zur Religion nichts ändern. Auch möchten wir nicht so gerne Leuten zuhören, die „die universalistischen Fragestellungen der Transzendentalphilosophie, bei gleichzeitiger Detranszendentalisierung des Vorgehens und der Beweisziele, in ihre Strategie aufnehmen“ [6]. Wir überlassen das Zuhören dem Theologen und Psychotherapeuten Manfred Lütz, dem das nebulöse Geschwafel und der Zunftjargon dieser Geisteswissenschaftler offenbar imponieren.

Richard Dawkins, ein teuflischer Atheist


Bei der zweiten Person, die Lütz als Zeugen für eine Art „neue Religiosität“ oder zumindest die Bereitschaft, über Religion und Gott im weitesten Sinne zu diskutieren, anführte, handelte es sich um den britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins, dem er einen „fundamentalistischen Atheismus“ attestiert:

Aber was ich wirklich als das ganz neue Phänomen empfinde, da hat Dawkins dazu beigetragen, andere auch, ist, daß wir über die Gottesfrage wieder reden: das ist etwas neues. Das war früher nicht üblich.
Ich bin katholischer Christ, ich glaube natürlich, daß tatsächliche alle Menschen von Gott geschaffen worden sind, und irgendwann in ihrem Leben mal eine Sehnsucht nach Gott haben, und wenn es nur 20 Sekunden in einem 80-jährigen Leben sind.
Ich finde Dawkins ganz schrecklich, ich hab den gelesen, in einem wunderschönen Urlaub, und irgendwas hat mich natürlich besonders agressiv gemacht, weil es im Grunde fundamentalistischer Atheismus ist, nicht, also da …das finde ich auch nicht wirklich weiterführend…Ich habe mit vielen Atheisten darüber diskutiert, das war hinterher interessant, also mit Schnädelbach, Herbert Schnädelbach oder so, hochgeistreiche Diskussion, aber Dawkins, das ist nun ein Fundamentalismus mehr…

Lütz ist natürlich nicht der einzige, der mit diesem Argument des „fundamentalistischen Atheismus“ daherkommt. Seit Dawkins sein Buch „Der Gotteswahn“ herausgebracht hat, wird er von christlicher Seite aus massiv unter Beschuß genommen. Wer beim christlichen Medienmagazin „pro-medien.de“ zum Beispiel den Suchbegriff „Richard Dawkins“ eingibt, bekommt immerhin 47 Artikel angezeigt, und das genau seit dem Erscheinen des Buches (Ende 2006 in Englisch, 2007 im Ullstein Verlag auf Deutsch). Lütz selbst hat auf der Autoren-Blogger Seite des Droemer-Knaur Verlages www.was-sache-ist.de einen Kommentar zu Dawkins abgegeben[9], der im selben abgrundtiefen Haßton geschrieben ist wie all die Pamphlete gegen Dawkins auf erzkatholischen Sites wie www.kreuz-net.de oder www.kath-info.de, in denen der Biologe gerne als „fanatischer Evolutionsideologe“ und „gottloser Eiferer“ bezeichnet wird. Und seitdem im letzten Jahr 200 Busse mit der Aufschrift

„Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Hört auf, euch Sorgen zu machen und freut euch des Lebens.“

durch London fuhren, und dies auch noch Beispiel machte für ähnliche Aktionen in Spanien, Kanada, Australien und den USA, nachdem solche „gottlosen“ Aktionen sogar für Deutschland geplant wurden und Atheisten begonnen haben, sich in der Öffentlichkeit zu „outen“, seitdem ist es mit der Zurückhaltung der Religionsfürsprecher vorbei. Vor nicht allzulanger Zeit hätte man solche „Ketzer“ wie Dawkins kurzerhand auf dem Scheiterhaufen verbrannt, doch heutzutage hat man andere Mittel, um „fanatische Evolutionsideologen“ oder „fundamentalistische Atheisten“ in der Öffentlichkeit anzugreifen: z.B. in Talk-Shows wie im ZDF-Dokukanal, bei Maischberger, Illner oder Kerner.

Huber, Jaschke, Mixa, Lütz: der Untergang des Abendlandes droht

(Foto links von Dr. Christoph Goldt)
Da geben sich dann solche Größen wie die Bischöfe Huber, Jaschke und Mixa oder Theologen wie Lütz und Drewermann gegenseitig die Klinke in die Hand und beklagen den „Fundamentalismus“ der Atheisten. Daß ihr eigener Verein vor Fundamentalismus nur so strotzt und über Jahrhunderte lang Frauen systematisch verfolgt, Kritiker gefoltert und abgeschlachtet, und obendrein auch noch heute nur unter dem Zwang der medialen Öffentlichkeit die pädophilen Verbrechen zahlloser Priester und Bischöfe zugegeben hat, daß dieser Verein von verklemmten Frauenverächtern lieber Millionen Afrikaner an Aids sterben lassen will als ihnen Kondome zu empfehlen, daß er den „Gläubigen“ immer noch mit ewigen, barbarischen Strafen droht, wenn sie sich nicht an die Regeln der jeweiligen Kirche halten, das vergessen die Herren „Wissenschaftler“ nur zu gerne, wenn sie dem Fernsehpublikum mit besorgter Miene über den drohenden Untergang des Abendlandes berichten, der ihrer Meinung nach von den Atheisten beabsichtigt ist.

Ganz offen wird dies nun auch zu Ostern von der Kanzel herab gepredigt. So konnten wir heute, am Ostersonntag, bei Spiegel-Online folgendes lesen:

Der katholische Augsburger Bischof Walter Mixa hat über einen zunehmend aggressiven Atheismus in Deutschland geklagt. „Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet“, heißt es in Mixas vorab veröffentlichter Osterpredigt. „Eine Gesellschaft ohne Gott ist die Hölle auf Erden….
Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen.“

Aber in der Instrumentalisierung des Nationalsozialismus haben die deutschen Bischöfe ja schon allerlei Erfahrung sammeln können – z.B. bei ihren Besuchen in Israel und den sog. „besetzten Gebieten“. Bei Leuten wie Mixa wundert einen sowieso nichts mehr, wenn man ihn einmal bei Maischberger gesehen hat.
Und wenn ich auch mit Claudia Roth nicht immer einer Meinung bin: ihr Ausspruch von dem „durchgeknallten Oberfundi“ trifft hier einmal wirklich ins Schwarze. Und hat nicht der ebenfalls nicht besonders von mir geschätzte Grünen-Politiker Volker Beck von dem Kölner Kardinal Joachim Meisner behauptet, dieser sei ein „Hassprediger“? Wie kommt er nur darauf? Etwa weil Meisner in einer Predigt einen angeblichen Sittenverfall in Europa beklagt und behauptet hatte, der Mensch sei ein „Triebbündel“?[11]


Zum Abschluß (soz. zum „Ablachen“) noch ein Zitat der „Islamwissenschaftlerin“ Köhler aus der Sendung im ZFD-Dokukanal:

Nein, also…es gab immer Religiosität…die neue Religiosität kann vielleicht damit begründet werden, daß wissenschaftlich/technische Welt die Menschen hektisch gemacht haben und die finden keine innere Ruhe mehr, sie wissen gar nicht was sie tun sollen, die Religion schafft gerade in der modernen zeit ein Gleichgewicht, sie macht den Menschen nicht mehr so…wie sie haben mit vielen Automaten und mit Maschinen zu tun, und der Mensch wird auch zur Maschine, wenn er sich nicht innerlich stärkt, die Religion schafft eine innere Welt, eine Ruhe, die er zu finden in Gott ruhen, und dann kann man noch mit der Technik und Wissenschaft besser betreiben. Sonst ist ganz große Katastrophe….

Die Herzen finden nur in Gott Ruhe. …Gott ist natürlich allumfassend, mit seinen …mit den Werken Gottes kann man zur Ruhe kommen usw….so meine ich das.

Aber ich möchte wirklich Sie…ein ganz wichtiger Punkt fehlt in unserer Diskussion: man sollte nicht sagen: „Religionen“ (deutet nach rechts), und „Atheismus“ (deutet nach links), nein, wir kommen aus den Ländern, die mit brutalen Säkularisierung der Gesellschaften Erfahrung haben. Sehr wichtig, von Ersatzreligionen zu sprechen. Wenn man Religion abschafft, haben wir gesehen, in diese Vakuum z.B. in der Türkei Nationalismus aufgekommen ist. Auf einmal hatten wir kurdisch/türkische Probleme….

Wenn man Religion abschafft, kommen große Ersatzreligionen, die dann untereinander so streiten, daß kein Frieden mehr möglich ist.

Da haben wir es wieder: Wissenschaft und Technik sind das Böse an sich, der Mensch wird zur Maschine! Wie schlimm! Da hilft nur eins: Schleier, Koran und Gebetsteppich. Auf zur Demonstration gegen die brutale Säkularisierung der Gesellschaften!


Update vom 13.04.2009

Wer saß in dieser Sendung dem Theologen/Psychotherapeuten Lütz und der „Islamwissenschaftlerin“ Köhler gegenüber? War es eigentlich ein Zufall, daß der Jude Walter Homolka an der Seite der Atheistin Fiona Lorenz sichtlich die „andere Seite“ in dieser Diskussion repräsentierte?

Wie auch immer, zuerst müßte man sich fragen, warum in dieser Sorte Sendungen die Atheisten immer als verschwindende Minderheit präsentiert werden: bei Kerners Show waren es die Bischöfe Huber, Jaschke und der Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler gegen Dawkins (3:1, incl. Moderator eher 4:1), bei Maischberger am 07.04.2009 waren es Pfarrer Fliege, Bischof Mixa sowie Abt Notger Wolf gegen Angelika Kallwas (3:1) und in der ZDF-Dokureihe vom 03.04.2009 waren es Lütz, Köhler und Homolka gegen Lorenz (3:1). Die Regeln, nach denen die Talkshow-Gäste ausgewählt werden, sind mit Sicherheit nicht alleine vom Moderator festgelegt, aber weder Kerner noch Illner oder Maischberger werden so blöd sein, daß sie sich ausschließlich Haßfiguren aufs Sofa holen. Eine gewisse Affinität zu den anwesenden Religionsvertretern kann man ihnen also nicht absprechen. Moderator Gert Scobel allerdings hatte rechts von sich zwei durch das Thema sichtlich erregte „pro-Religion-Vertreter“ sitzen, links von ihm saßen dafür zwei eher nüchtern und rational wirkende Menschen: der rundliche, Gemütlichkeit und Ungezwungenheit ausstrahlende Jude Homolka und die sorgsam ihre Worte abwägende Fiona Lorenz. Diese merkte gegenüber der „Muslima“ Köhler an, daß es nicht nötig sei, religiös zu sein, um sich auszuruhn. In sich selbst könne man auch ruhen, wenn man nicht an Gott glaube. Sie glaube auch nicht, daß in jedem Kind ein göttlicher Kern sei, und wenn Frau Köhler behaupte, es sei ihr völlig egal, was (Lorenz) glaube, es sei eben doch so, dann sei dies schon ein bestimmter Wahrheitsanspruch.
Ich hätte in diesem Zusammenhang von der „Muslima“ gerne noch gewußt, wie sie ihren Wahrheitsanspruch begründet. Aber als Fernsehzuschauer kann man hinterher immer sagen, daß man dies oder jenes noch zusätzlich gefragt hätte…

Lorenz befürwortete außerdem etwas mehr Zurückhaltung der Kirchen im öffentlichen Leben und plädierte dafür, daß in Ethik-Kommissionen und Fernsehräten mehr Menschen jener 28% der Bevölkerung vertreten sein sollten, die nach einer Bertelsmann-Studie dem Atheismus zuzuordnen sind. Besser sei es auch von „Nicht-Gläubigen“ zu sprechen, da es sich hier ja um ein ganz breites Spektrum in der Bevölkerung handele.
Genau dieser Gesichtspunkt einer angemessenen repräsentativen Beteiligung an demokratischen Entscheidungsgremien fand leider im Rest der Talk-Show keinerlei weitere Erwähnung. Statt dessen erging man sich in pseudo-philosophischen Fragen wie der „Wahrheitsfindung“, wo sich der Habermas-Verehrer Lütz mal wieder als Schwätzer produzieren konnte. Kostprobe: „Die Leute denken immer, wir glauben an Dogmen – ich kenn die gar nicht alle…. Das widerspricht sowieso dem katholischen Prinzip, das wissen die meisten Leute gar nicht. Man muß die Dogmen auch nicht alle kennen, sondern die Dogmen wurden in der Regel erlassen….“ Lütz, der sympathische Schnellsprecher, sollte vielleicht in Zukunft etwas langsamer sprechen und dafür mehr denken. Ein bißchen Logik könnte auch nicht schaden.

Doch was machte eigentlich den neben der Lorenz sitzenden Käppchenträger Homolka so sympathisch? Baut seine Religion nicht auf dem alten Testament auf, dieser endlosen Blutorgie nach Dawkins? Da ist sicher was dran, aber die jüdische Religion hat sich ja genauso wie die christliche weiterentwickelt, und auch wenn es angeblich 613 Gebote im Talmud gibt, heißt das noch lange nicht, daß diese auch eingehalten werden. Das ist aber gar nicht der springende Punkt bei der Diskussion gewesen: denn Homolka machte klar, daß er Vertreter einer äußerst friedfertigen Religion ist, die weder ihre Regeln noch ihren Glauben dem Rest der Welt aufzwingen will, so wie es das Christentum und erst recht der Islam wollen. In den letzten 2000 Jahren hat es weder jüdische Missionare gegeben, die mit Gewalt andere Menschen „bekehren“ wollten noch gab es Kreuzzüge gegen nichtjüdische „Ungläubige“, auch wurden keine Hexen von Juden verbrannt, es gab keine Inquisition gegen Abtrünnige, und wer keinen Bock mehr auf den Talmud hatte, der konnte auch einfach zum Christentum übertreten, ohne hingerichtet zu werden. Auch in neuerer Zeit hat es nicht einen einzigen jüdischen Selbstmordattentäter gegeben, Juden fliegen auch nicht mit Flugzeugen in Hochhäuser, um einfach mal so ein paar tausend „Ungläubige“ umzubringen, machen keinen Massenselbstmord wie christliche Sekten in Südamerika, und das beste: Gott, dem jüdischen zumindest, ist es eigentlich ziemlich egal, ob die Menschen an ihn glauben. Denn, so Homolka, Gott kommt es eher darauf an, daß die Menschen die 6 oder 7 Regeln einhalten, die für ihn wichtig sind.
Davon könnten sich Katholen, Evangelen und selbstredend Muslime mal eine Scheibe abschneiden. Muslime dürfen das allerdings nicht, weil sie sonst von Revolutionswächtern oder anderen Irren gesteinigt werden. Oder vor laufender Kamera enthauptet.

Um es auf den Punkt zu bringen:
Wenn ich die Wahl habe, in meiner Nachbarschaft über die Errichtung einer Synagoge, einer Kirche oder einer Moschee abzustimmen, werde ich für die Errichtung einer Synagoge sein. Denn mir sind Nachbarn lieber, die

  • mir als Ungläubigem nicht mit der Enthauptung drohen und
  • die meinen Kindern in der katholischen Grundschule nicht dauernd mit der Hölle drohen.

 

Über weitere öffentliche Einrichtungen in der Nachbarschaft kann man ja noch reden. Z.B. ein Informationszentrum über religiöse Gewalt…


Anmerkungen und Links

Die Aussagen von Rabbiner Walter Homolka und Fiona Lorenz vom Humanistischen Verband Rheinland-Pfalz konnten leider erst in einem Update dieses Artikels berücksichtigt werden.

[1] ZDF Ankündigung der Sendung „Streitfall Religion“
[2] Lütz contra Drewermann
[3] Manfred Lütz: Vortrag vor der Kongregation für den Klerus zu deren Jubiläum 2000
[4] Wer läßt die Luft aus Habermas? (Wolf Schneider über „Die Kunst, unverständlich zu sein“
[5] Systemische Methoden der Psychotherapie
[6] Wikipedie über Habermas
[7] Das „Portal zur katholischen Geisteswelt“ über Richard Dawkins

[8] Das christliche „pro-medien“-Magazin über den Biologen Ulrich Kutschera
[9] Manfred Lütz in „http://www.was-sache-ist.de“ über fundamentalistischen Atheismus
[10] Spiegel-Online über Bischof Mixas Osterpredigt
[11]Volker Beck von den GRÜNEN bezeichnet Bischof Meisner als „Hassprediger“

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