Ypsilantis Sekte

Im Verhalten gegenüber treulosen Mitgliedern, die sich von ihren Organisationen abwenden, sie kritisieren oder sogar austreten, zeigen sich bei Parteien, Religionsgemeinschaften, Vereinen oder Sekten viele Gemeinsamkeiten. Der Grad an Unnachsichtigkeit und Härte, mit denen Abweichler zu rechnen haben, hängt aber offenbar davon ab, ob die jeweilige Gemeinschaft zu den von ihr vertretenen Werten auch solche wie Toleranz, Offenheit, Demokratie, Selbstbestimmtheit und Freiheit zählt.

Bekanntermaßen reagiert eine „Religionsgemeinschaft“ wie der Islam, dem alle diese Werte nichts gelten, auf die geringste Kritik an seinem „Glauben“ und den Regeln für seine Mitglieder mit brutalsten Strafen: Handabhacken oder Auspeitschen gelten da noch als „mild“, meist erwartet die Delinquenten die Todesstrafe. Dazu gräbt man gerne Frauen bis zum Kopf in die Erde, Männer als den edleren Teil der Menschheit nur bis zu den Hüften und bewirft sie dann mit Steinen.
Auch Christen wurden über Jahrhunderte mit ähnlich brutalen Strafen bedacht, wenn sie es wagten, die (unmenschlichen) Vorschriften und (unsinnigen) Glaubenssätze ihrer Kirchen in Frage zu stellen. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei, heute kann man aus der Kirche austreten und bekommt obendrein eine Gehaltserhöhung. Lediglich Sekten wie Scientology oder „Children of God“ verfolgen abtrünnige Mitglieder massiv und werden – nicht nur aus diesem Grunde – vom Verfassungsschutz beobachtet.

Daß auch unsere Parteien nicht frei vom doktrinären Gehabe einer Sekte sind, wurde in Hessen in den letzten Wochen mehr als einmal deutlich und fand seinen sichtbaren Ausdruck im Auftritt der „SPD-Abweichler in Hessen“ bei Beckmann im ARD-Fernsehen.

Eine Woche zuvor hatten die „Abweichler“ Jürgen Walter, Dagmar Metzger, Carmen Everts und Silke Tesch bei einer Pressekonferenz den Startschuß zur Haß- und Hetzkampagne gegen sich selbst geliefert. Es war, als hätte sich Josef Goebbels aus dem Jenseits zu einem Sondereinsatz zurückgemeldet: die Partei marschierte auf. Man mobilisierte das gesamte Parteivolk, um den „drei Schweinen und der Metzgerin“ die Leviten zu lesen. Eine zu 95% gleichgeschaltete Presse schlug auf die „Viererbande“ ein, als gelte es Mao zu retten. Überregionale Blätter scheuten sich genauso wenig wie Ortszeitungen, die verhaßten Verräter in ihren Schlagzeilen anzugiften:

  • menschlich verkommen
  • ein Sprung ins Gesicht
  • Viererbande
  • hinterlistige Schweine
  • unehrenhaft, heuchlerisch und unglaubwürdig [1]
  • verblödete Neigung zur Selbstzerfleischung[1]
  • menschlich unanständig und hinterlistig
  • schamlose Lügner [8]
  • die glorreichen Vier
  • Vielleicht stimmten die Silberlinge ja [14]
  • der Ortsverein rechnet ab. Mit den „drei Schweinen und einer Metzgerin“ [13]

Und natürlich hatte die Entscheidung der „Viererbande“ nichts mit einer Gewissensentscheidung zutun – so wenig wie 9/11 von fanatischen Islamisten verursacht wurde. Wie immer in solchen Fällen wittert man eine Verschwörung, bei der auch materielle Interessen nicht auszuschliessen sind [15]:

  • Vielleicht sollte man aber auch nur einmal darauf achten, auf welchen lukrativen Pöstchen die sich demnächst karrieremäßig wiederfinden werden.[1]
  • Es würde mich nicht wundern, wenn der eine oder andere auf einmal ein nettes Pöstchen in der Wirtschaft angeboten bekäme, oder in der CDU.[1]
  • Ok, dass Jürgen Walter und seine Viererbande gekauft sind ist so offensichtlich, da muß man eigentlich nicht weiter drüber reden [8]
  • Stattdessen haben sie die Presse frühzeitig informiert und ihre Parteichefin öffentlich hingerichtet. Ich glaube ihre Gewissensbisse nicht, da steckt etwas anderes dahinter.[6]

Pikanterweise stammt die Bemerkung über die Silberlinge („Vielleicht stimmten die Silberlinge ja“) ausgerechnet von der wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilten SPD-Bundestagsabgeordneten Helga Lopez, der das Amtsgericht Gießen am 7.Oktober wegen dreier Fälle von Steuerhinterziehung 90 Tagessätze aufgebrummt hat. [14]

Denken alle SPD-Wähler so über die vier hessischen SPD-Abgeordneten? Glücklicherweise nicht.
Im Gegenteil. Die hessische SPD-Funktionärsschicht stößt bei der breiten Masse der SPD-Anhänger mit ihrer Politik des Ausgrenzens von Andersdenkenden überwiegend auf Ablehnung:

Der Widerstand der vier hessischen SPD-Abgeordneten Tesch, Everts, Walter und Metzger gegen eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei findet einer Umfrage zufolge unter SPD-Anhängern breite Zustimmung. Nach der Erhebung des Forsa-Instituts im Auftrag des Fernsehsenders n-tv sind 64 Prozent der SPD-Anhänger der Ansicht, die vier Abgeordneten hätten richtig gehandelt.
[4]

Die Partei marschiert also nur zum Teil, und die Wähler sind zu 2/3 anderer Ansicht. Ypsilanti und ihre Gefolgsleute werden sich die Haare raufen wegen eines „Darstellungsproblems“, so wie es Politiker hierzulande immer tun, wenn sie sich über fehlende Zustimmung aus der Bevölkerung beklagen.
Der Funktionärsklüngel der hessischen SPD, der sich nach Sektenmanier gegen seine eigenen Wähler abschirmt, hatte übrigens schon auf dem Parteitag am 29.März gezeigt, wie man mit Kritikern der großen Vorsitzenden Ypsilanti umzugehen hat:

Während in der Öffentlichkeit und in Umfragen die Zustimmung für die SPD und ihren auf Wortbruch basierenden Kurswechsel rapide sinkt, befindet sich die übergroße Mehrheit der Delegierten und Funktionäre auf dem Landesparteitag in einer sozialdemokratischen Parallelwelt. Mit „Andrea, Andrea!“-Sprechchören feiern sie ihre Vorsitzende als ihre politische Erlöserin auf dem Weg in das hessische Paradies der „Sozialen Moderne“.

Walter, der bei seinen Genossen eindringlich um das Offenhalten der Option einer großen Koalition mit der CDU wirbt, um den Selbstmord der einst so stolzen hessischen SPD bei einer Neuwahl zu verhindern, wird gnadenlos ausgebuht. Eine der wenigen, die Walter an diesem Vormittag in der polemisch geführten Diskussion unterstützen, ist Carmen Everts. Sie erinnert an das Versprechen der SPD vor der Wahl, nicht mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten. Doch auch ihr Redebeitrag geht in Buhrufen unter. Draußen im Foyer der Hanauer Stadthalle wirkt die Abgeordnete in einer Kaffeepause immer noch fassungslos über die Stimmung drinnen im Saal. Außenstehenden müsse der Parteitag wie das Treffen einer Sekte vorkommen, sagt sie sarkastisch. [12]

Haben nun alle gesellschaftlich wichtigen Gruppen ordentlich Dampf ablassen können? Nein! Es fehlen noch linke Studenten, die das Land Hessen vom rechtskonservativen ‚CDU-Führer‘ und korrupten Wirtschaftsfaschisten Koch [2] befreien wollen. Was lag für die tapferen Widerständler da näher als eine Bürobesetzung? Gesagt, getan, man stürmte Jürgen Walters SPD-Büro in Wetterau und konnte schon bald stolz die Zeitungsausschnitte mit den Pressemitteilungen zum „Widerstand“ in der WG-Küche an die Pinwand kleben:

….
In einer Pressemitteilung erklärten die BesetzerInnen: „Studierende, SchülerInnen, Eltern, GewerkschafterInnen, Parteimitglieder und KünstlerInnen haben sich gemeinsam zu dieser spektakulären Regelüberschreitung entschlossen, weil der 4. November ein historischer Tag für Hessen hätte werden können – die Befreiung vom rechtskonservativen ‚CDU-Führer‘ Roland Koch als Ministerpräsident.“[3]

Ja, so liest sich ein Bericht über die Besetzung von Jürgen Walters Büro, wenn sich ein „studentisches Projekt“ namens „Ubergebuehr“ mit feministisch korrekter Schreibweise um eine „schnelle, kompetente und umfassende Berichterstattung“ bemüht, weil doch die „bürgerlichen Medien“ versagen. Übrigens verließen die etwa 20 Besetzer Walters Büro nach kurzer Zeit, um sich in Flur und Treppenhaus der SPD-Kreisgeschäftsstelle breitzumachen. Das fand SPD-Geschäftsführer Otto Geyer aber nicht mehr so gut, hatte er doch ein lupenreines Bekenntnis zur Großen Vorsitzenden Ypsilanti abgelegt. Außerdem habe sich die Wetterauer SPD deutlich von Jürgen Walter distanziert. Da mußten die Studenten dann leider wieder abziehen.

Hessens SPD hat das Land also am vergangenen Dienstag nicht wie geplant vom ‚CDU-Führer‘ und ‚Wirtschaftsfaschisten‘ Koch befreien können. Andererseits haben sich 4 SPD-Abgeordnete – zumindest teilweise – aus den Fängen einer Sekte retten können. Das konnte man besonders deutlich bei Beckmann in der Talkshow am 10.11. sehen, als sie über die vergangenen Wochen und Monate berichteten. Für sie beginnt jetzt eine schwierige Zeit, in der sie die Entzugserscheinungen überwinden müssen. Über solche Phasen berichten alle, die mal bei der KPD, KPD/ML, DKP, MSB/Spartakus oder jetzt eben beim linken Ypsilanti-Flügel der SPD waren.

Und was sollen wir nun eigentlich von Andrea Ypsilanti halten? Am besten hat das ein Leser der ZEIT formuliert:

… Politikerin halten, die nach einer politischen Niederlage heult? So einer kann der Wähler doch kein Bundesland anvertrauen. Politische Entscheidungen sollten auf sachlicher Grundlage fallen, nicht aus Emotionen heraus. Hier jedoch hat ein Schulmädchen nicht das bekommen, was es wollte.
[3]

Da wäre mir John McCain schon lieber gewesen. Der hat nach seiner Niederlage Witze gerissen und seinen Konkurrenten Obama mit ehrlichen Worten beglückwünscht.

[1] Blog von Christian Soeder am 08.11.2008
[2] Sozial-Gangbang: Andrea Ypsilantis lustige Gaga-Welt
[3] Büro von Jürgen Walter besetzt – SPD lädt AbweichlerInnen aus
[4] Das Ende der kurzen Ära Ypsilanti
[5] Die ZEIT: Hessen-Abweichler: Verräter oder Aufrechte?
[6] Die ZEIT: „Ypsilanti wurde öffentlich hingerichtet“, Interview mit Turgut Yüksel, integrationspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion
[7] SPIEGEL-Online: Flaschenpost aus der Studentenbude, die Dissertation von Carmen Everts
[8] Bedeutungswirbel: bloggen im Laboratorium
[9] Crabby Jack
[10] Hessen: SPD-Abgeordnete am Online-Pranger
[11] Durchgefallen mit Vier minus
[12] Die FAZ am 08.11.: Im Schraubstock der Parteiräson
[13]SPD-Basis diskutiert Lage: „Drei Schweine, eine Metzgerin“
[14] SPD-Bundestagsabgeordnete Helga Lopez wegen Steuerhinterziehung verurteilt
[15] Spiegel-Online über Verschwörungstheorien der hessischen SPD-Linken

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