Heuschrecken und Juden sind schuld an der Finanzkrise

 
Daß die Finanzkrise 2008 ein Werk von „Heuschrecken“, Spekulanten und korrupten Investment-Bankern war, wurde uns alltäglich in den Talkshows von Anne Will, Maybritt Illner oder Beckmann eingebleut. Bedenklich ist dabei: von „Finanz-Heuschrecken“ ist es nicht mehr weit zum „Ungeziefer“ des internationalen Finanzjudentums der Nazis.

Es ist schon interessant: spricht eine ehemalige Tagesschausprecherin in Kerners Talkshow von Autobahnen im Zusammenhang mit Nazis, wird sie des Raumes verwiesen. Reden Parteivorsitzende, Gewerkschaftsführer und Journalisten von „Heuschrecken“, so werden sie vom Publikum beklatscht. Unausgesprochen steht hinter dem Beifall der Wunsch, die Heuschrecken „auszumerzen“, der natürlich so nicht geäußert wird, es sei denn in rechten Schmierenblättern wie [1]. Andere reden dann einfach nur von Verhaftung,wie der Präsidentschaftskandidat Peter Sodann von der Linken, der Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann gerne verhaften wollte. Das möchte auch Oskar Lafontaine, der vermutlich „viele andere, die ebenfalls an dieser Zockerei beteiligt waren“, gerne hinter Gittern sähe.[2] (Lafontaine hat jahrelang, ohne eine Gegenleistung zu erbringen, von den Pensionen als Oberbürgermeister von Saarbrücken, Ministerpräsident des Saarlandes und Bundesminister und damit auf Kosten der Steuerzahler gelebt.

Lafontaine original:
Einkünfte über 100.000 Euro sind eigentlich mit der „persönlichen Leistung“ oder „der Verantwortung“ kaum noch zu begründen).

Die Frage sei erlaubt, ob dann noch die Gefängnisse ausreichen würden. Denn wer ist in dieser Gesellschaft kein Zocker? Neben der Schuldfrage, die wie immer die wichtigste Frage in diesem Konflikt ist, ist auch diese Frage durchaus berechtigt. Nur selten wird darüber diskutiert, inwieweit „wir alle“ an diesem Schlamassel beteiligt sind und ob wir es hier sogar mit einer systemimmanenten, in der biologischen Natur des Menschen liegenden Gesetzmäßigkeit zu tun haben, für deren Regulation neue Mittel gefunden werden müssten.

Wie so häufig in der Geschichte der Menschheit schnappt man sich ein paar „Heuschrecken“, stellt sie an den Pranger und versieht sich selbst, den biederen Bürger, mit einem Heiligenschein. Doch wie sähe die Welt aus, wenn es z.B. keine Staatsorgane und Gesetze gäbe, die den Bürger davon abhalten, die Äpfel in Nachbars Garten zu klauen?

Jeder weiß, was dann droht: das Chaos, und zwar deshalb, weil der Hang zur Bereicherung auf Kosten der Nachbarn nur mit Gewalt gebändigt werden kann. Das friedliche Nebeneinander in einer Gesellschaft bringt für alle einzelnen Individuen nur dann Vorteile, wenn es für alle gilt und nicht nur für ein paar Idealisten. Und dazu braucht es Gesetze und staatliche Gewalten, die diese Gesetze schützen. Genau dasselbe brauchen wir jetzt für unser Finanzsystem, in dem sich einzelne Trittbrettfahrer zu sehr bereichert haben. Wie so häufig in der Evolution wird sich auch hier kooperatives Verhalten durchsetzen, und zwar nicht weil es als Analogie etwa zur biologischen Evolution so sein müsste, sondern weil es auch in ökonomischen und sozialen Systemen eine erfolgreiche Strategie ist.

Ein bißchen Optimismus ist also angebracht. Klare, durchsetzbare internationale Regeln für den Finanzmarkt, die die nicht zur Kooperation bereiten Akteure des Systems mit angemessenen Strafen in die Schranken verweisen, werden für uns alle Vorteile haben.
(Foto links von Michael Weiss) Denn Heuschrecken sind wir alle, mit Ausnahme vielleicht von Pfarrer Fliege, Bischof Huber oder Claudia Roth, und profitieren werden wir von der Entwicklung allemal. Auch diejenigen, die ihr Vermögen nur noch auf dem Papier ihr eigen nennen können (wie der Autor dieses Artikels), sollten sich überlegen, was die Alternative zu dem massiven Eingreifen der Staaten gewesen wäre. Hier ist ausnahmsweise mal der häufig von Politikern bemühte Spruch richtig: „Es gibt keine Alternative!“

Was nun die Ausdrucksweise angeht: Von Heuschrecken zu sprechen – wie Franz Müntefering, der den Ausdruck aufbrachte – macht nur auf diejenigen einen sehr schlechten Eindruck, die sich in der Terminologie der Nazis auskennen. Wie zum Beispiel der Zentralrat der Juden.

Oder Akademiker wie der Münchner jüdische Historiker Michael Wolffsohn, der in einem Interview mit der Rheinischen Post [4] Müntefering vorwarf:

60 Jahre ‚danach‘ werden heute wieder Menschen mit Tieren gleichgesetzt, die – das schwingt unausgesprochen mit – als ‚Plage‘ vernichtet, ‚ausgerottet‘ werden müssen.

Kaum standen diese Sätze, überschrieben von der reißerischen Schlagzeile „Wolffsohn: Müntefering ist hetzerisch“, fielen die SPD-Oberen über den Münchner Historiker her:

  • „der Mann hat sie nicht alle“
  • „unglaubliche Entgleisung“
  • „Wolffsohn ist nicht voll bei Sinnen“
  • „eines Professors unwürdig“
  • „sprachlos über so viel Dümmlichkeit“

Anders als seinerzeit Philipp Jenninger bei seiner berühmten Bundestagsrede zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 hatte also „Münte“ viele Fürsprecher, die ihn gegen die Vorwürfe des „verrückten Professors aus München“ in Schutz nahmen. Bisher hat sich noch kein (prominenter) Jude wie seinerzeit Ignatz Bubis bereit gefunden, Müntefering wenigstens teilweise zu entlasten.
Zwar nannte es der damalige Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, „absurd“, Müntefering und der SPD Antisemitismus unterstellen zu wollen. Allerdings habe sich Müntefering in der Wortwahl vergriffen. Tiervergleiche seien „grundsätzlich unglücklich“ [4]. Er hat eben in seiner Ausdruckswahl die nötige Sensibilität fehlen lassen, die man als Politiker in diesem Bereich haben muß. Niemand kann sagen, daß Franz Müntefering ein Antisemit ist, denn das ist eindeutig und offenkundig falsch. Seinen Fehler hätte er allerdings öffentlich eingestehen müssen, nicht durch einen Rücktritt wie Philipp Jenninger, sondern durch eine Korrektur seines Sprachbildes, seiner Ausdrucksweise oder meinetwegen auch durch eine Diskussion mit Michael Wolfssohn bei Beckmann.

Wolffsohn selbst meinte wohl auch alles nicht gar so heftig. Die Schlagzeile „Wolffsohn: Müntefering ist hetzerisch“ sei „aus dem Zusammenhang eines durchaus akzeptablen Essays gerissen“., sagte Julius H. Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums und Professor für Neuere Geschichte in Potsdam. Und in der „Financial Times Deutschland“ wiegelte Wolffsohn ab:

Er wies Vorwürfe zurück, Müntefering Antisemitismus unterstellt zu haben: „Mich interessiert nicht Herr Müntefering, mich interessiert die Tatsache, dass in der heutigen Gesellschaft eine so große Akzeptanz für Sprachbilder dieser Art vorhanden ist.“ Er verwende einfach unakzeptable Sprachbilder: „Egal ob es sich um Juden oder Nichtjuden handelt, der Mensch ist kein Tier.“

Diese letzte Aussage ist, egal ob sie von einem Juden oder Nichtjuden kommt, eindeutig falsch. Der Mensch ist ein Tier, auch wenn noch so viele Bischöfe, Päpste oder Mohammeds dies nicht akzeptieren können.
Ob nun der Göttinger Politikprofessor Franz Walter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte, dass er auch ein gewisses Unbehagen angesichts eines Vergleiches von Menschen mit Tieren verspüre, ob Julius H. Schoeps behauptet: „Tiere mit Menschen gleichsetzen – das tut man schlicht und einfach nicht“, oder ob Michael Wolffsohn sagt: „der Mensch ist kein Tier“ : sie alle möchten nicht, daß die entsetzlichen Sprachbilder der Nazis (Untermenschen, Ungeziefer, ausrotten) wieder neu verwendet werden.

Das kann man nur unterstützen. Auch, wenn der Mensch ein Tier ist. Oder eine Heuschrecke. Oder ein Zocker.


Anhang

Zitat Spiegel: Hans-Olaf Henkel, der frühere Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und heutige Präsident der Leibniz-Gesellschaft, hat eine Parallele zwischen der Rhetorik des SPD-Vorsitzenden und der Weimarer Zeit gezogen. Heute legte Henkel im TV-Sender n-tv noch mal nach: „Mich erinnert das schon sehr an die Diskussion in den dreißiger Jahren: Damals waren nach Meinung von Goebbels und anderen Leuten auch die ausländischen Kapitalisten, natürlich amerikanische, für die Misere in Deutschland verantwortlich. So weit sind wir inzwischen auch wieder.“ Er fügte ein weiteres Beispiel hinzu:
„In der IG-Metall-Zeitschrift von heute sieht man eine Abbildung einer Stechmücke mit einem Hut mit den amerikanischen Farben. Solche Karikaturen hat es in den dreißiger Jahren auch schon gegeben.“
Und heute sieht man sie wieder in Gewerkschaftszeitungen!

Wie man die Lage in einem rechtsradikalen Forum und bei der Hamas sieht, mag der geneigte Leser diesen Zitaten entnehmen: [1]

  • Die Entwertung des Dollars ist geplant und gewollt. Einher geht die Vernichtung des Mittelstandes in USA, ueber die Immo-Blase und die allgemeine Schuldenfalle.
    Nur so kann das korrupte Finanzjudentum die Umverteilung vollenden, und der Sysyphoskreislauf kann von vorne beginnen: das Lohnsklaventum, nach der Dollarentwertung und Platzen der Immoblase mal wieder enteignet, kann wieder von vorne starten und die Finanzjuden noch reicher zu machen.
  • Hamas: Jüdische Lobby in den USA ist schuld an der FinanzkriseDie militante palästinensische Gruppe Hamas klagt die jüdische Lobby in den Vereinigten Staaten an, verantwortlich für die globale Finanzkrise zu sein und diese bewusst zu fördern.
    Fawzi Barhum, Sprecher der Hamas, erklärt, dass die Krise das Ergebnis einer unfähigen Regierung und schlechten Finanzmanagements innerhalb eines ebenfalls schlechten Banksystems sei, welches durch die jüdische Lobby kontrolliert werde.

[1] Das Internationale Finanzjudentum profitiert von der Krise
[2] Lafontaine in der taz am 21.10.2008
[3] Hamas: Jüdische Lobby schuld an Finanzkrise
[4] Spiegel Online über Michael Wolffsohns Kritik an Müntefering

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