Leon de Winter: Wenn ihr nicht aufhört, machen wir euch platt!


Wie man mit iranischen Politikern sprechen soll, um sie von ihren Atombombenplänen abzubringen, hat im Juli der niederländische Schriftsteller Leon de Winter im Spiegel-Gespräch [1] gesagt:

Wenn Sie es mit Diplomaten aus Iran oder mit Politikern aus dem Nahen Osten zu tun haben, können Sie sich nicht so verhalten, als hätten Sie es mit dem Ministerpräsidenten von Hessen oder Bayern zu tun! Das ist eine andere Welt. Man kann nicht verhandeln, ohne mit Gewalt zu drohen, schon gar nicht, wenn man die Entwicklung von Atomwaffen durch Leute verhindern will, die eine Apokalypse geradezu herbeisehnen….

Wenn ihr nicht aufhört, machen wir euch platt!….Ich hätte den Iranern gesagt, wenn ihr mit dem Atomprogramm nicht heute aufhört, werden wir euch morgen das Fürchten lehren. Und sie hätten aufgehört, weil das eine Sprache ist, die sie verstehen.

Das ist harte Kost. Und so etwas darf nicht unwidersprochen stehenbleiben. Daher schrieb
SPIEGEL-Leser Karl Seegerer [1a] in seinem Leserbrief, für ihn handle es sich bei de Winters Ausführungen um

Kriegstreiberei und Desinformation…..zumindest ansatzweise um seitenverkehrten Faschismus und um gefährliche Doppelmoral.

Um nicht gleich eine Klage wegen Beleidigung ins Haus zu bekommen, drohte er nur „ansatzweise“ mit der Faschismuskeule. Diese ist eine der am häufigsten reflexartig vorgebrachten Keulen: während man dem politisch inkorrekten Amerika- und Israelfreund unterstellt, er verwende die Antisemitismus-Keule nicht gemäß der Genfer Waffenkonventionen, greift man selbst ganz ungeniert zur „Faschismus-Keule“, nach dem Motto „ihr seid ja auch nicht besser als wir es früher waren“. Was das speziell faschistische an de Winters Ansichten ist, worin die „gefährliche Doppelmoral“ besteht, bleibt dabei im Dunkeln. Es ist auch unerheblich, denn Hauptsache ist ja, daß der Briefeschreiber seiner Verwandschaft jetzt den Leserbrief zeigen kann, in dem er „gegen Kriegstreiberei und Desinformation“ protestiert hat.

Auch nach Meinung des SPIEGEL-Lesers Hein Thomas Macke ist

das Weltbild des „intellektuellen“ Schriftstellers Leon de Winter einfach und schlicht…

Hein Thomas Macke hat mehrere Macken. Seine erste Macke ist die ambivalente Verwendung von Erkenntnissen der US-Geheimdienste, dass Iran seit 2003 nicht mehr an einem militärischen Nuklearprogramm arbeitet. Also Erkenntnisse ausgerechnet jenes Geheimdienstes, dessen Methoden und Ergebnisse tagtäglich von den vielen „Mackes“ in unserem Lande in Zweifel gezogen wurden und werden, weil sie ja nur unter „Folter“ und in „Geheimgefängnissen“ zustandegekommen sind. Passen die Erkenntnisse auf einmal ins eigene gutmenschliche Weltbild, so werden sie flugs dort eingebaut und als besonders seriös dargestellt.
Mackes zweite Macke ist die Tendenz vieler „intellektueller“ SPIEGEL-Leser, klare Aussagen, die ihnen nicht ins Konzept passen, als „einfach und schlicht“ herabzuqualifizieren. Sagt aber z.B. jemand, die Amerikaner seien „Kriegstreiber“, so hat er den „Nagel auf den Kopf getroffen“ und Leute wie Macke applaudieren heftig, obwohl die Aussage genauso einfach und schlicht ist – in diesem Falle schlicht dumm.

Der also nach Meinung dieses SPIEGEL-Lesers nur noch in Anführungsstrichen intellektuelle Schriftsteller de Winter ist einer der ganz wenigen Essayisten des SPIEGEL, der zum Thema Israel, USA und Irak-Krieg eine völlig andere Meinung als die Masse der SPIEGEL-Schreiber vertritt und dennoch regelmäßig zu Wort kommen darf. Das muß man dem SPIEGEL hoch anrechnen. Dennoch liest man die Beiträge von Leon de Winter mit gemischten Gefühlen. Denn einerseits vertritt er erfrischend mutige Positionen, wenn es darum geht, den Überlebenskampf Israels gegen seine arabischen Nachbarn zu unterstützen. Oder wenn er angesichts eines Fotos eines 11-jährigen afghanischen Mädchens, das einen 40-jährigen Mann heiraten muß, weil seine Eltern es an diesen verkauft haben, wenn er angesichts dieses von der Unicef als „Bild des Jahres“ [3]ausgezeichneten Fotos den Islam als eine rückwärtsgerichte Kultur bezeichnet, und davon spricht, daß unser Universum, zu dem auch unsere Menschenrechte gehören

daß dieses Universum in seinem tiefsten Inneren getroffen worden ist vom Leiden dieses einsamen, sehr einsamen Mädchens.

Doch andererseits erscheint er auch häufig als zutiefst pessimistischer Mensch, was die Zukunft Israels angeht. Ähnlich wie der israelische Historiker Benny Morris, der schon einmal einen zweiten Holocaust vorausgesagt hat [9], spart de Winter in seinen Essays und Büchern nicht mit apokalyptischen Bildern, wenn es um die Zukunft Israels geht:

Israel wird von zwei Gefahren bedroht. Auf der einen Seite vom Hass seiner Feinde, der heute vor allem von Iran ausgeht, auf der anderen Seite von der Erosion, die sich in der israelischen Gesellschaft ausbreitet.

Die innere Erosion Israels ist für de Winter mindestens genau so gefährlich wie der Möchtegern-Hitler Achmedineschad, der mit dem Atomtod droht. Denn wenn der Exodus der säkularen Juden aus Israel weiterhin so anhält und sich womöglich noch verstärkt, wird dieser Staat sehr schnell seinem Ende entgegengehen. Vielleicht nicht ganz so schnell, wie es in de Winters neuestem Roman „Die Ruhe vor dem Sturm“ geschieht, wo schon im Jahre 2024 der Judenstaat zu einer winzigen Enklave rund um Tel Aviv geschrumpft ist. Aber die Möglichkeit besteht.


Solche Visionen liest man nicht so gerne, besonders wenn man gerade in einer Taverne eines malerischen Kreta-Dorfes sitzt, aufs Meer blickt und im SPIEGEL blättert.


Anmerkungen und Links

[1] Die Ruhe vor dem Sturm, DER SPIEGEL 29/2008 vom 14.07.2008, Seite 156
[1a] Leserbriefe zu [1] im Spiegel Nr. 31/2008
[2] GOTTES BOTEN IN DER FREMDE, DER SPIEGEL 52/2007 vom 22.12.2007, Seite 36
[3] 19.12.2007, UNICEF-BILD DES JAHRES: Wie ein Bild ins Herz der westlichen Welt trifft
[4] DER SPIEGEL 1/2007, MIT GIFT GETRÄNKT: Ein persönlicher Ausblick auf die Zukunft Israels / Von Leon de Winter, Seite 118
[5]Leserbriefe zu [4]
[6] DER SPIEGEL 27/2006 vom 03.07.2006, Seite 89, „Konstitutionelles Minenfeld“,Schriftsteller Leon de Winter, 52, über den Rücktritt der Regierung und den Streit um Ayaan Hirsi Ali
[7] SPIEGEL-Online: 30. Juni 2006, REGIERUNGSKRISE. Drei Frauen bringen Holland in Not
[8] DER SPIEGEL 29/2005 vom 18.07.2005, Seite 108, MÖRDERISCHE FRÖMMIGKEIT von Leon de Winter
[9] Benny Morris im Interview mit der WELT am 06.01.2007 über den zweiten Holocaust an den Juden

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