Kreationisten: Darwinismus schuld am Holocaust


Ein originelles Geschenkbuch! – das sei Ben Steins Buch „HOW TO RUIN YOUR LIFE – die Kunst des stilvollen Versagens“, geschrieben für alle, die wissen möchten, wie man systematisch scheitert und wirklich alles falsch macht. Meint der Schwarzkopf-Verlag, in dem das Buch erschienen ist[8]. Wer solche Bücher schreibt, sollte es eigentlich selbst am besten wissen, und so verwundert es kaum, daß der Jurist, Ökonom, Schauspieler, Comedian, Autor, Gameshowmoderator und nun auch „Kreationist“ bzw. „Intelligent-Design Gläubige“ Ben Stein mit seinem Film „Expelled“ zwar sein Leben noch nicht ruiniert hat – es sei denn, Yoko Ono verlangt für die illegale Verwendung eines Beatle-Songs in dem Film doch mal eben 20 Millionen Dollar Schadensersatz -, aber doch so ziemlich alles falsch machen konnte, was man falsch machen kann.

Stein hatte sich vorgenommen, in seinem nach Michael Moore Art mit wackeliger handgeführter Kamera gedrehten Film zu beweisen, daß es an den Universitäten des Landes eine Verschwörung gegen Forscher gibt, die sich zum „Kreationismus“ bzw. „Intelligent Design (ID)“ bekennen. Diese würden von ihren „darwinistischen“ Kollegen angefeindet und auf unfeine Art von ihren Posten entfernt. Das ist nachweislich falsch, denn

1. werden im Film sechs Personen aufgeführt, die angeblich „expelled“ wurden, was aber – leider – nicht stimmt (siehe [9] zu den Details). Z.B. wurde der temporäre Anstellungsvertrag der Biologin Caroline Crocker nicht verlängert, weil sie als überzeugte Kreationistin die Darwinsche Evolutionstheorie ablehnt und ihren Studenten immer wieder Aussagen der Kreationisten als wissenschaftlich erwiesen verkaufte. Man hätte sie also besser direkt entlassen sollen anstatt ihren Vertrag auslaufen zu lassen.

Der Biologe PZ Myers hat die Details zu diesem Fall auf seinem Blog [10] ausführlich beschrieben. Ähnlich war es bei Richard Sternberg, der als Herausgeber eines wissenschaftlichen Magazins eine kreationistische Facharbeit veröffentlicht hat. Angeblich hat ihn das seinen Job gekostet. Offenbar ist es aber doch so gewesen, dass sein Drei-Jahres-Vertrag ohnehin ausgelaufen wäre, und die Arbeit als Herausgeber hat er ohnehin unentgeltlich geleistet, und seine Brötchen hat er tatsächlich irgendwoanders verdient.[7] So etwas wird natürlich im Film nicht gezeigt, wie auch die weiteren vier im Film erwähnten Personen dort zwar als bemitleidenswerte Verfolgte einer internationalen Verschwörung gegen Kreationisten und Intelligent-Design-Befürworter dargestellt werden, dies aber in Wirklichkeit gar nicht sind, wie man bei [9] nachlesen kann.

2. kann von einer „wissenschaftlichen“ Auseinandersetzung zwischen Kreationisten und sog. „darwinistischen“ Wissenschaftlern ebenfalls keine Rede sein. Kreationismus und ID haben mit Wissenschaft nichts zutun. Schon ein Blick auf Wikipedia unter dem Stichwort Kreationismus wirkt wie ein Gang durch den Untertagebau der menschlichen Intelligenz. Als „Richtungen“ des Kreationismus bieten sich dort an:

Kurzzeitkreationismus, Moderner Geozentrismus, Omphalos-Hypothese, Wissenschaftlicher Kreationismus, Langzeitkreationismus, Lückentheorie, Konkordanzhypothese, Schöpfung auf Raten, Evolutionistischer Kreationismus, Neo-Kreationismus, Intelligent Design, Abrupt Appearance, Evidence against Evolution

Ernsthaft beschäftigen tun sich mit solch grausamem Schwachsinn höchstens außerirdische Schreckschrauben wie Nina Hagen oder der evangelische Bischof Wolfgang Huber, der dem britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins bei Johannes B.Kerner „symmetrischen Fundamentalismus“ und „aggressiven Atheismus“ vorwarf.

Aggressiv sind aber weder Atheisten noch Wissenschaftler, die die Evolutionstheorie als eine seit langem bewiesene Theorie betrachten. Aggressiv sind Kreationisten jedweder Couleur, die immer wieder versuchen, in Schulen und Bildungseinrichtungen ihren religiösen Schwachsinn im Biologieunterricht als ernstzunehmende Alternative zur Darwinschen Evolutionstheorie zu etablieren. Dies zu verhindern ist nicht nur Aufgabe des Staates, sondern auch der Wissenschaftler.


Ein weiterer Beweis für Steins „stilvolles Versagen“ stellten Kurzinterviews mit PZ (Paul zachary) Myers und Richard Dawkins dar, denen zum Zeitpunkt der Aufnahmen nicht klar war, für welches propagandistische Machwerk sie hier eingespannt wurden. Dieses wollten sich die beiden am Abend des 20.März 2008 in Minneapolis in einer Vorschau ansehen. Und dort geschah das unglaubliche: Myers wurde von „Expelled“ expelled! Myers, der zusammen mit anderen geduldig in einer Schlange auf Einlaß in den Vorführsaal wartete, wurde vom Sicherheitspersonal des Veranstalters erkannt und nicht eingelassen. Sollte er versuchen, trotzdem hineinzukommen, würde er verhaftet werden.
Myers ging zu seiner Familie zurück, die auf dem Gelände vor dem Saal wartete, und unterhielt sich eine Weile mit ihnen. Dann kam der Polizist ein zweites mal und bedeutete ihm, er habe das Gelände sofort zu verlassen. Myers ist ein friedfertiger Mensch und verschwand alsbald, aber die Veranstalter hatten nicht an seinen Besuch gedacht: kein geringerer als Richard Dawkins nämlich wurde (zusammen mit Myers Frau und Tochter) ohne weiteres in den Saal eingelassen und konnte so der ersten Vorführung von Ben Steins kreationistischem Propagandafilm beiwohnen.

Daß dieser Vorfall in der internationalen Science-Blogger-Szene genüßlich ausgeschlachtet wurde, war vorauszusehen. Dawkins selber hat auf seiner Homepage [5] zu Expelled Stellung genommen, Myers kugelte sich vor Lachen [10] und auf [1] wird der Film nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen. Insbesondere hat man auch Steins These von der Mitschuld des Darwinismus am Holocaust unter die Lupe genommen. Der Jude Ben Stein, so schrieb Gerti Schön in der Zeit, ließ es sich nicht nehmen, persönlich nach Deutschland zu fahren und vor der Kulisse der Gedenkstätte Mönchsberg zur Erinnerung an die NS-Tötungsanstalt Hadamar seine persönliche Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen, wobei zwischendurch im Film immer wieder Zitate von Charles Darwin eingeflochten wurden. Daß es schon Jahrhunderte vor Darwin und dessen Evolutionstheorie Massentötungen von Juden in ganz Europa gegeben hat, ficht Stein allerdings nicht an. Ihm ist wahrscheinlich noch nicht einmal der Unterschied zwischen Sozialdarwinismus und Evolutionstheorie bekannt. Es ist auch unwahrscheinlich, daß Stein schon mal etwas davon gehört hat, daß die fundamentale Einheit für die Selektion in der Evolution nicht die Art, auch nicht die Gruppe (bei den Nazis die „Rassen“), noch nicht einmal das Individuum ist – sondern das Gen, die Erbeinheit. Die Kenntnis solcher „Einzelheiten“ würde einen wie Stein ja nur stören, der nichts anderes im Sinn hat, als mit Lügen und Propaganda für eine menschenfeindliche Ideologie Geld zu verdienen und, wie Gerti Schön es in der ZEIT schreibt, „seinen ganz persönlichen Narzissmus zu befriedigen“.

Aber solange die Kreationisten noch nicht die Macht im Staat übernommen haben, dürfen wir uns solche Filme wie die „Expelled“-Parodie Sexpelled: No Intercourse Allowed ganz frei aus dem Internet downloaden und lachen, dass sich die Balken biegen.

[1] http://www.expelledexposed.com/
[2] scienceblogs zu Expelled
[3] Blogliste mit Kommentaren zu Expelled
[4] Kritik am ZEIT-Artikel von Gerti schön, ZEIT Nr.18 24.04.2008
[5] Richard Dawkins: Lügen für Jesus
[6] Evil under the Sun: Der Schmerz… Ben Stein offenbart die Leere seines Gehirns.
[7] Deutschlandfunk: Intelligente Verschwörung
[8] Ben Steins Buch „How to ruin your Life“
[9] Expelled Exposed: The Truth behind the Fiction
[10] PZ Myers Pharyngula

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