Jesus aus Paderborn bei Sandra Maischberger

Seit 2003 präsentiert sich Sandra Maischberger als Nachfolgerin von Alfred Biolek in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ mit Themen wie „Der neue Scheidungskrieg: sind die Frauen die Dummen?“, „Rätsel Justiz: zu viel Gnade für Täter?“ oder „Dick oder dünn- Glaubenskrieg ums Essen“. Gelegentlich steht auch mal das Thema „Religion“ zur Debatte – im Maischberger-Archiv der ARD, das leider nur bis zum Januar 2007 zurückgeht, findet man immerhin 3 Sendungen zu diesem Thema, zu denen 17 Personen eingeladen wurden, darunter 12 sog. „Gläubige“, 3 ehemalige Lehrbeauftragte christlicher Kirchen sowie die üblichen Promis, die in solchen Sendungen anscheinend nicht fehlen dürfen, so peinlich ihre Statements auch sein mögen. An der Auswahl der Personen erkennt man, wohin die Reise geht: Religion ist gut, Gott ist wichtig, und der Papst ein „cooler Typ“. Daran ändern auch Leute wie der Papst-Kritiker Eugen Drewermann nichts, der in der Sendung vom 18. März („Geht’s doch nicht ohne Gott? Comeback der Religion“) mal wieder eindrucksvoll demonstrierte, was ehemaligen Priestern und jetzigen Psychotherapeuten gemeinsam ist: der Hang zum Schwafeln. Weder der mitanwesende Abtprimas Notker Wolf noch der „Psychologieprofessor und Atheist“ Franz Buggle konnten da Drewermann das Wasser reichen, während die ehemalige grüne Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer noch nicht mal zum Schwafeln in der Lage war: sie gestand dagegen ein, daß sie „den intellektuellen Ausführungen von Prof. Buggle nicht folgen konnte“. Dafür konnten dann die Zuschauer Fischers eigenen Ausführungen nicht folgen, was kein Wunder war, da die grüne Katholikin einen eher geistig verwirrten Eindruck machte.
Drewermann dagegen ist der Prototyp des charismatischen Predigers, ein begnadeter Schwätzer, bei dem es Spaß macht, zuzuhören:

Ich hab die Person Jesu gebraucht…das hat mir sehr geholfen, anzutreten gegen die Selbstverständlichkeit, mit der man Krieg führt, seit man 56 die Bundeswehr wieder etabliert hat und jetzt neuerdings ausschwärmt zur Militarisierung der Aussenpolitik, das hat mich antreten lassen für den Tierschutz, und immer hab ich gedacht: wenn man sich engagiert für irgendeinen Menschen, für ein Lebewesen, braucht man eine Option, die in die Ewigkeit reicht, die Rechnung hier auf Erden wird niemals aufgehen.

Und was ist, wenn ich mich mein Lebtag lang für die Lösung der Poincaré-Vermutung „engagiert“ habe? Brauche ich dann keine „Option, die in die Ewigkeit reicht“? Doch auf die Beantwortung solch bohrender Fragen zielt Drewermanns Psycho-Geschwätz ja gar nicht. Seine Zielgruppe sind im Grunde dieselben „aufgeklärten“ taz-, FR- und Süddeutsche-Leser, die sich morgens in ihrer Lieblingszeitung die erste antiamerikanische Dröhnung geben, mittags in der Amts-Kantine über die „unbelehrbaren Israelis“ herziehen und sich abends im „Scheibenwischer“ von Volker Pispers, Bruno Jonas oder Hagen Rether die neuesten Schenkelklopfer über Bush und Merkel, die CIA und den Mossad genehmigen.

Für diese Klientel hat Drewermann die ganze gutmenschliche Palette an Themen stets griffbereit in seiner Rhetorik-Kiste dabei: Krieg, Bundeswehr, Irak, Bush, Tierschutz, soziale Gerechtigkeit, Folter, Hunger, Krankheit…
Das ganze wird gut durchgerührt und mit ein paar Floskeln versehen („Option haben…“, „Rechnung aufgehen…“, „entsteht die Frage…“) und dann kommt folgendes heraus:


Die Kirchen mißbrauchen Gott zum Machtanhäufen… wir sind grad hier in einen monumentalen Kreuzzug eingeflochten…es sind zwischen 80 bis 150000 Zivilisten im Irak ermordet worden… Aber dann stellt sich ja die gemeinsame therapeutische Frage, was wir tun können, um den Wahnsinn der Menschen zu heilen: wie wir die Angst abarbeiten, wie wir die Aggressionsneigungen durchstehen, wie wir die Politik so weit aufklären, daß sie uns nicht ständig an der Nase herumführt, daß wir den Mächtigen nicht länger erlauben, den Krieg immer noch als Option im Gewehrlauf zu haben und in Deutschland 30 Milliarden Euro zu verplempern nur für Rüstung, amerikanische Zahlen gehen ins Gigantische, dann entsteht die Frage, was dann wirklich christlicher ist und was dann unsere Identität wäre.

Doch Drewermann würde niemals diesen Bekanntheitsgrad erreicht haben, wenn da nicht noch mehr wäre: seine monotone, leise, stets ruhige Stimme, sein zu einer neutralen Maske erstarrtes Gesicht mit den stets intensiv blickenden Augen, all das macht ihn zu dem, was er so gerne sein möchte: ein moderne Ausgabe von Jesus im 21.Jahrhundert. Nun, nach seinem auch in dieser Maischberger-Sendung wieder öffentlich gemachten Austritt aus der katholischen Kirche, sieht er sich als Messias der gesamten Menschheit und freut sich auf die Kreuzigung durch seine ehemaligen Glaubensbrüder. Die machen da aber nicht so recht mit, es reicht ihnen ja schon, wenn der Ketzer nicht mehr ihrem Verein angehört. Selbst Benediktinerchef Notker Wolf hatte allenfalls ein mitleidiges Lächeln für den Ex-Katholen Drewermann übrig, auch wenn dieser sich darüber beschwerte,
daß der Papst nicht genügend gegen den Irak-Krieg protestiert – oder betet oder so.

In einer Sendung, in der man eigentlich über die Frage „ob’s auch ohne Gott geht“ diskutieren wollte, konnte es Jesus Drewermann trotzdem nicht lassen, durch spitze Bemerkungen zu Bush/Irak zu zeigen, wes Geistes Kind er ist: schon seit Jahrzehnten kämpft er gegen die Mächtigen dieser Welt und wünscht sich nichts sehnlicher, als an der Spitze der Unterdrückten, der Gefolterten, der Hungrigen und Ausgebeuteten in Washington einzumarschieren. Danach gibts dann „Nie wieder Krieg!“.

Terrorismus natürlich auch nicht mehr: denn

Terrorismus ist […] in der Asymmetrie der Kriegsführung die Waffe der Unterlegenen. Er ist eine Ersatzsprache für Zielsetzungen und Forderungen, die allzu lange überhört wurden.
[5]

Vielleicht ist ja Terrorismus auch eine zutiefst therapeutische Frage, die sich nur in einem Raum von „Verstehen“, von „Nichtverurteilen“, von „Begleitung“ stellt….
Statt Tony Blair sollten wir daher vielleicht versuchsweise Eugen Drewermann als neuen Nahost-Sonderbeauftragten der UNO vorstellen. Ja, das wäre es. Man stelle sich die Schlagzeilen vor:

  • Der neue Nahost-Sonderbeauftragte Eugen Drewermann hat den israelischen Ministerpräsidenten Olmert und seine gesamte Regierung aufgefordert, sich einer tiefenpsychologischen Analyse zu unterziehen.
  • Parallel dazu sollten Hamas-Führung, palästinensische Autonomiebehörde, Hisbollah, Ahmadinedjad, Bush und Merkel sich zusammen in einen „Raum des Verstehens“ begeben.
    So sollte es zwischen den Beteiligten ein tiefes Gespräch auf der Basis verschiedener Zugangswege zur Menschlichkeit geben.[5]
  • In ganz Israel und den besetzten Gebieten werden massenhaft „Räume des Verstehens“ eingerichtet. Palästinenser und Israelis treffen sich dort zweimal täglich und besprechen ihre Probleme.
  • Rainer Langhans und Klaus Theweleit haben ihre Unterstützung für den neuen Drewermannschen Friedensprozeß zugesagt. Uschi Obermaier will nur dann mitmachen, wenn Rainer Langhans zugibt, ein Macho zu sein. Klaus Theweleit will ein Buch über den ehemaligen israelischen Staatspräsidenten Katzav schreiben.
  • Eugen Drewermann wird wieder in die katholische Kirche aufgenommen und umgehend zum Papst ernannt. Israelis und Palästinenser schließen Frieden: 2010 wird im Vertrag von Rom der Nahe Osten neu aufgeteilt: Die Israelis räumen freiwillig Jerusalem und Tel Aviv und errichten einen neuen Kleinstaat in der Negev-Wüste.
  • Sämtliche Konflikte auf der Welt werden beendet. Osama bin Laden stellt sich freiwillig den Behörden in Pakistan und dankt in einer Pressekonferenz Eugen Drewermann für sein Verständnis.
  • Rom 2011: Papst Eugen Drewermann verkündet das Ende des Zölibats. Weltweit stürzen sich katholische Priester auf ihre Haushälterinnen.
  • Rom 2012: 5000 katholische Haushälterinnen treffen sich in Rom zur „1. Konferenz der unterdrückten Frauen von Priestern/Priesterinnen“.

Doch glücklicherweise ist Drewermann nicht der Nahost-Sonderbeauftragte und hat auch sonst keinerlei politischen Einfluß auf das, was im Nahen Osten passiert, aber er tritt im ersten Programm bei Sandra Maischberger auf wie Jesus aus Paderborn, und seine Aussagen anderswo strotzen nur so vor Antisemitismus:


In meiner Hand ist ein Brief der israelischen Botschaft in Deutschland, in welchem Herrn Lada`a, der gerade zu den Waffenlieferungen in den Nahen Osten gesprochen hat, erklärt wird, dass Israel sich selbstverständlich an die Konventionen der UN hält. Aber, dass es nicht verboten ist, Streubomben zu verwenden, Phosphorbomben einzusetzen und Zivilisten zu Opfern eines Krieges zu machen, der (angeblich) der Selbstverteidigung dient, der aber seit vier Wochen alles im Libanon zerstört, in der Infrastruktur, in der Verwaltungsstruktur, in den Wohnvierteln, um die Bevölkerung dort in eine menschliche Katastrophe zu treiben, aus welcher ein Entkommen für keinen der Betroffenen mehr zu sehen ist. Streubomben einzusetzen bedeutet, eine ganze Fläche so groß wie einen Sportplatz, mit einer einzigen Bombe zu belegen, die die menschlichen Leiber bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt.
Brandbomben einzusetzen wissen die Älteren hier aus Paderborn in der eigenen Erinnerung sich noch zu vergegenwärtigen, besteht darin, Menschenleiber in lebendige Fackeln zu verwandeln. Das ist im wörtlichen griechischen Sinn eine Ganzkörperverbrennung, ein Holocaustoma.

Ja, so war das damals im 2.Weltkrieg: die bösen Amerikaner und Engländer haben auf Paderborn Brandbomben abgeworfen. Da sind dann die armen unschuldigen Deutschen zu lebendigen Fackeln geworden. Wie schrecklich! Warum haben die Amerikaner und Engländer sich mit Hitler, Himmler und Göring nicht vorher in einen „Raum des Verstehens“ begeben? Warum hat sich Roosevelt nicht einer „tiefenpsychologischen“ Analyse unterzogen? Vielleicht hätte er dann eingesehen, daß Hitler eigentlich ein religiöser Mensch war, der gerne mal von der Vorsehung sprach, wenn ihm auffiel, daß er mal wieder Glück gehabt hatte.
Aber Roosevelt kannte eben noch nicht Eugen Drewermann.


Darvins Illustrierte meinte zu der Sendung:

Bei Sandra Maischberger ging es um die Frage, ob die Religion wiederkommt oder nicht mehr gebraucht wird. Der Islam kam in der Diskussion gar nicht vor, er erschien offenbar als indiskutabel, und man wollte sich nur mit richtigen Religionen beschäftigen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn jetzt die Islamfunktionäre so beleidigt reagieren, wie sie es getan hätten, wenn der Islam erwähnt worden wäre, weil es dann so ausgesehen hätte, als könnte er zur Debatte gestellt werden.


Anmerkungen und Links

[1] Angriff der Gottlosen: Vergiftet Religion die Welt?
[2] Aufstand der Ungläubigen: Keine Macht für Gott!
[3] Geht’s doch nicht ohne Gott? Comeback der Religion
[4] Eugen Drewermann zum Libanonkrieg 2006
[5]Eugen Drewermann: Terrorismus ist die Waffe der Unterlegenen

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aufklärung, Religion veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s