Saudi-Arabien: Auf Befehl des Propheten, macht diese Boogie-Musik aus

Wer im Juli oder August in Israel Urlaub am Roten Meer macht, der hat allerhand auszuhalten: ein extrem heißer Wüstenwind weht abends aus der Negev über die Stadt Eilat, am Strand knabbern diverse Fische frech an den Füßen herum und im Hotelaufzug begegnen einem Bikini-Schönheiten mit der Uzi im Anschlag.

Doch es wird auch Entspannung geboten: alljährlich gibt es das Red Sea Jazz Festival.

Als ich im Sommer 1986 in einer Hafen-Halle von Eilat zum ersten mal den Klängen des Tenorsaxophonisten Michael Brecker lauschen durfte, ahnte ich noch nicht, daß das „Red Sea Jazz Festival“ zu einem der Standard-Festivals der internationalen Jazz-Scene werden könnte.

Und ausgerechnet hier, beim allerersten Red Sea Festival, war ich dabei und staunte über diesen mir noch unbekannten Saxophonisten auf der Bühne, dessen 9 Jahre später zusammen mit McCoy Tyner aufgenommene LP „Infinity“ mit dem Titel „Flying High“ zu den beeindruckendsten Aufnahmen gehört, die von Brecker existieren. 21 Jahre später feierte man im August 2007 auf dem „Red Sea Jazz Festival“ einen besonderen Tag: zu Ehren von John Coltrane’s 80. Geburtstag traten im „Sax Summit II“ 3 weltberühmte Saxophonisten auf die Bühne: Dave Liebman, Joe Lovano, Ravi Coltrane, mit Phil Markowitz am Piano, Cecil McBee am Bass und Billy Hart am Schlagzeug.

Nur einer fehlte: Michael Brecker. Der war am 15.Januar 2007 gestorben. David (Dave) Liebman, sein nicht minder berühmter jüdischer Kollege auf dem Saxophon, hat ihn auf seiner Homepage gewürdigt und seiner Trauer bewegenden Ausdruck verliehen. Bis zum 15.Januar wird diese URL einer jüdischen Tradition gemäß sichtbar sein.

Neben den aus aller Welt angereisten Jazz-Gruppen gab es auch 10 israelische Ensembles, die an den Strandpromenaden, in Hotelhallen und am Hafen ihre Debuts gaben: Das „Shem Tov Levy Ensemble“, „Rony Holan in a tribute to Tony Williams“, „Hot Club of Israel“ , „Walakata“, „The Mamelo Gaitanopoulos Nonet“, „Arad Yeini“ (in a tribute to Lee Morgan), „Fourword Quartet“, „Arie Volinez Group“, „Hagiga Sextet“ und „Meir Ben Michael Quintet“.


Nicht zu vergessen der Jazz-Nachwuchs aus Israel: aus Hunderten von Bewerbern qualifizierten sich 70 Israeli als Teilnehmer von Jazz Workshops des „Boston’s Berklee College of Music and Rimon School of Jazz in Ramat Hasharon“. Die jungen Jazz-Talente hatten Gelegenheit, von Berühmtheiten wie Chris Potter, Mike Mainieri und Dave Liebman unterrichtet zu werden und konnten am letzten Tag des Festivals die Ergebnisse ihrer Workshops in zwei Sessions vorstellen.

Peitschenhiebe für Jazzmusiker

Einen Steinwurf von Eilat entfernt liegt Saudi-Arabien. Dort gibt es weder Jazz- noch Rock- noch Pop-Festivals. Dort kann man, ähnlich wie im Dritten Reich und zu DDR-Zeiten zwar heimlich am Radio die „entartete Musik“ des Westens hören, aber wehe, wenn man dabei erwischt wird. Schlimmer noch: wer versucht, solche Musik zu spielen, wird mit Gefängnis und Peitschenhieben bestraft:

Pressemeldungen vom 13.11.2007:
In Saudi-Arabien soll ein junger Musiker ausgepeitscht werden, weil er mit seiner Band Lieder über Frauen und «Tabu-Themen» aufgenommen hat. Nach einem Bericht der saudi-arabischen Zeitung «Okaz» verurteilte ein Gericht in der Hafenstadt Dschidda den 22 Jahre alten Mann zu 350 Peitschenhieben, die er aber nicht auf einmal verabreicht bekommen soll.

Wegen seiner Liedertexte «voller Schimpfwörter und diskriminierender Begriffe» schickte ihn der Richter außerdem für drei Monate ins Gefängnis. Da Auftritte von Rockbands in dem islamischen Königreich generell verboten sind, hatte die Band Clash ihre Musik über das Internet verbreitet und war auf diesem Wege bei der saudi-arabischen Jugend bekannt geworden.

Ob sich die saudi-arabischen Musiker bei der Auswahl ihres Namens von der britischen Punk-Band The Clash inspirieren ließen, ist nicht bekannt. The Clash hatten in ihrem 1982 veröffentlichten Lied «Rock the Casbah» die durch das Öl reich gewordenen Golf-Araber veralbert. In dem Lied heißt es unter anderem: «Auf Befehl des Propheten, macht diese Boogie-Musik aus.»

[4]

Theodor W.Adorno: Das sozial nicht konformierende Moment des Jazz


Früher hieß es auf Befehl des „Führers“: macht die „Negermusik“ aus. Schließlich gibt es gute deutsche Klassik mit Werken von Beethoven, Wagner und Mozart. Was braucht’s da also das dämliche „Getrommle“ noch? Doch selbst ohne das „Getrommle“ ist Musik den Taliban und saudi-arabischen Islamisten schon zu viel. Sie möchten lieber gar keine Musik haben. Die totale Ruhe: nur durch den Ruf des Muezzin unterbrochen.
Sehen wir mal von dieser Irrsinns-Variante „moderner“ Kultur-ohne-Musik ab, so befinden sich Wahabisten und andere Gegner des Getrommels in guter Gesellschaft, gibt es doch in Europa und den USA gewisse „gebildete“ Schichten, denen der Jazz und die Rockmusik ebenfalls ein Greuel ist und deren Begründung für ihre Ablehnung deutlich macht, warum auch die streng religiösen Islamisten wie Nationalsozialisten mit dieser Musik im Grunde dieselben Probleme haben.

Wie sagte doch Theodor Adorno:


„Das sozial nicht konformierende Moment des Jazz mag in seiner Zwischengeschlechtlichkeit gelegen sein. (…) Während der Klang der Jazzinstrumente dem menschlichen Stimmklang sich annähert, und während zugleich das Flüstern der Jazzsänger dem Timbre der Dämpfertrompete ähnlich wird, verliert er den spezifischen Geschlechtscharakter. Unmöglich, eine Dämpfertrompete als männlich-heroisch zu agnoszieren (anzuerkennen; d.V.), unmöglich, den anthropoiden (=menschenähnlich; Anthropoid = Menschenaffe;) Ton des Saxophons als Stimme einer edlen Jungfrau zu bezeichnen, wie noch Berlioz mit dem immerhin verwandten der Klarinette verfuhr. Schon der reaktionäre Ästhetiker Waltershausen hat in einer Polemik vom bisexuellen Charakter des Saxophons gesprochen (…)

Die improvisatorische Unmittelbarkeit, die seinen halben Erfolg ausmacht, rechnet streng zu jenen Ausbruchsversuchen aus der fetischisierten Warenwelt, die ihr sich entziehen wollen, ohne sie zu verändern, und darum nur tiefer in ihre Verstrickung hineinziehen. (…)

Mit dem Jazz stürzt ohnmächtige Subjektivität aus der Warenwelt in die Warenwelt, das System läßt keinen Ausweg. Was dabei an uraltem Trieb sich wiederherstellt, ist nicht die ersehnte Freiheit sondern Regression durch Unterdrückung; keine Archaik gibt es im Jazz denn die aus der Moderne mit dem Mechanismus der Unterdrückung gezeitigte. Nicht alte und verdrängte Triebe werden in den genormten Rhythmen und genormten Ausbrüchen frei: neue, verdrängte, verstümmelte erstarren zu Masken der längst gewesenen
(…)
Psychologisch vollbringt der Jazz die Quadratur des Zirkels. Das kontingente Ich ist prinzipiell selbst als Angehöriger der Bürgerklasse dem gesellschaftlichen Gesetz blind preisgegeben. Indem es nun die gesellschaftliche Instanz fürchten lernt und als Kastrationsdrohung – unmittelbar: Impotenzangst –
erlebt, identifiziert es sich mit eben der Instanz, die es zu fürchten hat, gehört aber dafür plötzlich selber dazu und darf mittanzen. Der sex appeal des Jazz ist ein Kommando: pariere, dann darfst du auch, und der Traumgedanke, so widerspruchsvoll wie die Wirklichkeit, in der er geträumt wird: wenn ich mich
entmannen lasse, bin ich erst potent“

Abgesehen davon, daß es sich beim Adorno-Jargon um eine „unnötig umständliche, aufgeplustert tiefsinnige, selbstgefällig unverständliche Wissenschaftssprache“ [6] handelt (statt „agnoszieren“ würde ein simples „anerkennen“ reichen, und „anthropoider Ton“ meint nichts anderes als „menschenähnlicher“ Ton), sind auch die Behauptungen inhaltlich nicht an Lächerlichkeit zu überbieten: „Das sozial nicht konformierende Moment des Jazz mag in seiner Zwischengeschlechtlichkeit gelegen sein“, das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen und dabei daran denken, daß ganze Generationen von Soziologen dieses Geschwätz ernst genommen und darauf aufbauend hunderte von Diplomarbeiten geschrieben haben.
Joachim Landkammer hat auf einer Veranstaltung am 4.6.2003 im unikat(club) Witten Adornos Jazz-Schwachsinn kompetent kritisiert und dabei nicht vergessen, gleich der ganzen „kritische Theorie“ den Boden zu entziehen.

Joachim Landkammer zu Adornos Jazz-Thesen


Adorno ist auf seine Weise ein George W. Bush des Geistes, der zwar nicht der Chimäre des„internationalen Terrorismus“, aber der des faschistoid-kapitalistischen Bürgertums und dessen kulturindustriellen Machenschaften nachjagt und schon einmal mit der gesamten hoch technifizierten Begriffs-Streitmacht seiner geballten philosophischen Bildung in das kleine Land „Jazz“ einfällt, um es in Schutt und Asche zu legen, nur weil ein (nicht nachweisbarer) Verdacht besteht, daß dieses Land (dessen Sprache er nicht spricht und über das er sich vorher nur ansatzweise informiert hat) insgeheim mit der Herstellung von Massenverdummungsmitteln beschäftigt ist….

Das psychobiographische Element wird aber vor allem dann klarer, wenn man Adornos in den Minima Moralia (Aph. 123) beschriebenes Leiden in der Schulzeit zur Kenntnis nimmt. Die „Schulkameraden“ waren für unseren Theodor die ersten Faschisten, lange bevor es den Faschismus gab. In seiner Erinnerung werden 1935 die „deren Hallo kein Ende nahm, wenn der Primus versagte“ und die „keinen richtigen Satz zustande brachten, aber jeden von mir zu lang fanden“ zu den Prototypen der nationalsozialistischen Folterer und Mörder. Der Haß des Klassenkollektivs, der ihm offenbar als schon damals kompliziert redendem Klassenprimus entgegenschlug, wird umstandslos von der biographischen Mikroebene auf die Makroebene der Welt-Geschichte projiziert (als ob es ein Klassenprimus nicht immer und überall auf der Welt schwierig gehabt hätte und haben wird). Aber auch hier, bei allem Mitleid: wir kennen diesen Typus. Wir verstehen. Man darf hier einmal zynisch sein: hier kultiviert ein Schwächling sein Ressentiment gegen die physische Überlegenheit der pöbelhaften Masse.

Adorno selbst ist der angstgetriebene, einzelgängerische Besser- und Alleswisser, der angesichts seiner geistigen Superiorität seine physische Unterlegenheit als eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit und Schmach empfindet und daher die vielen, stärkeren, dümmeren Anderen auch moralisch disqualifizieren muß. Kein Wunder daher, daß die wildgewordene Horde, die pogrombereite Meute auch hinter dem Jazz steht: „Ich erinnere mich deutlich, daß ich erschrak, als ich das Wort Jazz zum ersten Male las. Plausibel wäre, daß es vom deutschen Wort Hatz kommt und die Verfolgung eines Langsameren durch Bluthunde entwirft“.

Das sind offensichtliche Wahnphantasien des Klassenbesten, der im Sportunterricht, in der Turnhalle den Klassen-Bluthunden wehrlos ausgesetzt, immer der Letzte, Ungeschickteste und eben der Langsamste ist. Lassen Sie es mich so brutal wie nur möglich sagen: Das „W“ in Theodor W. Adorno steht für „Weichei“.

Der von Adorno oben zitierte Walter von Waltershausen schrieb 1928 in Heft 1 der Neuen Musikzeitung 1928, S.11/12 zum Thema „Tradition und Fortschritt“:


„Das Saxophon klingt wie der Gesang eines kastrierten Negers, wie der eines vom Mann emanzipierten weiblichen Neutrums. Mit den primitiv-vitalen Rhythmen der Negermusik wurde Eros eine rein physische Angelegenheit. An Stelle der seelischen Erregung trat die aus dem Bauchtanz und Verwandtem wohlbekannte Reizung des Vibrationssinnes hervor.“

Adornos Kritik am Jazz und an der leichten Musik war also nicht nur eine Aneinanderreihung von unbewiesenen Behauptungen, vorgetragen in einem pseudowissenschaftlichen, mit Fremdwörtern gespickten abgehobenen Jargon, sondern vor allem auch ein grossangelegter Rundumschlag gegen alles , was ihm suspekt war: Sinnlichkeit, Körperlichkeit, das Weibliche schlechthin.

Und das ist auch genau der Grund, warum strenggläubige Muslime etwas gegen diese Musik haben.
Hoffen wir, daß ein paar Saxophon-Töne von Eilat aus an die saudische Küste rüberwehen…

[1] Nachruf auf den Tenorsaxophonisten Michael Brecker auf David Liebmans Homepage
[2] 04.04.2004 David Liebmans Newsletter über Michael Brecker
[3] Eilat Jazz-Festival 2007
[4] 13.11.2007: Saudi-Arabien: 350 Peitschenhiebe für Rockmusiker
[5] 2003: Joachim Landkammer: Adorno, der Jazz …und wir. Ein club-talk
[6] Wolf Schneider: Deutsch für Kenner
[7] Th.W. Adorno, Über Jazz, in: ders., Ges. Schriften, Bd. 17, Frankfurt am Main 1982, S. 74-108

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