Maybrit Illner: Minarette, Kirchtürme und Bischof Mixa



In deutschen Talkshows erlebt man in letzter Zeit häufiger, dass geladene Gäste entweder wegen vermeintlicher Nähe ihrer Aussagen zum Nationalsozialismus freundlich verabschiedet werden oder vorzeitig den Saal verlassen, weil sie den esoterischen Fliegende-Untertassen-Schwachfug der anderen Gäste nicht mehr ertragen können. Etwas ähnliches hätte ja auch am vergangenen Donnerstag abend im ZDF ([1])passieren können, als Maybrit Illner das Thema „Passt der Islam nach Deutschland?“ im Rahmen der „Woche der Integration“ diskutieren liess. Zur Abwechslung hätte man diesmal die Moderatorin selbst „freundlich verabschieden“ können und damit den Talkgästen die Möglichkeit gegeben, endlich ungehemmt vom Leder zu ziehen. Statt dessen mussten wir eine Stunde lang zusehen, wie Bischof Mixa müder und müder wurde, Bekir Alboga als Sprecher des Koordinierungsrates deutscher Muslime die Rechtsanwältin Seyran Ates mindestens 100 mal mit „Nein, nein, nein ….“ unterbrach und Nadja Benaissa, Sängerin bei den No Angels, „immer nur den Menschen sieht“. Dazwischen versuchte Talkmasterin Illner tunlichst zu verhindern, dass das Gespräch die eigentlich wichtigen Aussagen zum Thema Islam in Deutschland berührte, auch wenn dies manchmal bei der Rechtsanwältin Seyran Ates zu Protesten führte. So schien es der Moderatorin wichtiger, die Frage zu klären, warum sich deutsche Politiker und Kirchenfürsten gegen Minarette aussprechen, die höher als Kirchtürme sind, und nicht umgekehrt zu fragen, warum islamische Bauherren für die Errichtung immer pompöserer Moscheen sind. Genau diese von Seyran Ates gestellte Frage wollte oder konnte Frau Illner nicht verstehen, als sie darauf mit dem Hinweis auf den Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder, antwortete, der diese Diskussion doch losgetreten habe.

Vollends blamierte Illner sich bei der nun folgenden Erklärung des mit eingefrorenem Ernst-Albrecht-Lächeln dasitzenden Bekir Alboga zum Thema Minaretthöhe in Deutschland:

Original-Zitate aus der Sendung:
Bekir Alboga:
Zunächst wir möchten in Deutschland keine Moscheen bauen mit Minaretten, die höher sind als Kirchtürme. …Aber wirklich…in Mannheim, das Beispiel in Mannheim…katholische Kirche „Liebfrauen“ und die Moschee. Der gesamte…die Gesamtfläche der Moschee und die Höhe des Minaretts entspricht gerade der Hälfte der Höhe der Kirche und der Gesamtfläche.

Maybrit Illner: Können Sies noch mal sagen für die die nicht so schnell waren…die Hälfte der Höhe und die Hälfte der…

Bekir Alboga: Die Hälfte der Höhe des Minaretts, des einzigen Minaretts der Moschee in Mannheim, entspricht der Hälfte der Höhe des Kirchenturms…

Maybrit Illner: Hervorragend.

Anstatt „hervorragend“ zu sagen hätte Illner den Muslim-Sprecher eher auffordern sollen, dafür zu sorgen, dass in den Moscheen ausser Sprach- und beruflichen Fortbildungskursen auch Nachhilfekurse in Mathematik angeboten werden.
Denn nach Albogas wunderbarer Erklärung „Die Hälfte der Höhe des Minaretts, des einzigen Minaretts der Moschee in Mannheim, entspricht der Hälfte der Höhe des Kirchenturms…“ hätte sie eigentlich fragen müssen: Also genauso hoch?

Doch Diskussionen auf so „hohem“ Niveau passen nicht in das Konzept der Sendungen, wo man sich lieber mit kuschelweichen Plattheiten „auseinandersetzt“, wie sie Nadja Benaissa am laufenden Band präsentierte:

Originalzitat Nadja Benaissa:
…das sind Probleme in unserer Gesellschaft, wie gesagt, die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher, und äähhh…

Ja, und ähhh. Das kommt immer gut an beim Publikum, das mit den Reichen und den Armen. Egal ob Beckmann, Kerner oder Illner: die da oben sind reich, korrupt und kriegslüstern, und wir hier unten in der Talkshow sind ganz anders. Fehlt nur noch, dass jetzt alle vor lauter Solidarität anfangen gemeinsam zu beten oder noch besser: zu schunkeln, schliesslich hat der Karneval ja schon fast angefangen. Doch es kommt noch besser:

Originalzitat Nadja Benaissa:
es wird immer mehr so, dass es immer mehr Arbeiterviertel, Gettosiedlungen gibt, und ich finde man könnte auch einfach im Schulsystem ne Menge dazu beitragen, dass Kinder mehr integriert werden, ob man jetzt einen Migrantenhintergrund hat oder nicht, ob durch Ganztagsschulen, einfach durch ’ne Schuluniform, dass sie alle gleichberechtigt, dass wir alle eins sind, dass alle gleich aussehen, …

Ja das wärs: Wir sollten alle gleich aussehen. Ein ziemlich saftiger Freudscher Versprecher. Wenn alle gleich aussehen, hätten es auch islamistische Terroristen einfacher: sie könnten nämlich leichter in der uniformierten Masse der Menschen untertauchen. Vielleicht sollte die Sängerin mal einen Blick in das maoistische China werfen, wo man reichlich Erfahrung mit „gleich aussehenden“ Menschen sammeln konnte.

Die Idee der Schuluniform setzt außerdem am genau falschen Ende an: Kinder sollen nicht zur Gleichheit im Aussehen und in ihren Verhaltensweisen gezwungen werden, sondern sie sollen dieselben Startmöglichkeiten und Angebote haben. Was sie dann damit machen, muss den einzelnen Menschen vorbehalten bleiben. Alles andere ist kommunistisches Wunschdenken nach dem Lockeschen Vorbild des unbeschriebenen Blattes, und weder Chinas Maoisten noch Pol Pots Steinzeitkommunisten haben dieses angeblich „leere Blatt“ jemals so programmieren können, wie sie es sich vorgestellt hatten.

Das mit dem „alle gleich aussehen“ ist aber eher so ein Versprecher wie die Erwähnung der „Autobahnen“ durch Eva Herman bei Kerner, und was Nadja Benaissa danach sagte („dass alle dieselben Schulmaterialien haben“ usw.) hatte durchaus Sinn, nur erklären diese Aussagen nicht, warum Deutsche heutzutage den Islam mit Terror, Kopftüchern und Ehrenmördern identifizieren, wie Illners Filmausschnitte kurz zuvor gezeigt hatten. Mit Ausnahme der Anwältin Seyran Ates waren alle Anwesenden der Meinung, dass der Islam doch grundsätzlich eine „friedliche Religion“ und die Terroristen lediglich fehlgeleitete Fanatiker seien, mit denen die Mehrheit der Muslime nichts gemein hat. Auch mit Al Quaida haben Muslime natürlich grundsätzlich nichts zu tun, wie Bekir Alboga behauptete:

Originalzitat Bekir Alboga
Es ist wichtig, die Ursachen der Angst zu nennen…Wer hat Al Quaida gegründet? Nicht die Muslime. Muss man sagen! Das war im …Nein, nein, nein, im Namen des kalten Krieges wurde Al Quaida gegründet … Al Quaida ist eine terroristische Organisation, die wir verurteilen…

Wer Al Quaida begründete ist hinlänglich bekannt: weder christliche noch jüdische noch hinduistische Fanatiker, sondern die Muslimbruderschaft in Ägypten hatte Anfang des 20.Jahrhunderts den Grundstein zur Al-Qaida gelegt. Trotzdem kann Alboga fast in jeder Sendung im Fernsehen immer wieder mit dieser Assoziation aufwarten: der kalte Krieg, der Westen selbst ist die Ursache für die Entstehung von Al-Qaida.

Nach Meinung von Herrn Alboga ist auch der Bau von Kirchen in der Türkei erlaubt, lediglich in Saudiarabien sei das verboten, ausserdem werde nirgends im Koran für Konvertiten die Todesstrafe gefordert, es gebe viel zu wenig repräsentative Moscheen in Deutschland und in den jetzt schon bestehenden werde fast überall Sprachunterricht angeboten, die Predigten ins Deutsche übersetzt usw.

Doch dem widersprach Seyran Ates, als sie von den Fernsehsendungen erzählte, in denen im ZDF diese Woche immer wieder fanatisierte männliche Jugendliche in die Kameras schrieen:

Ich bin Moslem! Und mein Ehrbegriff ist ein anderer als deiner, und deshalb achte ich darauf, daß meine Schwester zu Hause bleibt!

Bekir Alboga mochte das nicht hören, immer wieder unterbrach er die Ates mit zahllosen „Nein, nein, nein…“, die die Rechtsanwältin ihrerseits aber nicht davon abhielten, ihre Ansicht zu bekräftigen, dass der Islam als Religion sehr wohl etwas mit solchen fanatisierten Jugendlichen zutun hat.


Bei der gelegentlich heftig geführten Diskussion blieb einer auffällig ruhig: der Bischof Walter Mixa, vor einer Woche noch von der Reichsbetroffenheitsnudel Claudia Roth mit dem Massenmörder Pol Poth verglichen, machte den Eindruck, als habe er ein Schlafmittel vor der Sendung genommen. Ausser „Einerseits…andererseits“ – Kuschelargumenten und typischen „Lehrsätzen“ eines katholischen Würdenträgers (Illner: Euer Ehren!) hatte Mixa nichts zu bieten:

Originalzitate aus der Maybrit Illner Sendung:
Maybrit Illner: Mhm..Bischof Walter Mixa, schön dass Sie da sind. Wolln wir uns mal der Frage zuwenden, ob Sie nicht eigentlich nachvollziehen können, dass Menschen sich wünschen in diesem Land, dass die Kirchtürme höher sind als die Türme der Minarette?

Bischof Mixa: Grundsätzlich sage ich, Angst und Vorurteile sind die schlechtesten Ratgeber für ein Zusammenleben in einer freiheitlichen Demokratie…mit Plus und Minus…es gibt nichts vollkommenes auf dieser Erde, aber wir sind dankbar und froh, dass wir in einer freiheitlichen Demokratie leben. Und das ist für mich zunächst a mal als erstes die Frage, was verbindet uns Christen mit gläubigen Muslimen…

Maybrit Illner: Ja…

Bischof Mixa: Und die Frage kann dahingehend gut beantwortet werden, indem ich sage, zusammen mit den Muslimen stellen wir fest, dass der Mensch ein religiöses Wesen ist.

Maybrit Illner: Mhm..

Bischof Mixa: Der Mensch fragt nach dem Sinn seines Lebens, nach Ursprung, nach Sinn seines Daseins, und das ist auch das Menschenbild im Islam.

Aha. „zusammen mit den Muslimen stellen wir fest, dass der Mensch ein religiöses Wesen ist“. Und keiner in der Runde sagt etwas dagegen. Dass es auch Menschen gibt, die keinen „Glauben“ im Sinne eines religiösen Glaubens haben, ist für die meisten Teilnehmer solcher Talkrunden schier unvorstellbar. Lediglich Seyran Ates sagte, Religionsfreiheit bedeute auch die Freiheit, keiner Religion anzugehören und keinen Glauben zu haben, es gebe Millionen säkularer Muslime, und unter den Einwanderern gebe es eben nicht nur Muslime, sondern auch eine ganze Menge Atheisten. Doch der Bischof nahm alles sehr gelassen hin, auch als Frau Ates davon sprach, dass das alte Testament ganz sicher keine Erstausgabe der Zeitschrift Emma sei, der Koran natürlich noch weniger.


Was die Höhe der Minarette betrifft, so scheute sich der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust nicht, zu gestehen, dass ihm beim Gedanken an Minarette, die höher als der Hamburger Michel seien, doch nicht so wohl sei:


Maybritt Illner: Wenn wir gleich fragen, was Herr Alboa uns dazu sagt, und Ole von Beust bei uns ist, der erste Bürgermeister der schönen Stadt Hamburg, und uns erzählt, oder besser gesagt, viel besser weiß als ich, dass insgesamt 40 Moscheen und Gebetshäuser in Ihrer Stadt gibt: Könnten Sie sich – ganz praktische Frage, auf die der Bischof salomonisch nicht antworten wollte – könnten Sie sich vorstellen, dass ein Minarett höher ist als der Hamburger Michel?

Ole von Beust:: Das wird schwierig. Das sage ich ganz ehrlich..Michel, das Wahrzeichen, das christliche Wahrzeichen der Stadt, wo die Tradition eine christliche Tradition ist, aber ich kann mir vorstellen, in Vierteln, wo erheblich mehr Muslime wohnen als Christen wohnen, dass auch die Christen bereit sind zu akzeptieren, dass die Muslime in einer Form ihren Glauben ausüben, wie wirs als Christen auch erwarten tun zu können. Das ist immer eine Einzelfrage, wo es wirklich hinpasst, und es gibt solche Viertel, und da scheint es denkbar zu sein, aber höher als der Michel, höher als das christliche Wahrzeichen, dafür können Sie mich nicht begeistern.

Zum Schluss der Talkshow kam noch der Präsident eines türkischen Fussballvereins aus Berlin zu Wort, der im Publikum in der ersten Reihe brav bis zu seinem Auftritt gewartet hatte. Der redete zwar viel, sagte aber wenig, außer dass auch er natürlich wußte, wer sich bei der Integration zu bewegen habe:


es geht hier wirklich um oben und unten, um Unterdrückte und Ausbeuter, …ich frag mich wirklich, ob jemand gefragt hat, dass sich die Deutschen mal ein bißchen anpassen sollten…es ist wichtig, dass man die Kulturen tauscht…

Mehr blieb da nicht zu sagen: Deutsche, paßt euch an, habt mehr Verständnis für die Kulturen der Immigranten, und nehmt euch Günter Grass zum Vorbild: der hat ja schon mal vorgeschlagen, als Zeichen der Versöhnung mit den Muslimen eine Kirche in Lübeck in eine Moschee umzuwidmen.
Hätte diesen Vorschlag jemand in der Runde auch nur ansatzweise positiv aufgegriffen, wäre Walter Mixa vielleicht wieder aufgewacht und hätte mit wehender Bischofsrobe – welche Vorstellung! – die Talkshow verlassen. Vielleicht nächsten Donnerstag?


[1] Sendung von Maybrit Illner am 08.11.2007 im ZDF

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