Israel, die Spieltheorie und der Nobelpreis


Links denken, Rechts wählen: das grundsätzliche Paradoxon in der israelischen Politik ist das Tauben-Falken-Paradoxon: schrieb am 12.12.2002 Ari Shavit in der Ha’aretz, womit er meinte, dass die Israelis zwar gerne so schnell wie möglich Frieden wünschten (für einen Linken wie Shavit ist das ein „linkes“ Ziel), aber dies lieber den „rechten“ Politikern (damals Sharon et.al.) als Aufgabe übertragen. Und das empfand er als paradox und gleichzeitig vernünftig. In seinem Artikel ([10]) begründet Shavit seine Behauptungen mit einer Analyse der Statistik der israelischen Verluste seit 1986. Peter Czauderna und Max Duerre haben sich die Mühe gemacht, Shavits Überlegungen in ein mathematisches Modell zu übertragen ([16]).

Shavit ist nicht der einzige Israeli, der ein Konzept der mathematischen Spieltheorie (das Tauben-Falken-Paradox ist ein Beispiel für eine „evolutionär stabile Strategie“ aus der Spieltheorie) in seine Argumentation einbezieht.
Vor kurzem schrieb Wladimir Struminski in der Jüdischen Allgemeinen über Eldad Pardo, einen führenden israelischen Iran- und Strategieexperten am Truman-Institut für Friedensforschung der Hebräischen Universität in Jerusalem, der ebenfalls gerne mit spieltheoretischen Argumenten hantiert.

Pardo behauptet:
„Scharfe Wirtschaftssanktionen würden den Fortbestand des iranischen Regimes bedrohen. Um ihre Macht nicht zu gefährden, wäre die iranische Führung zur Einstellung des Atomprogramms gezwungen.“ Unabhängig davon, wie erfolgversprechend Sanktionen wirklich sein können, hat Pardo Recht mit seiner Schlussfolgerung, dass der Iran nach einer Rückkehr zu „zivilisierten Umgangsformen“ mit den eigenen Bürgern und anderen Staaten glänzende Aussichten für seine Wirtschaft hätte, von der gerade auch die Europäer profitieren würden.
Es sieht allerdings nicht so aus, als wenn die Europäer sich zu einer konsequenten Sanktionspolitik durchringen könnten.

„Möglicherweise hoffen einzelne Akteure, dass jemand anders die Arbeit übernimmt und sie selbst einer Konfrontation mit dem Iran aus dem Weg gehen können. In der Spieltheorie ist diese Variante bekannt.“

In der Tat, dort spricht man vom Trittbrettfahrer-Problem, für das es diverse Lösungen gibt ([12]). Die „Anderen“ sind in diesem Falle die USA und Israel, und die Trittbrettfahrer einige europäische Staaten, darunter Deutschland. Das Trittbrettfahrer-Problem spielt vor allem in den Anwendungen in der Ökonomie und Soziobiologie eine Rolle, aber seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch in der Evolutionsbiologie.
Daß man Prozesse und Entscheidungen in Politik, Wirtschaft oder Sport mit Modellen der mathematischen Spieltheorie beschreiben kann ist eine Idee, die auf den Begründer dieser Theorie zurückgeht ,
den jüdischen Bankierssohn John von Neumann ([14]), der schon als Sechsjähriger achtstellige Zahlen im Kopf dividieren konnte. Von Neumann war wie der Begründer der Kybernetik, der sieben-achtel-Jude Norbert Wiener, mit einem fotografischen Gedächtnis ausgestattet, und litt ebenso wie dieser unter dem Stigma, ein „Wunderkind“ zu sein.
Von Neumanns Forschungen wurden nach dem 2.Weltkrieg von John Nash weitergeführt, jenem exzentrischen Mathematiker, der fast dreißig Jahre lang als paranoider Schizophrener zwischen Universität und psychiatrischer Klinik hin- und herwechselte. Die meisten kennen Nash aus dem mit 4 Oscars ausgezeichneten Film „A Beautiful Mind“ mit Russel Crowe in der Hauptrolle. Zusammen mit Nash wurden im Jahre 1994 die beiden Mathematiker Reinhard Selten und John Harsanyi (beide jüdischer Abstammung), mit dem Nobelpreis für ihre Forschungen auf dem Gebiet der Spieltheorie ausgezeichnet.
Bis zum Jahre 2005 gab es weitere 5 Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften mit jüdischer Abstammung (zum Teil Israelis), 7 in der Medizin, 5 in der Chemie und 11 in der Physik, ohne die Preise für Frieden bzw. Literatur mitzuzählen.

Im Jahre 2005 wurde dann mit Robert J. Aumann ein Mann mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, der die Spieltheorie insbesondere zur Erklärung von Krieg und Frieden ausgeweitet hat.
Aumann, ein humorvoller Mensch mit einem Rübezahlbart, wurde 1930 in Frankfurt/Main geboren, hat inzwischen 17 Enkel und flüchtete wie von Neumann, Wiener und Einstein mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten in die USA. Seit 1956 arbeitet er an der Hebräischen Universität in Jerusalem.
In einem Vortrag vor der ETH in Zürich [6]nach der Verleihung des Nobelpreises gab dieser freundliche ältere Herr ein paar Statements von sich, die andere Nobelpreisträger wie etwa Günter Grass oder Harold Pinter (übrigens auch ein Jude) in wütendes Geheul hätte ausbrechen lassen:

Krieg sei ein steter Begleiter der Menschen, sagte Aumann, ein Phänomen, nicht aber eine Serie von Einzelereignissen. Er erinnerte etwa an die Situation im Iran und in Nordkorea. Die Anstrengungen, einzelne Konflikte zu lösen, seien ehrenvoll und würden auch Früchte tragen. Es gebe aber auch andere Wege, um das Thema zu betrachten, unter anderem auch mit Rationalität. „Weshalb zieht Homo economicus – der rationale Mensch – in den Krieg?“, fragte der jüdische Mathematiker. Und gab die Antwort selbst. Krieg sei rational. „Es ist ein grosser Fehler, Krieg als irrational abzutun“, sagte Aumann.

Er hat deshalb Methoden entwickelt, um Kriege mit Hilfe der Ökonomie zu analysieren. In der Wirtschaft gehe es um Anreize. Dasselbe gelte für Krieg und Frieden. „Ich spreche über die Anreize, die zu Krieg führen respektive den Frieden fördern.“ Welche Anreize müsste man schaffen, um Krieg zu verhindern? Abrüsten, sagen die meisten. Falsch, sagte der Nobelpreisträger von 2005. Man könnte auch genau das Gegenteil anstreben. In den langen Jahren des Kalten Krieges habe das Gleichgewicht des Schreckens mit seinen Bombern, die 24 Stunden täglich 365 Tage im Jahr Atomwaffen herumgetragen hätten, „heissen“ Krieg verhindert. „Abrüstung“, so Aumann ,“hätte zu einem Krieg geführt.“

Robert Aumann wird von der jüdischen Presse gerne als „zutiefst gläubiger“ Mensch beschrieben. Woran er glaubt, wird nirgends berichtet, aber eins ist sicher: als Mathematiker steht für ihn die Wahrheit einer Behauptung erst dann fest, wenn diese nach den Regeln der Logik bewiesen wurde. Daher ist auch seine Beschäftigung mit dem Talmud eher von seiner mathematischen Leidenschaft geprägt als von blindem Glauben. So stellte er auf einem Vortrag in Wien 2005 ([17]) die Lösung eines Problems aus dem Talmud vor – natürlich mit spieltheoretischen Mitteln.
Dass jüdische Mathematiker und Naturwissenschaftler wenig mit dem Glauben an ein höheres Wesen anfangen können, bestätigten 2005 in einem Interview mit Tobias Kaufmann auch die Nobelpreisträger Baruch S. Blumberg (Medizin 1976), Jerome Karle (Chemie 1985) und Rudolph A. Marcus (Chemie 1992).
Auf die Frage, ob sie die Bedenken speziell in Deutschland gegenüber Gentechnik und Stammzellenforschung verstehen würden, antwortete etwa Jerome Karle:

Ich empfinde es als Desaster, wenn Menschen in die Forschung eingreifen, die weder von Wissenschaft im allgemeinen noch von Genetik im besonderen Ahnung haben.

Insofern muss es dem jüdischen Chemienobelpreisträger besonders übel aufstoßen, dass in Deutschland jedes Gremium, das sich mit Gentechnik befasst, ganz selbstverständlich mit Theologen, Psychologen und Sozialwissenschaftlern besetzt ist, deren einziges Ziel ist, alles was „unnatürlich“ ist, gesetzlich zu verbieten.
Was den Glauben an Gott angeht, lassen die drei Nobelpreisträger erkennen, dass sie eher in der Tradition Albert Einsteins stehen, der einmal sagte:Der Gedanke an einen persönlichen Gott ist mir völlig fremd und kommt mir sogar naiv vor.

Jerome Karle formuliert es so:

Ehrlich gesagt gibt es für mich keinen erdenklichen Grund, davon auszugehen, daß es ein Wesen gibt, das diese Welt erschaffen hat. Ich möchte niemanden verletzen, aber ich habe festgestellt, daß fromme Menschen in der Regel nichts über die Welt wissen und daß sie oft Menschen sind, die sich ganz anders benehmen, als es gottgefällig wäre. Ich habe kürzlich von einem Prediger in den USA gehört, der von der Kanzel herab gedroht hat, er werde jeden aus der Gemeinde werfen, der die Demokraten wählt. Er hat das in die Tat umgesetzt. Das ist Religion, oder?


Und Rudolph Marcus:
Ich war in der Religionsschule, habe Barmizwa gemacht, bin ein bewußter Jude – aber das Religiöse hat mich nicht ergriffen. Ich vermute, das ist eine Kopfsache. Ich habe immer nach Gründen und Zusammenhängen gefragt. Es fällt mir schwer, mich an eine Art höhere Autorität zu wenden, die alles erklärt. Die Befriedigung, die Glauben mit sich bringt, habe ich nie gefühlt.

Die Reihe der Nobelpreisträger jüdischer Abstammung, die sich mit der Spieltheorie und verwandten mathematischen Theorien beschäftigen, endet vorerst im Jahre 2007 mit der Auszeichnung von Leonid Hurwicz, der gleichzeitig der älteste seiner Art ist: erst mit 90 Jahren bekam er die Auszeichnung für seinen Mechnanism Design Theory, deren Entdeckung schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt, die sich aber in der Zwischenzeit bewährt hat, wie die Beispiele ebay, Versteigerung von UMTS-Lizenzen und Regulierungsbehörden zeigen ([2]).

In der Reihe jüdischer bzw. israelischer Mathematiker, die sich mit der Spieltheorie beschäftigen, gibt es aber noch weitere Koryphäen, die irgendwann einmal für den Nobelpreis vorgeschlagen werden könnten: z.B. Dov Samet, der an der University of Tel Aviv lehrt und im Oktober 2006 eine Verallgemeinerung von Robert Aumanns „Agreement Theorem“ bewiesen hat.([19],[20])

Vielleicht sollte Olmerts Regierung sich regelmäßig von einem Think Tank aus israelischen Spieltheoretikern beraten lassen. An allen nur denkbaren Konfliktsituationen mangelt es ja nicht in der Umgebung….


Anhang:Nobelpreisträger Aumann über logische Rätsel in jüdischen Schriften.

(Aus http://www.diepresse.com/home/techscience/wissenschaft/62561/index.do)

Das Problem aus dem Traktat Ketubot
Eines der berühmtesten Probleme steht im Traktat Ketubot: Ein Mann stirbt und hinterlässt drei Frauen. In den Heiratsverträgen wurde der ersten Frau 100 Zuz zugesagt, der zweiten 200 und der dritten 300 Zuz. Dummerweise hinterließ der Mann weniger als jene 600 Zuz, die zur Befriedigung aller Ansprüche notwendig wären. Der Talmud führt nun drei Fälle an: Beträgt das Erbe 100 Zuz, bekommt jede Frau 331/3 Zuz – das Erbe wird also gleich verteilt. Bei 300 Zuz wird das Vermächtnis proportional 50:100:150 aufgeteilt. Bei einer Hinterlassenschaft von 200 Zuz berichtet der Talmud von einer Aufteilung 50:75:75.

Während die ersten beiden Fälle logisch und gerecht sind, erscheint die dritte willkürlich. Folgt die Verteilung der 200 Zuz trotzdem einer Regel? Und: Gibt es zudem eine übergeordnete Regel, die alle drei Verteilungen erklärt? „Über 2000 Jahre haben Gelehrte dieses Problem studiert, keiner war in der Lage, es zu verstehen“, erzählte der Spieltheoretiker Robert J. Aumann (Wirtschaftsnobelpreis 2005) am Montagabend in der Akademie der Wissenschaften. Und weiter: „Ich habe es herausgefunden.“


Anmerkungen und Links

[1] Die Väter der «Design-Theorie»
[2] Anke Weber von der Deutschen Bank erklärt die „MEchanism Design Theory“
[3] Jüdische Nobelpreisträger
[4] Gedächtnisforschung und Erinnerung – Eric Kandel
[5] INTELLEKTUELLER VERGLEICH MIT DER Arabischen moslemischen Welt
[6] Robert J. Aumann an der ETH am 22.11.2006
[7] Vortrag von Aumann in Wien 2006
[8] 29.07.2005: Tobias Kaufmann zitiert aus einem Interview mit drei betagten, jüdischen US-Nobelpreisträgern
[9] Spieltheorie in Wikipedia
[10] Links denken, rechts wählen
[11] Ari Shavit interviewt benny Morris (Survival of the fittest)
[12] Das „Trittbrettfahrer-Problem“: Festkörperphysik „erklärt“ menschliche Kooperation
[13] Ökonomie-Nobelpreis für zwei Spieltheoretiker (2005)
[14] Wikipedia über John von Neumann
[15] Norbert Wiener: Mathematik – Mein Leben, Fischer Taschenbuch
[16] Anwendung des taube- und Falken-Problems auf den Nahen Osten
[17] Spieltheorie im Talmud
[18]Liste aller jüdischen Nobelpreisträger
[19] Veröffentlichungen von Dov Samet
[20] Homepage Dov Samet

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Eine Antwort zu Israel, die Spieltheorie und der Nobelpreis

  1. Positron schreibt:

    Interessant Artikel, welche Erklärung(en) gibt es eigentlich dafür dass Juden soviele Nobelpreise erhalten haben, gemessen an ihrem Anteil an der Weltbevölkerung. In meinen Augen handelt es sich dabei um ein erstaunliches Phänomen.

    Ich möchte betonen das ich nach einer rationellen Erklärung suche, welche frei von Verschwörungstheorien und Antisemitismus ist.

    MfG Positron

    PS. vielleicht ergeben sich daraus ja einigen Erkentnisse für die Kindererziehung

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